Lade Login-Box.
Topthemen: Bilder vom Wochenende30 Jahre GrenzöffnungBlitzerwarnerVER Selb

 

Rauschen bald wieder mehr Schlafwagen durch die Nacht?

Nostalgie schwingt bei vielen mit, die an Nachtzüge denken. Die Deutsche Bahn ist 2016 aus dem Geschäft ausgestiegen. Aber kommt es nun durch Klimawandel und «Flugscham» zu einer Nachtzug-Renaissance?



Schlafwagen des Nightjets
Die Österreichische Bundesbahnen (ÖBB) will in den kommenden Jahren mehr Schlafwagen auf die Strecke bringen. Die Deutsche Bahn plant derzeit kein eigenes Angebot.   Foto: Christian Beutler/KEYSTONE

Gemächlich durch die Nacht ruckeln, ausgestreckt auf einer Pritsche Bahnhöfe vorbeiziehen lassen, morgens ausgeschlafen am Zielort ankommen: Eine Fahrt mit dem Schlaf- oder Liegewagen der Bahn verbinden viele Menschen mit alten Zeiten.

Doch angesichts von Klimawandel und «Flugscham» ist das Thema Nachtzüge wieder brandaktuell. Greta Thunberg lässt grüßen. Die junge schwedische Umwelt-Aktivistin fuhr im Januar 65 Stunden mit dem Zug ins schweizerische Davos und zurück, um den beim Weltwirtschaftsforum versammelten Bankbossen und Industriemanagern in puncto Klima die Leviten zu lesen. Seither vermittelt gerade auch die «Fridays for Future»-Bewegung vielen das Gefühl, sich wegen klimaschädlicher Effekte fürs Fliegen schämen zu müssen.

Wer investiert ins Nachtzuggeschäft?

Sollte das Angebot mit Schlaf- und Liegewagen als Alternative zum Fliegen also nicht ausgebaut werden? «Das Nachtzuggeschäft hat Zukunft», sagt der Sprecher der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), Bernhard Rieder. Auch die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) denken daran, das 2009 eingestellte Geschäft mit klassischen Nachtzügen wiederzubeleben.

Anders die Deutsche Bahn : Sie bietet aus wirtschaftlichen Gründen seit 2016 keine eigenen Schlaf- und Liegewagen mehr an. «Ein eigenes Angebot mit klassischen Schlaf- und Liegewagen ist aktuell nicht geplant», sagt eine Sprecherin in Berlin. Die Bahn wolle nachts aber mehr ICE- und Intercity-Züge mit Sitzwagen auf die Schiene bringen. Und sie unterstütze die ÖBB, die Schlaf- und Liegewagen in Deutschland anbieten , etwa mit Triebfahrzeugführern und teils mit Loks.

«Wir sehen uns ganz klar als Umweltvorreiter und grüner Mobilitätsdienstleister», so die Sprecherin. Ökologische Kriterien spielten eine immer größere Rolle bei der Auswahl des Verkehrsträgers.

Deutsche Bahn setzt Schwerpunkt auf kürzere Strecken

Auf kürzeren Strecken sieht die Bahn sich als klare Konkurrenz zum Fliegen: «Wir sind auf vielen internationalen Verbindungen genauso schnell wie das Flugzeug, vor allem, wenn man die An- und Abreise zum Flughafen und die dortigen Abfertigungsprozesse und Sicherheitskontrollen einrechnet», sagte die Sprecherin und nannte etwa die Verbindungen zwischen München und Wien, Hamburg und Kopenhagen oder Frankfurt/Main und Paris.

In der Schweiz machen inzwischen auch viele Parlamentarier Druck. Sie fordern die Regierung auf zu prüfen, wie klassische Nachtzüge gefördert werden können. Man sehe den Bedarf und überlege, ob der Nachtzugverkehr wieder ausgebaut werden könne, sagte der Leiter internationaler Personenverkehr, Armin Weber, im Fernsehen SRF. Mit Subventionen könnte sich eine Wiederaufnahme für die SBB rechnen, meint Sprecher Raffael Hirt: «Heute decken die Einnahmen aus dem Nachtzug-Geschäft die Kosten nur zur Hälfte.»

