Lade Login-Box.
Topthemen: Bilder vom WochenendeHofer Filmtage 2019EhrenamtskampagneVER Selb

 

Was wird aus dem Checkpoint Charlie?

Ein Berlin-Besuch ohne den Checkpoint Charlie ist für viele Touristen undenkbar. Doch an dem historischen Ort der deutschen Teilung scheiden sich die Geister. Eine Momentaufnahme.



Checkpoint Charlie
Der Checkpoint Charlie zieht täglich Tausende Touristen an. Viele können die Bedeutung des einstigen Grenzkontrollpunkts aber kaum nachvollziehen.   Foto: Wolfgang Kumm

Am Checkpoint Charlie in Berlin standen sich nach dem Mauerbau 1961 Panzer gegenüber, er war ein weltweit bekanntes Symbol der deutschen Teilung. Heute können Besucher die Bedeutung des einstigen Grenzkontrollpunkts an der Friedrichstraße aber kaum nachvollziehen.

57 Jahre nach dem Bau der Mauer und 28 Jahre nach ihrem Fall ist der Ort ein Touristenmagnet. Doch originale Reste des DDR-Grenzregimes gibt es nicht auf dem provisorisch wirkenden Areal irgendwo zwischen Geschichtsvermittlung, Touristennepp und Kommerz.

Vor einer nachgebauten Kontrollbaracke der US-Army posieren falsche Soldaten mit US-Fahne, kassieren drei Euro für ein Foto. Ein Schild warnt wie früher: «Sie verlassen jetzt den amerikanischen Sektor.» Eine Kopie. Das Original befindet sich im privaten Mauer-Museum wenige Meter entfernt, dessen Souvenirshop von Mauerrest bis Plastik- Trabi-Modell keine Wünsche offen lässt. Neben der Rotunde des Künstlers Yadegar Asisi mit dem Panorama, das einen Tag im geteilten Berlin darstellt, bietet «Die Bude» Currywurst und Pommes feil. Ein Straßenhändler versucht, Gasmasken und Militärmützen loszuwerden.

Auf einer Brache gegenüber informiert eine «Black-Box» , die der Senat als «Gegenpol zur Banalisierung» aufstellte, an den Kalten Krieg. Daneben lädt «Charlies Beach» zum «Chill out» ein. Eingerahmt wird das Areal, auf dem auch Wechselstube und Fast-Food-Restaurants nicht fehlen, von Schautafeln mit historischen Fotos und Erklärungen.

«Dem Ort fehlt seit 28 Jahren ein klares Gestaltungskonzept», beklagt der Direktor der Stiftung Berliner Mauer , Axel Klausmeier. Andere sprechen von einer Art «Disneyland», 200 Meter vom Mahnmal für das erschossene Maueropfer Peter Fechter entfernt. Unzufrieden mit dem Ist-Zustand ist auch der Berliner Senat. «So wie der Checkpoint Charlie heute genutzt und erlebt wird, ist er zwar ein Ort, der Besuchermassen anzieht, aber in seiner provisorischen Gestaltung und überwiegend touristischen Nutzung sehr zwiespältig beurteilt wird», sagte Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke). Er wirke «etwas chaotisch und teilweise überkommerzialisiert.»

Ist nun Besserung in Sicht? Womöglich, denn die Politik und ein privater Investor, der auf dem Areal nach mehreren Eigentümerwechseln bauen will, haben sich nunmehr auf Eckpunkte für die Gestaltung verständigt. Demnach soll das Ausmaß der Grenzübergangsstelle auch in Zukunft deutlich werden, ein «urbaner Platz mit Freiflächen» entstehen. Zudem soll in einem der neuen Gebäude ein Museum als «Bildungs- und Erinnerungsort» eingerichtet werden.

Rückblick: Wenige Wochen nach dem Mauerbau hält die Welt den Atem an. Am Checkpoint fahren am 27. Oktober 1961 nach amerikanischen auch sowjetische Panzer auf. 16 Stunden stehen sich die Supermächte mit scharfer Munition frontal gegenüber - nur Meter voneinander entfernt. Es war einer der gefährlichsten Momente des Kalten Krieges. Aus dem Kräftemessen hätte schnell ein neuer Krieg werden können.

