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Was Corona für Studienanfänger bedeutet

«Lost» ist 2020 das Jugendwort des Jahres. Es beschreibt ein Gefühl, dass auch viele Erstsemester kennen dürften. Was in Zeiten der Verunsicherung Stabilität geben kann, erklärt eine Jugendforscherin.



Dr. Beate Großegger
Dr. Beate Großegger ist Kommunikationswissenschaftlerin am Institut für Jugendkulturforschung in Wien.   Foto: Vreni Arbes Fotografie/dpa-tmn » zu den Bildern

Wenn die Vorlesungen an den Hochschulen im Wintersemester wieder losgehen, schalten sich wohl viele Studierende nur über ihren Laptop zu. Zwar haben zahlreiche Hochschulen ein «hybrides Semester» ausgerufen, das digitale und Präsenzlehre vereinen soll.

Die steigenden Corona-Zahlen machen aber wenig Hoffnung auf einen Studienstart, der so aussieht wie vor der Pandemie: Mit Auszug von zu Hause, O-Wochen-Partys und überfüllter Mensa. Beate Großegger, Jugendforscherin aus Österreich, erklärt im Interview, was das für junge Erwachsene bedeutet.

Frage: Frau Großegger, was macht die aktuelle Situation mit jungen Erwachsenen, die jetzt ins Hochschulleben starten? Für einige beginnt das Semester wohl auch im Kinderzimmer.

Beate Großegger: Das verunsichert ungemein. Wir müssen uns auf eine neue Generation an Nesthockern einstellen. Der Prozess, selbstständig zu werden, verzögert sich. Gerade, wer zum Semesterstart nicht von zu Hause ausgezogen ist und vielleicht im ländlichen Raum weiter bei den Eltern wohnen bleibt, hat einen Nachteil. Es gibt ja gar keine Möglichkeit Anschluss zu finden, an die Hochschulkultur, an die neue Lern- und Lehrkultur des Studienfachs.

Natürlich wird versucht, das über Videovorlesungen und Onlineseminare zu kompensieren. Die Technologie bleibt aber immer zwischengeschaltet. Aus Sicht der jungen Menschen kann das nur eine Notlösung sein. Und selbst, wenn man es als positiven Aspekt sieht, dass man etwa finanzielle Einsparungen hat, weil man keine eigene Mietwohnung finanzieren muss oder kann - es gibt aufgrund der wirtschaftlich unsicheren Lage dennoch keine Sicherheit bei der Biografie-Planung.

Frage: An einigen Standorten finden ja auch Veranstaltungen vor Ort statt. Nicht jeder bleibt zu Hause wohnen. Kann man das als die bessere Lösung bezeichnen?

Großegger: Diejenigen, die doch aus dem Elternhaus ausziehen, etwa in eine Großstadt, trifft es genauso. Die Schicksalsgemeinschaft, mit der man üblicherweise die bewegenden Themen des Semesterstarts teilen würde, fehlt. Und die Lage spitzt sich derzeit noch weiter zu. Das löst bei den jungen Erwachsenen Unsicherheit aus. Gleichzeitig merken die jungen Leute, dass in ihrem Umfeld die Corona-Müdigkeit zunimmt. Das Problem überträgt sich von einem zum anderen. Wenn dann noch die Politik nur mit wenig Verbindlichkeit Entscheidungen treffen kann - heute ist es so, morgen alles anders - verstärkt das das Gefühl, nichts planen zu können. Das wirkt auch auf Erwachsene ganz stark, die sind enorm belastet. Und von ihnen und beispielsweise den Lehrenden überträgt es sich auf die jungen Menschen.

Im Großen und Ganzen herrscht also ein unsichere Grundstimmung, das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Die Frage «Wo will ich überhaupt hin?» lässt sich in dieser Zeit für junge Erwachsene kaum beantworten.

Und die Handlungsmöglichkeiten, Ausgleich zu finden, etwa in dem man feiern geht und Party macht, fehlen. Wenn doch Kontakte gepflegt werden und Freizeitroutinen beibehalten werden, stößt das bei vielen Erwachsenen auf Unverständnis.

