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Strom aufwärts

Das Ziel ist klar: Bei Volkswagen treiben sie Elektromobilität auf die Spitze. Und zwar auf die Spitze schlechthin. Beim "Pikes Peak International Hill Climb", wie das legendäre Bergrennen am Rand der Rocky Mountains offiziell heißt, wollen sie schneller fahren als je ein Elektroauto zuvor. Ein Rekord dort soll zeigen, was gehen kann mit Motoren, die keine Kolben haben, sondern Wicklungen.



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Pikes Peak ist nicht irgendein Berg. Er ist der Berg. Der Olymp, um im Bild zu bleiben. Jedenfalls wenn man sich für Autos begeistert. Wer ihn bezwingt, steht auf einer Stufe mit Siegern der 500 Meilen von Indianapolis oder der Rallye Monte Carlo. Seit 1916 jagen dort, nahe von Colorado Springs, Rennwagen himmelwärts. Exakt 19,99 Kilometer Distanz, 156 Kurven. Als Rallye-Legende Walter Röhrl im Audi Quattro S1 dort 1987 in Rekordzeit den Gipfel stürmte, war die Strecke größtenteils ein Schotterpfad, seit 2012 ist sie komplett asphaltiert.

Nun gibt es viele Bergrennen auf der Welt, doch was Pikes Peak so einzigartig macht, ist die enorme Höhe. Bei 2862 Metern wird gestartet. Die Zugspitze ist nur wenig höher. Das Ziel liegt auf 4302 Metern. Das wäre knapp unterhalb des Matterhorn-Gipfels. Kein Wunder, dass Verbrennungsmotoren dort oben im Wortsinn die Luft ausgeht. Rund ein Drittel verlieren sie in der Folge an Leistung.

Eine Batterie indes interessiert weder Luftdruck noch Sauerstoffgehalt. Das ist der große Vorteil, den der Volkswagen I.D. R Pikes Peak gegenüber der Kolbenmotor-Konkurrenz hat. Der Nachteil ist das hohe Gewicht. So ein High-Tech-Akku wiegt schwer. Aber es gilt eben auch ausreichend Saft an Bord zu haben, um unter 8.57,118 Minuten zu bleiben – jener Elektro-Bestmarke, die der
Neuseeländer Rhys Millen im Jahr 2016 aufgestellt hat.

Wie es am Berg nicht laufen soll, wissen sie bei VW nur zu gut. Im Jahr des Röhrl-Sieges war auch der Kölner Jochi Kleint am Start. Am Steuer eines silbernen Bimoto-Golf – ein rasender Gitterrohr-Rahmen, der noch heute Kult-Status genießt. Ein Vierventil-Turbo vorne, einer hinten. Längs eingebaut und mit je 326 PS. Am Ende stoppte ein gebrochenes Gelenk an der Radaufhängung den Gipfelsturm – drei Kurven vor dem Ziel.

In den Morgenstunden des 24. Juni soll nichts die Rekordfahrt gefährden. Am Steuer wird Romain Dumas sitzen. Der 41 Jahre alte Franzose war schon dreimal in Le Mans siegreich – vor allem aber hat er im vergangenen Jahr zum dritten Mal Pikes Peak gewonnen. Weil die Strecke nur auf Abschnitten trainiert werden darf, geht nichts über durchgängige Ortskenntnis. Wenn also einer weiß, wie man schnell himmelwärts fährt, dann Dumas.

Sein Gefährt ist eine futuristische Flunder. So windschnittig, dass es für Türen nicht gereicht hat. Dumas muss übers Dach einsteigen. Wie in einen Kampfjet. Und ähnlich geht es da auch zu: Zwei Elektromotoren mit zusammen 680 PS und 650 Nm Drehmoment katapultieren das 1100 Kilo schwere Gefährt in 2,25 Sekunden auf Tempo 100 und weiter bis 240. Der Start sieht aus, als hätte jemand an einem Katapult das Halteseil gekappt.

Bei VW Motorsport haben sie lange getüftelt. Man könnte spielend auch 2000 PS mobilisieren – mit einem Monstrum an Batterie. Doch das wäre womöglich nicht klug. Bei durchschnittlich sieben Prozent Steigung ist jedes gesparte Gramm wertvolle Zeit. Bei Strom aufwärts zählt das Optimum aus Leistung und Gewicht. Kleiner Vorteil: Die volle Ladung muss der Akku nicht an Bord haben. Etwa 20 Prozent erzeugt der Flachmann unterwegs beim Bremsen. Ganz wie ein Serien-Stromer auch.

Selbstverständlich haben sie in Hannover, wo VW Motorsport zuhause ist, die Rekordfahrt am Computer wieder und wieder simuliert. Und sie sind überaus zuversichtlich unter 8.57,118 zu bleiben. Vorausgesetzt natürlich, der Berg spielt mit. Es gab auch schon Schnee und Nebel am Renntag. Dann wäre alles vergeblich gewesen.

Bleibt die Frage, ob der I.D. R Pikes Peak womöglich sogar 8.13,878 knacken kann. Das ist die schnellste Zeit, die je am Pikes Peak gefahren wurde. Der neunfache Rallye-Weltmeister Sébastien Loeb hat sie 2013 mit einem Peugeot 208 T16 in den Asphalt gebrannt. Bei VW Motorsport schweigen sie dazu derart hartnäckig, dass es schon beinahe verdächtig ist…

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Wolfgang Plank

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Veröffentlicht am:
09. 05. 2018
15:15 Uhr

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09. 05. 2018
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