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Vom Gipfel bis ans Meer: Rother Wanderführer bleiben gefragt

Für viele Wanderer gehören sie zur Grundausstattung: die Rother Wanderführer. Die Titel des Verlags spiegeln den Wandel der Freizeitkultur: Wurden ehedem todesmutigen Männern gefährliche Touren empfohlen, steht heute harmloses Wandern im Vordergrund.



100 Jahre Rother Bergverlag
Wanderführer aus dem Rother Bergverlag gehören für viele Wanderer zur Grundausstattung.   Foto: Carsten Hoefer/dpa

Das Gebirge - ein Reservat für echte Männer: «Eignet sich eine Dame wirklich zum Klettern, dann begrüße ich sie im Fels ebenso gern wie männliche Klettergenossen», schrieb der in Fachkreisen heute noch bekannte Alpinist Franz Nieberl (1875-1968) vor gut hundert Jahren.

Aber in den meisten Fällen tauge «die harte Felsarbeit für Männer besser als für Frauen». Dieser Ratschlag findet sich in Nieberls Lehrbuch «Das Klettern im Fels», in den 1920er Jahren ein früher Klassiker des Rother Bergverlags in München, der in dieser Woche sein hundertjähriges Bestehen feiert. Derlei Einsichten suchen die Leser heutzutage allerdings vergeblich.

Wandertouren weltweit

«Wir haben begonnen als Verlag für Alpinisten und Bergsteiger», sagt der Verlagsleiter Klaus Wolfsperger. «Das hat sich verlagert.» In der Tat: Nicht mehr die Lebensgefahr steht im Vordergrund, sondern Wandern von gemütlich bis anspruchsvoll, für beide Geschlechter. Und geografisch hat sich der Verlag weit über die Alpen ausgedehnt: Heute hat Rother mehr als 650 Titel im Programm, darunter 400 Wanderführer für 33 Länder, inklusive Nord- und Ostsee oder exotische Ziele wie Hawaii oder Ecuador und die Galapagos-Inseln.

Über Jahrzehnte gab der Verlag die Alpenvereinsführer für Bergsteiger heraus. Diese werden heutzutage nicht mehr neu aufgelegt, obwohl manche Bände heute bei Antiquariaten für ein Mehrfaches der ursprünglichen Preise gehandelt werden. Das Ziel der Reihe war enzyklopädisch: die Auflistung sämtlicher Wege und Kletterrouten in den beschriebenen Gebirgsgruppen.

Alpinlehrpläne werden überarbeitet

«Diese Vollständigkeit kann man heute nicht mehr realisieren», sagt Wolfgang Wabel, der Leiter des Geschäftsbereichs Bergsport beim DAV, heute mit über einer Million Mitglieder der größte deutsche Sportverein. Doch die Kooperation mit Rother findet ihre Fortsetzung: «Wir sind dabei, unsere Alpinlehrpläne in Kooperation mit dem Bergverlag zu überarbeiten», sagt Wabel.

Diese Lehrpläne für Hochtouren, Klettern, Skitouren und andere alpine Disziplinen sind zwar keine massentauglichen Bestseller, werden aber von vielen Hobbybergsteigern im deutschsprachigen Raum gelesen und dienen Bergschulen für ihre Kurse.

Alpinisten-Titel für Gletscher- und Skitouren hat Rother nach wie vor im Programm, doch Kletterführer gibt der Verlag schon seit vielen Jahren nicht mehr heraus. Und wer die alten Kletterführer aus den 1920er Jahren studiert, findet dort manche Routen in lebensgefährlichem Absturzgelände empfohlen, die heutzutage kein Mensch mehr geht - damals wie heute gänzlich ungesichert, in bröseligem und steinschlaggefährdetem Fels.

Harmlose Bergtouren statt Abenteuer

Doch auch dafür wusste das junge Unternehmen Rat: «Die Gefahren der Alpen können nur durch deren Kenntnis überwunden werden», auf 400 Seiten zusammengefasst im Standardwerk «Zsigmondy-Paulcke». Heute vermeidet die ganz große Mehrheit der Bergsteiger nach Möglichkeit Gefahr für Leib und Leben; und was vor 100 Jahren als schneidig galt, würden viele Zeitgenossen mittlerweile eher als leichtsinnig einstufen.

Im Einklang mit dem Sicherheitsdenken der weniger wagemutigen Gegenwart lebt auch der Rother Verlag heute ganz überwiegend von sehr viel harmloserem Terrain und dem Trend zur Bewegung an der frischen Luft, der kurz vor der Jahrtausendwende einsetzte. «Der Absatz von Wanderführern ist sehr stark gestiegen», sagt Wolfsperger. «Als ich vor 31 Jahren im Verlag angefangen habe, waren wir zu dritt im Lektorat. Jetzt sind es neun, wir haben insgesamt 17 festangestellte Mitarbeiter.»

Im vergangenen Jahr setzte Rother knapp 570.000 gedruckte Bücher und im Rahmen seiner Touren-App 13.500 digitale «Guides» ab. Obwohl im Internet Outdoor-Portale wie dasjenige des Alpenvereins viel besucht werden, verlassen sich immer noch sehr viele Leser auf die gedruckten Bücher mit ihren genauen Wegbeschreibungen, Fotos und Übersichtskarten.

Verlag profitiert vom Outdoor-Boom

«Die vielen Webseiten sind sicher eine Konkurrenz, aber wir merken das bei unseren Verkaufszahlen nicht wirklich», sagt Wolfsperger dazu. «Das ist wahrscheinlich auch eine Folge des Outdoor-Booms.»

In diesem Jahr hat die Corona-Pandemie das Geschäft belebt - aber ausschließlich für nah gelegene Ziele. «Bei manchen Deutschland-Titeln haben sich die Verkaufszahlen verdoppelt oder sogar verdreifacht», sagt Wolfsperger. Auch die Titel für das angrenzende Ausland in Österreich und der Schweiz hätten überwiegend zugelegt. «In diesem Jahr bemerken wir ganz deutlich einen Boom, raus und zurück in die Natur.» Für Fernreisen gilt das nicht: «Bei ferneren Zielen, die nicht mehr erreichbar sind, ist der Absatz dramatisch eingebrochen.»

© dpa-infocom, dpa:201120-99-407068/2

Veröffentlicht am:
20. 11. 2020
17:14 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
20. 11. 2020
17:14 Uhr



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