Seine Namen verdient der Checkpoint Charlie, den die DDR zum festungsartigen Bollwerk an ihrer «Staatsgrenze» ausbaute, dem Nato-Alphabet: Für die Westalliierten war er nach Helmstedt (A) und Drewitz (B) der Kontrollpunkt C wie Charlie. Nur Ausländer, Diplomaten und alliiertes Militärpersonal konnten die innerstädtische Nahtstelle zwischen Ost und West passieren.

Heute stehen Touristen aus aller Welt gebannt vor Schautafeln oder lassen sich von Reiseführern in die Zeit der Teilung versetzen. Viele wollen «The Wall» sehen und sind enttäuscht. Der Pflasterstreifen im Boden, der den Mauerverlauf nachzeichnet, wird von vielen nicht wahrgenommen.

«Hier war die Mauer? Wow, das hätte ich nicht gedacht», sagt die 26-jährige Amira aus dem US-Bundesstaat North Carolina. Pietro Lensi (54) aus Italien vermisst Mauerreste und ein Mahnmal an dem Platz: «Das sollte man anders machen hier.» Lucy Gilcrest (32) aus England findet: «Ein beeindruckender Ort, aber ganz schön touristisch.» Originale Mauer an der Bernauer Straße? Nein, davon haben alle drei noch nicht gehört.

Tatsächlich ist es schwer, Zeugnisse der Teilung noch zu erleben. In der Euphorie nach dem Mauerfall wurden große Teile des monströsen Betonwalls samt Wachtürmen und Signalanlagen abgerissen, geschreddert oder verkauft. Grundstücke - teils in bester Innenstadtlage - gingen an private Investoren. Das Nachdenken kam erst später.

Außer der Mauergedenkstätte Bernauer Straße gehört die East Side Gallery zu den Erinnerungsorten, auch der Mauerabschnitt am Martin- Gropius-Bau - und eben der Checkpoint Charlie. Das dort geplante Museum zur Geschichte des Kalten Krieges ist das letzte noch offene Projekt des Berliner Konzepts zum Mauergedenken, das auf dezentrale Gedenkorte setzt.

Veröffentlicht am:
10. 08. 2018
11:18 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Berliner Mauer East Side Gallery Gedenkstätte Berliner Mauer Geister Kalter Krieg Mahnmale Mauerbau Mauermuseum Maueropfer Panorama Senat Senat von Berlin Touristen US-Armee
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Berlin-Touristen beim Müllsammeln

27.08.2019

Eine Stadttour in Berlin lädt zum Müllsammeln ein

Nicht wundern: In Berliner Parks sind neuerdings Touristen zum Müllsammeln unterwegs. Was hat es damit auf sich? » mehr

Im Palace of Westminster

10.10.2019

«Oorr-deehr! Oorr-deehr!»

Das britische Parlament mit seinen eigenwilligen Gepflogenheiten hat durch die Brexit-Debatten viel Interesse auf sich gezogen. Wer einmal selbst im Unterhaus gestanden hat, versteht manches besser. » mehr

Städte schieben Airbnb einen Riegel vor

31.07.2018

Städte schränken Airbnb und Co. immer mehr ein

Privatunterkünfte von Airbnb und Co. sind bei Urlaubern beliebt. Und bei vielen Hotels und Anwohnern in Großstädten verhasst. Der Vorwurf: Ferienwohnungen für Touristen treiben die Mietpreise in die Höhe. Viele Metropole... » mehr

Gletscherlagune Jökulsárlón

10.10.2019

Wie Island den Tourismus bändigt

Island ist für manche Naturliebhaber das schönste Land der Erde. Die Zahl der Touristen hat sich in nur acht Jahren fast verfünffacht. Droht der Insel die Überfüllung? Die Isländer haben einen Plan. » mehr

Matterhorn

07.10.2019

Matterhorn und Mont Blanc kränkeln durch Klimawandel

Der Mont Blanc und das Matterhorn sind zwei der berühmtesten Berge der Alpen. Doch der Klimawandel verändert sie tiefgehend. Auch auf einer herbstlichen Wandertour lauern Gefahren. » mehr

Klettern am Uluru

07.10.2019

Klettern am Uluru bald verboten

An Australiens «Heiligem Berg» ist in diesen Tagen die Hölle los. Nach fast 150 Jahren darf der Uluru bald nicht mehr bestiegen werden, weil er den Aborigines heilig ist. Touristen aus aller Welt wollen sich die letzte C... » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
10. 08. 2018
11:18 Uhr



^