ÖBB-Nachtzüge fahren auch in Deutschland

Die Österreicher haben vorgemacht, wie das Geschäft funktioniert: Die ÖBB haben als einzige ihr Nachtzugangebot nicht nur beibehalten, sondern ausgebaut, und bedienen heute die Verbindungen in die Schweiz und nach Deutschland. Hamburg-Wien, Berlin-Zürich - auf diesen Strecken können sich Bahnreisende heute im österreichischen Nightjet ausstrecken. «Wir haben jetzt 18 eigene Linien und insgesamt 26 zusammen mit Partnern», sagt Rieder.

Die ÖBB seien auch bereit, stärker in das Nachtzuggeschäft zu investieren. 13 neue Züge wurden bei Siemens schon bestellt und werden ab Frühjahr 2022 geliefert. Dreh- und Angelpunkt, damit das Geschäft knapp kostendeckend kalkuliert werden könne: dass die Züge einheitlich in Österreich gewartet werden. Die Strecken müssen dementsprechend konzipiert sein. Verbindung fernab von Österreich anzubieten, etwa Barcelona-Amsterdam, wäre deshalb schwierig.

Auch die ÖBB stellen in Fahrgastbefragungen mehr Umweltbewusstsein fest. Weil sie zu 100 Prozent mit grünem Bahnstrom fahren, verbrauche der Fahrgast im Nightjet 31 mal weniger klimaschädliches CO2 als beim Fliegen auf der gleichen Strecke, betont Rieder.

Am Ende entscheidet der Preis

Aber: «Der Umweltgedanke ist bei vielen noch eher theoretisch da und zeigt sich nicht ganz im Buchungsverhalten.» Während die teuersten Plätze im Schlafwagen stets schnell ausverkauft seien, merke man im günstigen Segment der Sitzwagen sofort, wenn auf einer Strecke zwischen zwei Metropolen eine Billig-Arline fliegt. «Sofort gehen die Buchungen runter», sagt Rieder.

Die Organisation «Objectif Train de nuit» in Frankreich will Schlaf- und Liegewagen an Güterzügen durch die Nacht rauschen lassen. «Absurd», winkt Rieder ab. «Güterzüge fahren meist nicht durch Personenbahnhöfe.»

Veröffentlicht am:
23. 07. 2019
14:52 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Bahnhöfe Deutsche Bahn AG Facebook Flughäfen Flugreisen Flugzeuge Greta Thunberg Güterzüge ICE Personenverkehr Raffael Siemens AG Weltwirtschaftsforum Züge
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Tropischer Look

22.10.2019

Frust und Freiheit über den Wolken

Fliegen ist anstrengend und gilt inzwischen als Klimasünde. Dabei war es einmal ein erhabenes Erlebnis. Eine Flugreise um die Welt - auf der Suche nach einem Gefühl, das verloren scheint. » mehr

Freie Plätze in der 1. Klasse

30.07.2019

Unterwegs in der 1. Klasse der Bahn

Teuer und nur Anzugträger: Dieses Bild haben manche Reisende von der 1. Klasse der Bahn. Es stimmt nicht unbedingt. Welche Vorzüge die Komfortklasse bietet - und wie man günstig reinkommt. » mehr

25 Jahre Eurostar

08.11.2019

Seit 25 Jahren mit dem Eurostar durch Europa

Der Eiffelturm ist vom Big Ben nur eine Zugfahrt entfernt. Gut zwei Stunden dauert die Fahrt. Möglich macht das der Eurostar - ein Schnellzug, der mit Highspeed durch den Eurotunnel rast. Doch der Brexit könnte für den E... » mehr

Abgase des Autos

18.04.2019

Wie berechne ich den CO2-Fußabdruck meiner Reise?

Die Aktivistin Greta Thunberg hat eine klare Botschaft: Wir müssen etwas gegen den Klimawandel tun - und zwar sofort. Das betrifft auch das Thema Urlaub. Wie klimaverträglich ist die eigene Reise? » mehr

Neue Sitze für den ICE 4

23.10.2019

Die Deutsche Bahn kündigt mehr Komfort an

Die Deutsche Bahn kündigt mehr Komfort an. Das gilt zum Beispiel für die Sitze. In den neueren ICE-Zügen werden sie ausgetauscht. Bahnreisende sollen es aber auch bei der Reiseplanung künftig bequemer haben. » mehr

Speziellen Führungen

08.10.2019

Reisen mit Behinderung setzt gute Planung voraus

Hohe Bordsteine, kein Servicepersonal, zu schmale Türen - Reisen kann für Menschen mit Behinderung zur Herausforderung werden. Wichtig sind verlässliche Informationen. Im Internet gibt es Hilfe. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
23. 07. 2019
14:52 Uhr



^