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Indien: Liebe in Marmor, Erotik in Stein

Das Taj Mahal in Indiens Norden gilt als Symbol ewiger Liebe. Werlieber einen Blick auf anzügliche Erotik werfen möchte, der sollte den eine Tagesreise südlich gelegenen Tempel von Khajuraho besuchen



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Eine Träne auf der Wange der Zeit." So nannte der indische Dichter Rabindranath Tagore das Taj Mahal. Und er hat recht mit seiner Lobpreisung. Unvergleichlich in Perfektion und Symmetrie, spiegelt der "Kronen-Palast" wie kein anderes Bauwerk den Glanz jener versunkenen Epoche, in der die Mogulkaiser von Agra aus über Indien herrschten. Der Zauber des Ortes erwächst aber auch aus seinem hinreißend romantischen Ursprung – der Bau ist ein Manifest inniger Liebe. Als nämlich Mumtaz Mahal, die Lieblingsfrau des Großmoguls Shah Jahan, 1631 bei der Geburt ihres vierzehnten Kindes stirbt, gibt dieser – tief erschüttert ob des Verlustes – ein Mausoleum in Auftrag, das alles bisher Dagewesene an Schönheit und Vollkommenheit übertreffen sollte. 17 Jahre sollte die Ausführung dauern.

Das atemberaubend schöne Grabmal aus weißem Marmor steht auf einer Plattform inmitten eines Gartens aus symmetrisch angelegten Wasserläufen und Fontänen. Es wird gekrönt von einer Zwiebelkuppel und flankiert von minarettartigen Türmen, die leicht nach außen geneigt sind – bei einem Erdbeben würden sie also nicht auf das Grabmal stürzen. Blendnischen und Zierpavillons vermitteln einen Eindruck von Leichtigkeit. Schriftbänder mit Suren aus dem Koran säumen die Portale. Blumen- und Rankenreliefs aus Marmor schmücken den unteren Teil der Fassade.

Im Zentrum der Anlage stehen die Kenotaphe – Scheingräber – von Mumtaz Mahal und Shah Jahan, verschwenderisch geschmückt mit Intarsien aus Halbedelsteinen und umgeben von einem prächtigen Marmorgitter. Die sterblichen Überreste des Paares ruhen unmittelbar darunter in der nicht zugänglichen Grabkammer. Auf ewig verbunden, wie im Leben, so auch im Tode. Kein Wunder folglich, dass dieses marmorne Symbol tiefer Zuneigung für frisch vermählte indische Eheleute beinahe so etwas wie ein Wallfahrtsort ist. Der Besuch soll die gegenseitige Liebe dauerhaft machen und bestärken.

So unangefochten das Taj Mahal den touristischen Thron Indiens besetzt, so felsenfest behauptet sich als Nummer zwei eine für viele noch viel aufregendere Attraktion. Oder besser gesagt: eine erregendere. Im kleinen Ort Khajuraho, eine Tagesreise südlich vom Taj Mahal, haben es 22 alte Tempel zu weltweitem Ruhm gebracht. Dank Indiens wohl delikatestem Kulturerbe.

Denn in Khajuraho geht es zur Sache. Ungeniert und ungehemmt geben sich hier attraktive Menschen – von unbekannten Steinmetzmeistern vor tausend Jahren kunstvoll aus Sandstein gehauen – erotischen Spielen hin. Zu sehen sind zumeist spärlich bekleidete Herren und Damen bei freizügigem Sex zu zweit, zu dritt oder gar zu viert; zugange sind aber auch Männer mit Männern, Frauen mit Frauen, auf einem Fries sogar Soldaten mit einem Pferd.

Es gibt raffinierte Verführung zu bestaunen und ausgedehntes Vorspiel. Kopulationen von vorn und von hinten, von unten, von oben. Reiterspiele und Hängepartien, Oralsex und Onanie. Leidenschaftlich verschlungene Paare, die sich in kaum erdenklichen Stellungen und technisch vertrackten Verrenkungen ergehen. Es ist eine überaus plastische, keine Tabus kennende Zurschaustellung von Erotik, wie man sie schwerlich irgendwo öffentlich erwarten würde, geschweige denn an gottgeweihten Tempeln.

