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Runter vom Gas?

Das Thema Tempolimit entzweit. Die Gegner haben kaum Argumente, aber mächtige und laute Stimmen.



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Die SPD ist mal wieder dabei, in eine Sackgasse zu steuern. Was angesichts des Themas ein hübsches Bild ist. Schließlich wollen die Grünen bald den Bundestag über Tempo 130 auf Autobahnen entscheiden lassen. Das Limit gefällt vielen Genossen – aber selbstredend nicht, wenn der Antrag von der Opposition kommt. Dann lieber Fraktionszwang – und brav mit der Union gestimmt. Von wegen Koalitionsräson und so. Im Willy-Brandt-Haus werden sie nach der nächsten Wahl wieder die Köpfe wiegen und über den Undank der Wähler sinnieren. Aber wer in der Sackgasse auch noch Vollgas gibt . . .

Seit Jahrzehnten ist das Tempolimit eine Glaubensfrage. Und wie üblich spielt Vernunft da keine Rolle. Nicht mal die Befürworter sind sich einig. Mal bemühen sie den Umweltschutz, mal die Verkehrssicherheit und mal die Tatsache, dass der Rest Europas schon längst nicht mehr Vollgas fahren darf. Auf die echte Spaßbremse aber traut sich am Ende dann doch keiner zu treten. Könnte ja eine Art Gelbwesten-Protest zur Folge haben.

Auch die Gegner kollektiver Einbremsung geben sich verdruckst: Abseits der Autobahnen ereigneten sich sehr viel mehr Unfälle, geben sie gerne zu Protokoll, der Effekt fürs Klima sei marginal, der Verlust an Zeit hingegen enorm – und überhaupt drohe dem Land ohne freie Fahrt der technologische Untergang. Wer sollte noch all die High-Tech-Bremsen brauchen, die computerberechneten Knautschzonen und die ausgeklügelten Airbags?

Dabei sind alle vernünftigen Argumente bei den Tempolimitierern – sie verhallen aber, weil sich bei den Rasanz-Bewahrern die mächtigeren und lauteren Stimmen versammeln. Denn selbstverständlich stößt ein Auto bei flotter Fahrt mehr Abgase aus als bei langsamer. Und natürlich steigt mit der Schnelligkeit das Unfallrisiko. Weil in die Energie-Formel die Masse eines Körpers linear einfließt, die Geschwindigkeit aber quadratisch. Anders gesagt: Bei einem doppelt so schweren Auto muss die doppelte Energie abgebaut werden, bei einem doppelt so schnellen halt schon die vierfache.

Folge dieser Erkenntnisse müsste eine sofortige Begrenzung der freien Fahrt sein. So logisch wie es Tabakverzicht, Abstinenz, ausgewogene Ernährung und Sport in Maßen eben auch sind. Und ja: Menschen sind nicht immer vernünftig. Schon gar nicht gerne. Sie rauchen, essen zu fett, trinken zu viel und lungern zu oft auf der Couch. Und manchmal finden sie das sogar toll. Aber wenn man ehrlich ist, taugt nichts davon als überzeugende Begründung dafür, dass man zumindest ab und an auch mal rasen müsse.

Der gewaltige Unterschied nämlich: Während Raucher, Schlemmer, Säufer und Faulenzer bloß sich selbst zugrunde richten und allenfalls Kranken- und Sozialkassen schädigen, gefährden Raser stets auch andere an Leib und Leben. Da mag die Eigenwahrnehmung noch so anders sein – die Wenigsten derer, die die linke Spur für eine Tiefflug-Schneise halten, wären zu einer angemessenen Reaktion auch nur ansatzweise imstande, falls plötzlich Unvorhergesehenes passierte.

Ein Beleg hoher Fahrkunst ist die Jagd auf der Geraden ohnehin nicht. Könner – und Könnerinnen – beweisen sich eher in couragierter Bogenfahrt. Wer also glaubt, es besonders ambitioniert treiben zu müssen, steuere Sachsen-, Lausitz- oder Nürburgring an. Besucher-Ticket lösen und nach Herzenslust im Grenzbereich gastieren. Beschert vor Ort jede Menge Spaß – und Seelenruhe im Alltag, wo kein Kiesbett schützt und kein Reifenstapel.

So ein Tempolimit müsste ja nicht zwanghaft bei 130 liegen. Warum nicht ohne Schaum vor dem Mund über 160 reden? Sehr viel schneller fahren auf Dauer doch sowieso die Wenigsten. Nach einem Jahr Test könnte man dann ja mal bilanzieren, ob bei all den guten Effekten tatsächlich so viel Zeit und Lebensgefühl verloren geht. Was eher wenig taugt, ist der reflexhafte Verweis auf die Gefahr für den Standort Deutschland. Würden sich Tempolimit und der Wunsch nach schnellen Autos nämlich ausschließen, müssten Porsche und Co. fast überall auf der Welt ihre Verkaufsräume zusperren.

Stattdessen duckt sich die große Koalition weg. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) päppelt unverdrossen die schnelle Hälfte des fahrenden Volkes – und seine Umwelt-Kollegin Svenja Schulze (SPD) notgedrungen die langsame. Für die Klimaziele bedeutet das: Jetzt erst mal nicht, irgendwann aber umso ehrgeiziger. Hauptsache später.

Dabei hätten Frau Schulze und mit ihr die SPD nicht nur die stärkeren Argumente, sondern laut Umfragen sogar eine Mehrheit. Andreas Scheuer hingegen fiel bislang bloß ein, die Debatte als "gegen jeden Menschenverstand" abzutun. Allerdings wollte der Mann auch schon die Bundestags-Experten des Wissenschaftlichen Dienstes vom Hof jagen – weil sie lange vor dem Europäischen Gerichtshof festgestellt hatten, dass Scheuers Maut nicht rechtens sei.

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Wolfgang Plank

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Veröffentlicht am:
10. 10. 2019
14:00 Uhr

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10. 10. 2019
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