Frage: Als junger Mensch wendet man sich in solchen Situationen ja am ehesten an seine Freunde. Kann man dann jetzt überhaupt neue Freunde finden? Oder hält man sich besser an die Familie und Freunde aus Schulzeiten?

Großegger: Die Kernfamilie und Schulfreunde geben auf jeden Fall Stabilität. Um sich ein Studienfach zu erschließen, sollte man sich aber eigentlich mit Kommilitoninnen und Kommilitonen und anderen Personen an der Hochschule vernetzen. Das wird über die Distanz, über eine mehr oder weniger anonym bleibende Gruppe in einer Online-Lehrveranstaltung, sehr schwierig.

Da, wo man es eher mit Klassen zu tun hat, an den Fachhochschulen beispielsweise, geht es wieder etwas besser. Sobald sich Klassen formiert haben, gibt es auch WhatsApp-Gruppen und Austausch. Es muss uns aber gelingen, diese fehlende Vernetzung mit Ende der Pandemie nachzuholen. Da müssen auch die Lehrenden dann viel Energie investieren und Gruppenarbeit sowie Community-Building fördern. Es besteht sonst die Gefahr, dass die Schere zwischen stärkeren und schwächeren Studierenden immer größer wird. Im Hörsaal ist es nicht so schlimm, wenn jemand mal kurzfristig abschweift. Wenn aber jemand immer wieder aus einer Videoschalte fliegt, dann ist er weg.

Frage: Das klingt alles nach einem gedämpften Semesterstart. Was wäre trotz allem ihr Rat?

Großegger: Die Einstellung, sich vom Virus nicht unterkriegen zu lassen, bewährt sich schon positiv. Man muss irgendwie versuchen, nicht daran zu verzweifeln. Aber das ist ein hartes Stück Arbeit. Gerade jetzt, wo es Winter wird und die psychischen Belastungen noch zunehmen. Natürlich gibt es Beratungseinrichtungen, um das abzufedern. Aber auch da findet viel digital statt.

Es hilft eigentlich nur eine gute Portion stoische Lebensweisheit: Die Dinge, die man nicht verändern kann so hinzunehmen, wie sie sind. Und alles, was man persönlich verändern kann, sofort anzugreifen. Zu Beginn der Pandemie gab es zum Beispiel unter den jungen Leuten viele, die für Personen aus den Risikogruppen Besorgungen erledigt haben. Das ist jetzt ziemlich weggefallen. Aber genau das ist so ein Beispiel, wo man mit einem kleinen Beitrag etwas bewegen kann. Wir alle müssen uns jetzt überlegen: Was kann unser Beitrag zur Bewältigung der Krise sein?

Frage: Wie soll man das als Erstsemester durchhalten?

Großegger: Man merkt es inzwischen ja selbst im privaten Umfeld: Viele werden gleichgültig und geben sich auf. Wir brauchen aber starke Erwachsene, die Solidarität vorleben, damit die Jugend nicht zu einer verlorenen Generation wird. Sie müssen Zuversicht, Hoffnung und Lebenskompetenz zeigen. So sollten zum Beispiel auch Eltern von Studierenden um jeden Preis versuchen, sich ihren Humor als Bewältigungsstrategie beizubehalten. Der ist nämlich bei jungen Menschen noch nicht sehr ausgeprägt. Wir wissen auch aus der Resilienz-Forschung, dass Problemlösungskompetenz vorgelebt werden muss - sei es durch Vorgesetzte, Lehrende oder eben Eltern.

Wenn wir nicht zeigen, wie ein Leben mit dem Virus gelingen kann, dann wird das für die Jugendlichen schwierig. Umso mehr sollten wir kleine Erfolgserlebnisse und das Gefühl, gebraucht zu werden, fördern - und sei es nur bei der Shoppinghilfe für Ältere.

© dpa-infocom, dpa:201019-99-01040/2

Veröffentlicht am:
20. 10. 2020
08:08 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
20. 10. 2020
08:08 Uhr



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