Lade Login-Box.
Topthemen: 30 Jahre GrenzöffnungBlitzerwarnerVER SelbGerch

 

Wiederverkauf verlängert Lebenszeit von Waren

Deutsche Onlinehändler werden von zurückgegebener Ware überschwemmt. Was tun mit den teuren Retouren? Ein Zauberwort heißt Reselling, und eine norddeutsche Firma macht es vor.



Retourenvermarkter Avides
Ein Mitarbeiter des Retourenvermarkter Avides überprüft ein elektronisches Gerät.   Foto: Carmen Jaspersen/dpa » zu den Bildern

Für den Onlinehandel sind Retouren ein Problem, Ralf Hastedt macht daraus ein florierendes Geschäft. Täglich bringen 15 bis 20 Lastwagen Waren zu seiner Handelsfirma Avides in das Dorf Hemsbünde zwischen Hamburg und Bremen.

Vieles davon haben Verbraucher an große Versandhändler wie Amazon zurückgehen lassen, manchem Stück hätte die Entsorgung im Müll gedroht. «Wir sehen uns als Lebenszyklenverlängerer», sagt Hastedt (52). Avides prüft die Waren, verpackt sie neu und bringt sie doch noch an die Frau oder den Mann. 10.000 bis 15.000 Notebooks, etwa 20.000 Fernseher, 300.000 Kleidungsstücke wandern jährlich über den Hof.

Retouren-Wahnsinn in Deutschland

Beim Aufschwung des Online-Bestellens ging es in den ersten Jahren um ein garantiertes Rückgaberecht und sicheres Bezahlen für die Kunden. Nun geht es um die Flut der Retouren. Dabei ist die Ware meist völlig in Ordnung. Doch die Kunden bestellen drei Hosen verschiedener Größen und lassen die zwei zurückgehen, die nicht passen. Oder die Wunschkamera findet sich billiger auf einem anderen Portal.

Jedes sechste Paket, jeder achte bestellte Artikel wurde 2018 laut der Studie Retourentacho der Universität Bamberg zurückgeschickt. Das waren 487 Millionen Artikel, die umsonst durch die Republik gekarrt wurden. Die Bearbeitung jedes Artikels kostete die Händler im Schnitt 11,24 Euro. «Das ist für die Umwelt übelst», sagt Hastedt über die Retouren, selbst wenn sie sein Geschäft sind. Die ökonomischen und ökologischen Kosten beschäftigen mittlerweile auch die Politik.

Boomgeschäft Wiederverkauf

In den meisten Fällen verkaufen die Versandhändler die zurückgegebene Ware selber. Wenn aber Lagerung, Transport und Arbeit zu teuer werden, kommen sogenannte Reseller wie Avides ins Spiel. «Diese Dienstleister können durch bessere Auslastung die Fixkosten besser verteilen. Sie finden mit ihrem Fachwissen effizient andere Verwerter», sagt Björn Asdecker vom Forschungsschwerpunkt Retourenmanagement in Bamberg. «Ich betrachte das Geschäftsmodell eher positiv, weil man damit eine weitere Stufe der Verwertung hat.»

Hastedt und sein Partner Christoph Burmester fingen 1997 an, im Netz CDs und DVDs zu verkaufen. «Wir waren Pioniere im Internethandel.» 2000 gründeten sie eine AG, weil sie sich «von den Garagenfirmen abheben» wollten. 2002 stiegen sie ins Reselling (Wiederverkauf) ein. Seitdem ist Avides gewachsen, Filialen entstanden in Großbritannien und Polen. 2017 machte die Avides Media AG mit 173 Mitarbeitern einen Umsatz von 54,2 Millionen Euro, so der Jahresabschluss.

Anderes Geschäftsmodell - ähnlicher Ursprung

Nicht alle Reseller haben das gleiche Geschäftsmodell. Rebuy in Berlin kauft gebrauchte Elektronik, Bücher und CDs bei Privaten und verkauft sie wieder. Retourenking in Birkenfeld (Baden-Württemberg) verkauft teils an privat. Für Händler gibt es billig Paletten unsortierter Retouren oder Restposten - Weiterverkaufswert ungewiss.

Bei Avides werden Mischposten aufgelöst. Die Kunst liegt darin, für jeden Artikel den richtigen Abnehmer zu finden. «Wir sind zu einer Drehscheibe geworden», sagt Hastedt. «Der eine braucht Grafikkarten, der andere Turnschuhe.» An Endverbraucher verkauft Avides unter dem Namen Sediva auf Plattformen wie Amazon oder real.de.

