Topthemen: Hofer Kaufhof wird HotelHilfe für NachbarnBenefiz-BallStromtrasse durch die RegionGrabung bei NailaGerch

 

Bafög-Studie: Förderung ist viel zu niedrig

Bafög soll für gleiche Bildungschancen sorgen. Doch nach einer neuen Datenanalyse reicht die staatliche Förderung für Hunderttausende Studenten hinten und vorne nicht.



BAfÖG-Antrag
Laut einer Studie decken die Bafög-Sätze die Lebenshaltungskosten der Bezieher oft nicht.   Foto: Andrea Warnecke/dpa

Eine neue Studie mit umfangreichem Datenmaterial heizt die Debatte über Bildungsgerechtigkeit in Deutschland an. Demnach sind die vom Bund festgelegten Bafög-Bedarfssätze für Studierende trotz des Zuschlags vom vorigen Jahr noch viel zu niedrig.

Auch die aufgestockte Bafög-Stütze decke die wirklichen Kosten nur in begrenztem Umfang und werde den unterschiedlichen Lebensverhältnissen der Studierenden nicht mehr gerecht, sagt der Präsident des Deutschen Studentenwerks (DSW), Dieter Timmermann. Er verlangt eine baldige und dann regelmäßige Anhebung. «Die Politik muss handeln», sagt er. Sonst liefen viele Studenten in eine Armutsfalle.

Das Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) ermittelt in seiner Studie eine «Unterdeckung» schon beim monatlichen Bafög-Grundbedarf. Zudem reichten die Wohnpauschalen kaum für die tatsächlichen Mietkosten aus. Eine Förderlücke sieht das FiBS auch bei den Zuschlägen für Kranken- und Pflegeversicherung, vor allem für über 30-jährige Studierende.

Zum Wintersemester 2016 hatte die Bundesregierung von CDU/CSU und SPD nach sechsjähriger Stagnation die Bedarfssätze um mindestens sieben Prozent erhöht. Die Höchstförderung für Studierende mit Wohnung stieg von monatlich 670 auf 735 Euro. Das DSW beziffert die studentischen Lebenshaltungskosten nun aber im Schnitt mit rund 1000 Euro - für Lernmittel, Ernährung, Gesundheit, Fahrtkosten, Miete und Mobiliar, Kleidung und Körperpflege, Freizeit und Kommunikation.

Laut Statistischem Bundesamt wurden 2015 etwa 611 000 Studierende unterstützt, der Durchschnitts-Förderbetrag lag bei 448 Euro. Vier von fünf der mit dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (Bafög) unterstützten Studierenden sagen nach DSW-Angaben, ohne dieses Geld bliebe ihnen die Hochschule versperrt. Timmermann ist auch skeptisch, ob jetzt - wie von der schwarz-roten Regierung geplant - mehr junge Menschen gefördert werden. «Es deutet sich nicht an, dass die Zahl der Bafög-Empfänger wie erwartet um gut 100 000 steigt.»

Nach den Worten von DSW-Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde verzichten offenkundig viele junge Menschen auf ihren Bafög-Anspruch - oft aus Angst vor hoher Verschuldung. Denen könne er «zur Verbesserung ihrer finanziellen Situation nur dringend empfehlen, Bafög-Anträge zu stellen - zumal erst fünf Jahre nach Förderende maximal nur 10 000 Euro in kleinen Raten zurückzuzahlen sind». FiBS-Direktor Dieter Dohmen geht davon aus, dass etwa vier von zehn Studierenden kein Bafög beantragen, obwohl es sich lohnen könnte.

Als stärkste Kostentreiber erweisen sich laut Studie Ausgaben für Miete und Gesundheit. Insbesondere im unteren Einkommensbereich zeige sich, «dass weder das Bafög noch die Eltern alleine in der Lage sind, eine ausreichende finanzielle Grundlage zur Finanzierung des Studiums zu ermöglichen. Erst wenn beide Quellen miteinander kombiniert oder durch Erwerbstätigkeit ergänzt werden, kommen die Studierenden auf ein einigermaßen akzeptables Niveau.» Viele hätten sich folglich «mit Jobben eingerichtet» - was dann oft die Studiendauer verlängert.

