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Grenzwertig

Man könnte fast ein Komplott vermuten. Eine unheilige Allianz zur Ankurbelung des Absatzes. Da haben Hersteller wie Regierende den Dieselmotor über Jahre als die Verschmelzung von Kraft und Effizienz gepriesen. Als deutschen Beitrag im Kampf gegen die Erderwärmung. Und die Leute, angetan von so viel kluger Technik, kauften und kauften Hochverdichter. Jetzt, wo die Zukunft des Selbstzünders so düster scheint wie das Innere eines Auspuffrohres, verheißen dieselben Figuren das Heil im Ottomotor. Und die Leute, verstört von all den Debatten um Stickoxide und Fahrverbote, kaufen und kaufen Benziner.



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Doch siehe da: Plötzlich steht auch der im öffentlichen Verruf. Zumindest wenn er als Direkteinspritzer tätig ist. Denn was im Brennraum Kraftstoff und Abgase spart, setzt jenseits des Auslassventils feinsten Staub frei. Seit September 2017 gelten strengere Grenzwerte – aber nur bei der Einführung neuer Fahrzeugtypen. Erst ab September 2018 greift die Partikel-Grenze für alle neu zugelassenen Benziner.

Aber warum an Verschwörung glauben, wenn Einfalt als Erklärung reicht? Über Jahre und diverse Verkehrsminister gab man sich an führender Polit-Position mit Zertifikaten zufrieden, die sich die Hersteller selbst ausgestellt hatten. Wer nach wirklich besserer Luft rief, geriet umgehend in den Verdacht, bloß der heimischen Automobilindustrie schaden zu wollen.

Und so werden Grenzwerte überschritten seit es sie gibt. Interessiert hat das niemanden. Am allerwenigsten die Kanzlerin, die sich so gerne als eine des Klimas gab. Es bedurfte schon eines Eiferers, der einem umstrittenen Abmahnverein vorsitzt, um Angela Merkel an ihre Pflicht zu erinnern, Schaden von den Lungen des deutschen Volkes zu wenden.

Und die Erfolge gegen den Versuch des Aussitzens mehren sich. Eben erst wurde Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf vom Verwaltungsgericht des Freistaats für Untätigkeit gemaßregelt. Mit allgemeinem Blabla im Entwurf des Luftreinhalteplans genüge sie nicht den Vorgaben, erklärte die Vorsitzende Richterin Martina Scherl, sprach von einer "halben Larifari-Seite", einer "Alibiplanung" und verhängte ein Zwangsgeld von 4000 Euro gegen die CSU-Alleinregierung in München, weil sie trotz Abgas-Belastung noch immer keine möglichen Fahrverbote vorbereitet habe.

Parallel dazu hat die EU-Kommission Deutschland und acht anderen europäischen Ländern eine letzte Frist bis Sonntag gesetzt, um etwas gegen die hohe Luftverschmutzung in den Städten zu unternehmen. Anderenfalls werde es zu einer Klage kommen. Und dann droht ja immer noch, dass am 22. Februar von den karmesinroten Roben zu Leipzig die Gesundheit der Menschen schwerer gewichtet wird als auskömmliche Renditen der Autobauer – mit Fahrverboten als direkte Folge.

So drohen jetzt also nicht nur beim Selbstzünder Zylinderköpfe zu rollen, sondern womöglich beim Benziner gleich mit. Dem einen wird massiver Stickoxid-Ausstoß zum Verhängnis, dem anderen der Feinststaub. Selbst mit der "blauen Plakette", so sie überhaupt eingeführt werden sollte, würden nach Schätzungen des ADAC neben 13 Millionen Autos mit Diesel wohl auch gut drei Millionen des Prinzips Otto ausgesperrt.

Was man aus den GroKo-Verhandlungen hört, ist das alles kein zentrales Thema. Es bleibt bei Absichtserklärungen. Dass man keine Fahrverbote wolle, zum Beispiel. Auch wenn damit kein bisschen gesagt ist, dass sie nicht doch kommen. Krankheit oder schlechtes Wetter will schließlich auch keiner. Und dass es technische Verbesserungen für Euro-5-Diesel geben soll – soweit technisch möglich und wirtschaftlich vertretbar. Was nichts anderes heißt, als dass es eben genau keine Nachrüstung mit Harnstoff-Reinigung geben wird, weil interessierte Kreise sie als technisch unmöglich und wirtschaftlich nicht vertretbar einstufen. Schließlich wollen Hersteller wie Regierung, dass neue Autos gekauft werden.

Und so strebt die werdende GroKo eine "zügige Flottenerneuerung mit real emissionsarmen Fahrzeugen" an – der unverhohlene Appell, jetzt doch endlich in Massen Plug-In-Hybride und Elektromobile zu ordern. Grenzwerte hin oder her.

Natürlich ist das Augenwischerei, weil sich der scheinbare Emissionsvorteil daraus ergibt, dass die Ladung der Batterie nicht mitgerechnet wird. Ist sie erst leergefahren, verbraucht ein Doppel-Herz-Auto auf dem Rest der Strecke sogar deutlich mehr. Und solange der Strom großteils aus Kohle stammt, steht ohnehin nur der Auspuff woanders.

Weil Union und SPD Klima-Ziele bis 2030 aber jetzt doch irgendwie festschreiben wollen, werden sich die ersten Politiker wohl bald wieder an den CO2-freundlicheren Diesel erinnern. Nicht ausgeschlossen, dass er von höherer Stelle bald wieder nachdrücklich zum Kauf empfohlen wird . . .

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Wolfgang Plank

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Veröffentlicht am:
08. 02. 2018
18:15 Uhr

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08. 02. 2018
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