Außer Apple und Plagiaten wird fast alles gelagert

Die Waren werden in riesigen Hallen nach Qualitäten sortiert. «In der Elektronik sind das 70 oder 80 Kategorien», so Hastedt. Da gibt es neue Handys originalverpackt. In einen zweiten Karton wandern neue Handys mit beschädigter Packung, in einen dritten Geräte mit leichten Gebrauchsspuren - auch das können einige Händler brauchen. Und bei noch einer Kategorie müssen einzelne Geräte repariert werden. Deren Abnehmer sitzt dann oft nicht in der EU, sondern etwa in der Ukraine.

Mehrere Männer sortieren auch Flaschen harter Alkoholika - eine Folge dessen, dass Amazon vermehrt Lebensmittel und Getränke verkauft. Aber nicht alle Waren bei Avides sind Retouren. Auch wenn Produzenten die Modelle wechseln oder die Lager räumen, bringt Hastedt Restbestände «nicht marktstörend» unter, zum Beispiel eine Partie Schlagbohrer.

Elektroschrott wird entsorgt und auch Plagiate fliegen auf den Müll, so haufenweise Apple-Ohrhörer AirPod. «Mit Apple werden wir uns nicht anlegen», sagt Hastedt. Berichte über das massenhafte Wegwerfen zurückgegebener Waren haben zuletzt Wellen geschlagen. Nach Asdeckers Forschungen werden aber nur etwa vier Prozent der Retouren entsorgt oder verschrottet. Doch er sieht in dieser Frage auch die Weiterverkäufer in der Pflicht. «Reselling hilft zunächst zu vermeiden, dass Waren bei den Händlern entsorgt werden. Unklar ist aber, in welchem Ausmaß das Entsorgungsproblem nur verlagert wird.»

Veröffentlicht am:
21. 10. 2019
11:49 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Abfall Abfallbeseitigung Amazon Apple Dienstleister Elektromüll Elektronik und Elektrotechnik Gerät Handelsunternehmen Händler Internethandel und E-commerce Kunden Universität Bamberg
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Login - Passwort

30.09.2019

Zwei-Faktor-Authentifizierung: Deutsche Firmen drücken sich

Internationale Großkonzerne machen es vor: Für den Log-In können Kunden die Option wählen, das neben dem Passwort zusätzlich ein Einmalkennwort abgefragt wird. Viele deutsche Firmen lehnen das dagegen als zu kompliziert ... » mehr

Mac Book Pro

02.10.2019

Was beim Kauf gebrauchter Macs zu beachten ist

Macs und MacBooks sind für viele Menschen die Objekte technischer Begierde schlechthin. Doch die Apple-Rechner sind oft sündhaft teuer. Wer sie deshalb gebraucht kauft, sollte genau hinschauen. » mehr

Kirsti Dautzenberg

06.08.2019

Warum Sie bei Bezahldiensten genau hinschauen sollten

Wer einen Bezahldienst beim Einkaufen im Netz nutzt, erhält häufig automatisch einen Zusatzschutz. Doch kann man sich voll und ganz auf diese Käuferschutzprogramme verlassen oder gibt es Haken? » mehr

Onlineshopping

20.12.2018

Wann Online-Kunden günstiger einkaufen

Manchmal ist es beim Onlineshopping wie verhext: Ein gerade noch sehr günstiges Produkt steigt plötzlich im Preis. Woran liegt das? Und wie kann man sich sicher sein, nicht zu teuer einzukaufen? » mehr

Kann das echt sein?

21.05.2019

Bewertungen beim Onlineshopping nicht blind vertrauen

Im Internet winkt die große Vielfalt, doch welches Produkt ist am Ende das beste? Die Bewertung anderer nutzen viele Verbraucher hier als Orientierung. Doch beim Lesen ist stets Skepsis angebracht. » mehr

Onlineshopping

02.10.2019

So kauft man sicher und günstig im Netz ein

Im Internet einkaufen ist bequem. Doch wie findet man den besten Preis, schützt sich vor Betrügern und bekommt das bestellte Produkt möglichst schnell in die Hände? Experten haben die Antworten. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
21. 10. 2019
11:49 Uhr



^