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Hexenjagd! Fragen. Forschen. Mahnen.

Ein düsteres Kapitel in der Geschichte Bambergs: Anfang des 17. Jahrhunderts werden hier rund 1200 Frauen, Männer und Kinder der Hexerei bezichtigt, angeklagt, gefoltert und ermordet. Erst seit ein paar Jahren stellen sich die Stadt und das Erzbistum offen dieser schrecklichen Hypothek aus dem Mittelalter. Eine Spurensuche.



Der Schrecken, der im Hochstift Bamberg im 17. Jahrhundert geschah, ist 2014 in "Die Seelen im Feuer" verfilmt worden.   » zu den Bildern

Er ist zu spät gekommen. Wäre er nur drei, vier Stunden früher dran gewesen, hätte Heinrich Flock den Tod seiner Frau verhindern können. Im Kampf um ihr Leben ist der Ratsherr die gut 1200 Kilometer bis nach Rom gereist, hat vom Papst ein Dekret erwirkt. Es befiehlt den Freispruch für seine Dorothea, die in Bamberg eingekerkert ist. Doch als er am 17. Mai 1630 in seine Heimatstadt zurückkommt, ist die Gemahlin gerade enthauptet worden. Sie ist bereits die zweite Ehefrau, die Heinrich Flock an die Hexenjäger des Hochstifts verliert. Die Tochter, die Dorothea Flock im Hexengefängnis geboren hat, wird ihm auch noch weggenommen und in die Familie eines anderen Bamberger Rats gegeben.

So geht eine der schrecklichen wahren Geschichten, die Birgid Zoeke und Claudia Büttner bei ihren Themenführungen durch die Domstadt in Oberfranken erzählen. Als "Marri" und "Kunni" ziehen sie, mittelalterlich gewandet, mit ihren Gästen durch die nächtliche Stadt und berichten Schauerliches. "Einige sind total überrascht", sagt Birgid Zoeke. "Andere wissen zwar, dass da mal was war. Aber dass es so viele Opfer gab, ist den meisten nicht bekannt."

Vermutlich rund 1200 Menschen wurden in den Jahren zwischen 1595 und 1632 im Hochstift Bamberg als Hexen oder Hexer hingerichtet, von 884 der Opfer sind die Prozessakten erhalten. Eiskalt notierten die Buchhalter der Pein Art, Dauer und Stärke der Folter, mit der die Geständnisse der Denunzierten erpresst wurden. Wer endlich einräumte, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben, wurde zum Tode verurteilt. An mindestens drei Stellen im Stadtgebiet brannten die Scheiter­haufen.

Hexenverfolgung
Die meisten Hexenverfolgungen fanden vom 15. bis zum 18. Jahrhundert statt. In ihnen gehen in Europa geschätzt 42 000 Menschen zugrunde, davon etwa 25 000 auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Nach der Flut von Hinrichtungen auf den Scheiteln der drei Bamberger Verfolgungswellen zwischen 1612 und 1632 sind mehr als 1000 Bürger des Hochstifts Bamberg Opfer der Hexenjagd geworden. Bamberg ist damit einer der grauenvollsten Schauplätze dieses tödlichen Wahns. Die Scheiterhaufen brennen vor aller Augen. Sie erlöschen erst nach dem Tod der "grauen Eminenz" der Verfolgungen, Weihbischof Friedrich Förner, im Jahr 1630, und der Besetzung des Hochstifts Bamberg durch die Schweden 1632 im Dreißigjährigen Krieg.

Kaum eine andere Stadt in Deutschland ist mit einer derart blutigen und brutalen Hypothek aus jener Zeit belastet. Lange hat man sich in Bamberg davor gedrückt, sich den historischen Fakten zu stellen. Seit einigen Jahren jedoch geht man die Aufarbeitung des mittelalterlichen Unrechts offensiv an. Die Historikerin Dr. Sabine Weigand hat mit den Recherchen zu ihrem Roman "Die Seelen im Feuer" vielerorts das Nachdenken angestoßen, an der Bamberger Universität wird intensiv geforscht. Im Oktober 2012 gab es Themenwochen zu den Hexenprozessen.

"Die Erinnerung an die Grausamkeiten von Bamberger Bürgern an Bamberger Bürgern wachzuhalten, ist die Pflicht unserer Tage", sagt Ulrike Siebenhaar. Die Pressesprecherin der Stadt Bamberg hatte die Themenwochen organisiert. Sie ist überzeugt: "Bamberg hat seinen Weg des Erinnerns an die Gefolterten, Verstümmelten, Hingerichteten begonnen. Jetzt ist es wichtig, weiter zu fragen, weiter zu forschen, weiter zu mahnen."

Die Stadtführerinnen Zoeke und Claudia Büttner können ihren Gästen nur noch wenig zeigen, was aus jener dunklen Zeit erhalten ist. Das 1627 eigens erbaute Hexengefängnis wurde wieder abgebrochen, seine Sandsteinquader zum Bau des Kapuzinerklosters verwendet. Dreißig Gefangene gleichzeitig konnten die Häscher im Malefizhaus in engen Zellen unterbringen. Sie schliefen auf dem blanken Boden, wurden sie nicht von ihren Familien versorgt, verdursteten und verhungerten sie. Oder sie starben an den Folgen der Folter. Eine der Zellen war in sich schon Folterinstrument: Im "Gefaltet Stüblein" standen die Balken als Zacken aus dem Fußboden. Unmöglich, hier ohne Schmerzen zu sitzen oder zu liegen.

