Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: 75 Jahre FrankenpostCoronavirusJubiläumsgewinnspielBlitzerwarner

 

So wichtig ist bei Videospielen der Sound

Videospiele sind inzwischen ein Massenmarkt. Ihre volle Wirkung entfalten Spielewelten auch dank Musik. Die ist weit komplexer als Filmmusik - denn der Spieler bestimmt, wo lang es geht.



Christophe Kalkau
Christophe Kalkau, Komponist des Spieleentwicklers Handygames, untermalt Videospiele mit Musik. Er weiß, wie wichtig der Sound ist, um Emotionen zu wecken.   Foto: Nicolas Armer

Die Musik wird düster und bedrohlich. Der Gamer merkt sofort: Aufpassen, auf diesem Weg wird es gefährlich. Oder ein Schaf fliegt durch die Luft - begleitet von einem lauten «Määähhhh». Durch das Geräusch wirkt die Szene nicht wie Tierquälerei - sondern man muss unwillkürlich lachen.

Die Musik habe erzählerische Bedeutung, sagt der Videosound-Komponist Christophe Kalkau. «Man muss den Ton nur mal kurz ausschalten, um zu merken, wie wichtig er ist.» Es sei der Sound, der Emotionen wecke. Auch hätten manche Spielcharaktere eine Erkennungsmelodie, die immer dann erklingt, wenn der Charakter auftaucht. Bei der Entwicklung von Videospielen ist der Komponist daher von Anfang an eingebunden.

Sound folgt Handlung des Spielers

Kalkau ist für Music & Sound Design (Musik und Tongestaltung) beim Videospielunternehmen HandyGames in Giebelstadt (Landkreis Würzburg) angestellt. Auf einem ehemaligen Kasernengelände entwickelt ein Team aus 60 Leuten Spiele fürs Handy, für Konsolen und für Computer sowie auch Virtual Reality-Spiele.

«Videospielmusik ähnelt der Filmmusik, geht aber viel weiter», sagt Kalkau, der Klavier, Jazz und Filmmusik studiert hat. Bei einem Spiel sei die Musik nie gleich. Denn sie hänge davon ab, wie der Spieler handelt. Das Lied verläuft nicht linear nach einem stets gleichen Schema. Es muss zwischen Takten hin und her springen können.

Kalkau muss also so komponieren, dass die Anschlüsse immer stimmen. Keine einfache Aufgabe. «Der Spieler handelt schließlich nicht nach dem Timing und dem Rhythmus der Musik», so Kalkau. Allzu abrupte Übergänge löst er mit dominanten Tönen, welche die Aufmerksamkeit so stark ziehen, dass der Umbruch weniger auffällt. Noch komplizierter wird es bei sogenannten Virtual-Reality-Spielen - hier muss der Sound den realen Bewegungen des Spielers folgen. Etwa indem sich die Lautstärke ändert, wenn der Spieler den Kopf dreht - hin zu einer fiktiven Geräuschquelle.

Digitale Spiele sind längst kein Nischenprodukt mehr. Durch Handys kann jeder überall in Spielewelten eintauchen. Laut Verband der deutschen Games-Branche spielt jeder dritte Deutsche regelmäßig, Frauen genauso wie Männer. Das Durchschnittsalter liegt bei 36 Jahren. Die Über-50-Jährigen sind mit acht Millionen regelmäßigen Spielern stark vertreten. Der Branchenumsatz liegt bei 3,3 Milliarden Euro - dem Verband zufolge mehr als in der Musik- oder Kinoindustrie. In Europa sei Deutschland der größte Markt für Computer- und Videospiele, weltweit rangiere er auf Platz fünf.

Musikgenre muss zur Geschichte des Spiels passen

Die Spiele des unterfränkischen Unternehmens spielen Gamer in Europa wie in den USA und Asien. Sprache, Werbetrailer und Verpackungen passt das Unternehmen regional an. Aber die Musik ist überall gleich.

Die erzählten Geschichten sind vielfältig: Dramen, Komödien, Abenteur. Es gibt Strategiespiele und Rollenspiele, Action-Spiele und einfach «Casual Spiele». Manche Spiele entspannen, andere regen zum Lernen an, wieder andere sollen unterhalten.