Meyer auf der Heyde warnt vor «verdeckter Armut» bei Studenten. Da die Mietpauschalen nur fürs Wohnheim reichten, sparten viele wohl am Essen. FiBS-Experte Dohmen untermauert das: «Bemerkenswert bis erschreckend ist die Bandbreite bei den Ausgaben für Ernährung. Hierfür werden zum Teil Beträge ausgegeben, die eine gesunde und ausgewogene Ernährung unwahrscheinlich erscheinen lassen.»

DSW-Präsident Timmermann zielt mit dem Gerechtigkeitsthema Bafög nun auch auf den Bundestagswahlkampf. «Bildung spielt da eine größere Rolle als früher - die Chance müssen wir nutzen und Druck machen.» Die seit 2015 allein für die Förderung zuständige Bundesregierung will ihren 21. Bafög-Bericht allerdings - mit reichlich Verspätung - erst in einigen Wochen präsentieren.

Ein «Alternativer Bafög-Bericht» der Gewerkschaften hatte schon im Februar scharfe Kritik an Schwarz-Rot formuliert. Demnach kann die jetzige Förderung «Benachteiligungen von Schülern und Studierenden aus finanzschwachen Elternhäusern nicht hinreichend ausgleichen» - zumal die Bafög-Quote bei Studierenden zuletzt auch noch von 19 auf 15 Prozent gesunken sei. DGB-Vize Elke Hannack setzt nun nach: Es sei «höchste Zeit, das Gesetz um einen automatischen Inflationsausgleich zu ergänzen, damit Bedarfssätze und Freibeträge regelmäßig steigen».

Veröffentlicht am:
01. 06. 2017
13:15 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Armut Bafög Bildungschancen Bundesausbildungsförderungsgesetz Bundesministerium für Bildung und Forschung Datenanalyse Ernährung unter gesundheitlicher und wissenschaftlicher Perspektive Förderung Regierungseinrichtungen der Bundesrepublik Deutschland SPD Staatliche Unterstützung und Förderung Statistisches Bundesamt Studenten
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Bafög

02.08.2018

Zahl der Bafög-Empfänger sinkt weiter

Nur noch jeder achte Student finanziert sich mithilfe von Bafög, kritisiert die Gewerkschaft GEW und fordert gemeinsam mit den Grünen eine rasche Reform der Ausbildungsförderung. Die Pläne der Bundesregierung reichten ni... » mehr

Bafög im Sinkflug

28.02.2018

Mehr Tempo für Trendwende bei Bafög gefordert

464 Euro pro Monat - reicht das? Gewerkschaften, Studentenwerk und Grüne fordern eine schnelle Bafög-Reform. Eine versprochene Trendwende sehen sie skeptisch. » mehr

Studenten suchen Wohnungen

27.06.2017

Miete hoch, Bafög mickrig - Viele Studenten knapp bei Kasse

Studierende in Deutschland sind ein immer bunterer Haufen. Aber viele haben gemeinsam, dass sie sich mehr Geld für ihren Hochschulalltag und eine günstigere «Bude» wünschen. Denn oft ist das Bafög zu niedrig und die Miet... » mehr

Bei einer Demonstration

09.04.2018

So setzen Studenten ihre Rechte durch

Ein ungerecht bewertetes Referat, zu wenig Bafög oder erst gar kein Studienplatz: Rund ums Studium kann vieles schieflaufen. Völlig wehrlos sind Studenten aber nicht, und Unterstützung bekommen sie auch - nur schnell müs... » mehr

Finanzielle Förderung

30.07.2018

Auch ohne Einserschnitt zum Stipendium

Herausragende Noten, besonderen Einsatz und soziales Engagement müssen Stipendiaten mitbringen: so weit die gängigen Vorurteile. Doch es gibt eine Vielzahl an Kriterien, die bei der Vergabe eines Stipendiums zählen. Läng... » mehr

Wenig Teilzeit-Studierende

06.10.2017

Knapp sieben Prozent der Studenten studieren in Teilzeit

Beruf, Krankheit, Familie: Es kann viele Gründe für ein Teilzeitstudium geben. Und doch ist Teilzeit im Studium immer noch die Ausnahme - zumindest offiziell. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
01. 06. 2017
13:15 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".