Heute fahren die Busse über die Stelle, wo einst das Hexengefängnis stand: An der Promenadestraße liegt der ZOB, Bambergs zentraler Omnibus-Bahnhof.

Was noch steht, ist das Schloss Geyerswörth. In dem großen roten Gebäude an der Regnitz residierten im 17. Jahrhundert die Fürstbischöfe. Auch Johann Gottfried I. von Aschhausen und sein noch unbarmherzigerer Nachfolger Johann Georg II. Fuchs von Dornheim, der den Beinamen "Hexenbischof" trug. Beiden diente der Weihbischof Friedrich Förner, ein Scharfmacher und Hassprediger, der von der Kanzel in der Oberen Pfarre gegen die "Satansbrut" hetzte und zur Denunziation aufrief. Die Bamberger nannten Förner den "Hexenbrenner".

Wenn man im abendlichen Dämmerlicht über den Brucknersteg zum Schloss Geyerswörth geht, sieht man vor der roten Mauer ein Glühen am Boden. Das Kunstwerk "Branding" von Miriam Giessler und Hubert Sandmann ist das Mahnmal, mit dem Bamberg seit 2015 an die Hexenverfolgung erinnert. Schwelende Glutnester eines abgebrannten Scheiterhaufens symbolisierend, ist es ein Brandeisen-Abdruck in der Haut der Stadt.

Nicht alle Einwohner befürworteten diese sichtbare Erinnerung, es gab leidenschaftliche Debatten deswegen. "Es soll an die Verfolgung, Erniedrigung, Folterung und Ermordung von vermeintlichen Hexen im Hochstift Bamberg erinnern und gleichzeitig mahnend und anregend in die Gegenwart und Zukunft wirken, sich aktiv gegen Vorurteile, Ausgrenzungen, Denunziation, Machtmissbrauch und einseitiges Denken zu engagieren”, sagt Stadtsprecherin Siebenhaar.

An den Kosten hat sich auch das Erzbistum beteiligt. "Es ist gut und richtig, an die unschuldigen Opfer zu erinnern", sagt Domkapitular Dr. Norbert Jung, als Leiter der Hauptabteilung für Kunst, Kultur und Orden von Amts wegen Experte zum Thema Hexenverfolgung. Jung weiter: "Auch in unserer Zeit muss leider immer wieder deutlich gemacht werden: Gewalt im Namen Gottes darf nicht sein!" Neben der Aufklärung über "Fehlentwicklungen in der Geschichte" bleibe es stetige Aufgabe für die Kirche, sich gegen politischen und religiösen Fanatismus zu engagieren.

"Marri" und "Kunni", die Fremdenführerinnen, sind mit ihren Gästen in der Alten Hofhaltung neben dem Dom angekommen. Sie wurde vor dem Neubau 1627 zunächst als Hexengefängnis genutzt. Der von spätgotischen Fachwerkbauten mit Laubengängen umrahmte Innenhof ist ein perfekter Platz für weitere Geschichten. "Hier tagte die Malefiz-Kommission", erklärt Claudia Büttner. Drei Kommissare und ein Scharfrichter waren fest angestellt, um sich ausschließlich mit Anzeigen, Prozessen und Folter sowie schließlich mit den Hinrichtungen zu befassen.

Es war ein weltliches Gericht, das auf Grundlage der Halsgerichtsordnung aus dem Jahre 1507 die Verfahren vollzog. "Die Hexenjagd ging von der Kirche aus, aber weltliche Richter sprachen die Urteile", sagt Birgid Zoeke. Ein juristisches Hintertürchen, durch das sich die Kirche jahrhundertelang aus der Verantwortung stahl.

Eine Sache des Glaubens war die Hexenjagd ohnehin nur vordergründig. "Die Verfolgung wurde in Bamberg auch als politische Säuberungsaktion genutzt", erläutert Zoeke. "Der Bamberger Fürstbischof sah darin die Chance, sich seiner Gegner zu entledigen. Er führte eine Ausrottungsaktion gegen die bürgerliche Elite."

Fuchs von Dornheim habe mit dem Morden seine absolute Macht gesichert. Dabei soll er sich auch um die ungeheure Summe von geschätzt 500 000 Gulden bereichert haben, denn das Vermögen der Verurteilten fiel der fürstbischöflichen Kasse zu. Ihm unliebsame Familien ließ der Herrscher des Hochstifts komplett auslöschen. Etwa die seines eigenen Kanzlers Dr. Georg Haan, eines Kritikers der Hexenprozesse. Oder die des angesehenen Bam­berger Bürgermeisters Johannes
Junius.

In seinem letzten Brief aus dem Hexengefängnis schrieb Junius 1628 an seine Tochter Veronica: "Unschuldig bin ich in das gefengnus kommen, unschuldig bin ich gemarttert worden, unschuldig muß ich sterben."

Autor

Andrea Herdegen
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
16. 02. 2018
14:00 Uhr

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Andrea Herdegen

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16. 02. 2018
14:00 Uhr



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