Persönlichen Vorlieben darf Kalkau dabei keinen Raum geben: Mal komponiert er ein Familienspiel über Schäfchenwolken (Popmusik), mal eine Geschichte über Widerstand im Dritten Reich (dezente Streicher-Caféhaus-Musik), mal ein Schachspiel (nur Geräusche). Dann ein im Mittelalter verortetes Strategiespiel (Folk mit Harfen und Lauten) und ein Spiel mit Drachensteigen (Reggae). Salsa, Klassik, Drum'n'Bass - alles kam schon vor. Nur kein Schlager. «Dabei höre ich privat am liebsten Progressive Rock und Jazz», sagt der 38-Jährige.

Für die Kompositionen lässt sich Kalkau von anderen Musikern und Spielen inspirieren. Aber nicht zu stark, wie er sagt. Genau das sei die Herausforderung: Etwas Eigenes schaffen, das doch so bekannt klingt, dass der Spieler damit direkt eine Emotion verbindet. Dabei profitiert Kalkau von eigener Erfahrung: «Früher habe ich ein bisschen gezockt», sagt er. Heute fehle ihm die Zeit.

Großes Repertoire an Geräuschen

Kalkau spielt alles auf dem Keyboard ein. Und zwar alle Instrumente, egal ob Schlagzeug, Gitarre oder Harfe. Durch digitale Technik lässt sich jedes Instrument täuschend echt nachahmen. Für die richtigen Soundeffekte geht der Musiker auch mal auf einen Bauernhof oder blubbert mit einem Strohhalm in Wasser. Manchmal greift Kalkau auf Geräuschbibliotheken zu. «Wir können hier ja keine Panzer auffahren lassen, um sie aufzunehmen.»

Inzwischen können die Sounds in hoher Qualität wiedergegeben werden. «Früher musste alles auf eine Tonspur passen, heute kann ein einfaches Handy ein ganzes Orchester verarbeiten», sagt Kalkau.

Verändert hat sich ebenfalls, dass der Unterfranke sich mit anderen Gamesound-Designern austauschen kann. Auf die Frage nach einem Berufsverband lacht er nur - die Berufsgruppe sei noch viel zu klein. Aber sie gewinnt an Renommee. Symphonieorchester führen ihre Soundtracks auf. Und Kalkau darf Größen wie Paul McCartney und Hans Zimmer Kollegen nennen. Auch sie haben schon Videospiele komponiert.

Veröffentlicht am:
11. 03. 2019
14:32 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Computer Der Spieler Filmmusik HandyGames Hans Zimmer Harfen Jazz Mobiltelefone Musikarten und Stilrichtungen Paul McCartney Progressive Rock Schachsport Schäfchenwolken Videospiele
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
App «#SelfCare»

04.08.2020

Spielerisch zu mehr Konzentration

Spiele sind längst nicht mehr nur Zeitvertreib, sondern können als hilfreiche Begleiter im Alltag das Konzentrationsvermögen steigern und Stress abbauen. Doch welche Games kämen da infrage? » mehr

«River City Girls»

19.03.2020

Diese Videospiele sind echte Geheimtipps

Manches Videospiel wird zeitlebens als Geheimtipp gehandelt - und schafft nie den großen Durchbruch. Zeit, ein paar dieser versteckten Kunstwerke ins Rampenlicht zu rücken. » mehr

Kein «Overwatch», kein «Call of Duty»

12.02.2020

«Call of Duty» & Co verschwinden aus Nvidia-Dienst

Überall spielen. An nahezu jedem vernetzten Gerät. Im Basiszugang sogar kostenlos: Nvidias neuer Dienst für Videospiele verspricht viel - verliert aber bereits eine Woche nach Start populäre Titel. » mehr

«Tell Me Why»

01.10.2020

«Tell Me Why» ist eine interaktive Spurensuche

Erinnerung ist trügerisch, vor allem, wenn es um die eigene Kindheit geht. Darum geht es in «Tell Me Why», einem Videospiel nicht ohne Schönheitsfehler - aber mit dem Herz am rechten Fleck. » mehr

Riesige Welt

17.07.2020

«Ghost of Tsushima» ist ein spielbarer Samurai-Film

Epische Dramen und vielschichtige Helden: Kino-Klassiker wie «Die sieben Samurai» oder «Yojimbo» sind die offensichtliche Inspiration von «Ghost of Tsushima». Was taugt das Samurai-Kino als Spiel? » mehr

«Someday You'll Return»

29.06.2020

«Someday You'll Return» ist Horror in mährischen Wäldern

«Someday You'll Return» ist ein gruseliges Abenteuer-Spiel, das seine Spieler in die weiten Wälder Ost-Tschechiens führt. Dort muss ein verzweifelter Vater seine verschwundene Tochter wiederfinden. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
11. 03. 2019
14:32 Uhr



^