Doch was im prüden Indien von heute unvorstellbar wäre, war zur Bauzeit der Tempelstadt zwischen 950 und 1070 offensichtlich völlig normal. Damals stand die altindische Liebeslehre Kamasutra hoch im Kurs und war mitverantwortlich für ein Klima sexueller Unverkrampftheit, an dem auch Frauen maßgeblich Anteil hatten. Und zwar keinesfalls als Lustobjekte für Männer, sondern – und auch das zeigen die Friese ganz klar – als gleichberechtigte und selbstbestimmte Partner im Liebesspiel.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Das Skulpturenensemble besteht nur zu etwa zehn Prozent aus solch frivolen Akten, die außerdem oft gar nicht so leicht zu entdecken sind in der überbordenden Fülle der Szenen und Figuren. Denn insgesamt schmücken mehr als zweitausend Skulpturen auf bis zu drei Etagen die Steilwände der Tempel. Hier tummeln sich Götter und ihre diversen Inkarnationen, Fabelwesen und Elefanten, Könige und Höflinge, Musikanten und Tänzer, Krieger und Tiere.

Besonders reizend sind außerdem die Surasundaris, die "schönen Mädchen", bei denen Mann ein weiteres Mal seinen Augen kaum trauen mag. So sinnlich, so verführerisch, so kokett schauen sie aus den Wänden. Mit so tollen Körpern und so prallen Brüsten, dass manchem Künstler dereinst die Fantasie-Hormone wohl kräftig durchgegangen sind. Wobei die sinnesfreudigen Schöpfer mit Blick auf die Besonderheit der indischen Kunst durchaus zu entschuldigen sind. In der hat die Darstellung weiblicher Schönheit nämlich mehr als nur dekorative Funktion; ihr wird auch eine Unheil abwehrende Magie zugeschrieben. Wo sich Schönheit, Liebe und Erotik finden, bleibt kein Raum mehr für dämonische und zerstörerische Kräfte.

Für Leute vom Fach ist außerdem völlig klar, dass in der sexuellen Ekstase das Göttliche erfahren wird und damit das eigentliche Ziel eines jeden Lebewesens. Deshalb seien die Gesichter der Liebenden auch nicht von Lüsternheit und Erregung geprägt, sondern von einer fast schon weltentrückten Gelassenheit. Die Vereinigung ist hier also kein in erster Linie körperlicher Akt, sondern eine spirituelle Verbindung zweier Prinzipien und damit eine religiöse Form der Gotteserfahrung. Auch wenn es also auf den ersten Blick so scheinen mag – die Tempel von Khajuraho sind sehr viel mehr als ein in Stein gehauenes Kamasutra. Aber erkläre das mal einer der Busladungen verschämt kichernder Touristen.

 

Hinweise für Ihre Reise

An- und Einreise: Flug zum Beispiel mit Air India von Frankfurt am Main nach Delhi (ab 505 Euro, Flugzeit ca. 8 Stunden). Zur Einreise ist ein Visum zwingend erforderlich, das vorab besorgt werden muss (bei Gruppenreisen über Veranstalter).
Übernachtungen: In Agra zum Beispiel im Hotel Mansingh Palace, Doppelzimmer mit Frühstück ab 80 Euro www.mansinghhotels.com oder in Khajuraho Ramada, DZ/F ab 60 Euro www.ramadakhajuraho.com.
Beste Reisezeit: Von Oktober bis April ist es im Norden Indiens regenfrei bei angenehmen Temperaturen.
Währung: Gezahlt wird mit der Rupie (1 Euro aktuell 70 Rupien). Geld kann in Banken und in vielen Hotels getauscht und in größeren Städten auch mit Kreditkarte an Bankautomaten abgehoben werden.
Sprache: Amtssprache ist Hindi. Daneben gelten auch Englisch (noch aus der Kolonialzeit) und 17 gleichberechtigte Regionalsprachen als Amtssprache.
Gesundheit: Unbedingt empfehlenswert sind Malariaprophylaxe und Tetanusschutzimpfung, ratsam sind Hepatitis- und Typhusschutz. Meiden Sie beim Essen und Trinken alles, was mit Leitungswasser in Berührung gekommen sein könnte. In die Reiseapotheke gehören Mittel gegen Durchfall und Erkältungen sowie eine Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor.
Reiseführer: Polyglott on tour "Indien" (12,95 Euro)
Pauschalreisen: Eine 10-Tage-Privatreise "Vom Taj Mahal zum Ganges" gibt es bei Gebeco ab 1.085 Euro (ohne Flug).
Internet: www.india-tourism.net, www.icredibleindia.org, www.gebeco.de
 
Autor

, Ekkehart Eichler
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
09. 03. 2017
17:45 Uhr

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09. 03. 2017
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