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Interview

Adel Tawil: "Aufgeben ist für mich keine Option"



 
Stationen Ihres Albums „So schön anders“ sind Hawaii, Ägypten, Italien, Hamburg und Berlin. Fällt es Ihnen schwer, einmal aus dem Alltag auszubrechen?
Ja, denn ich mag meine Gewohnheiten und mein Umfeld. In Berlin fühle ich mich sehr wohl. Aber dadurch, dass es in privater Hinsicht so schwierig war, hatte ich das Gefühl, in Berlin keinen Schritt weiter zu kommen. Das ist auch ein Thema auf meinem Album. Zufälligerweise ist zu der Zeit mein Freund Marlo nach Hawaii ausgewandert. Da hatte ich die Idee, ihn zu besuchen, um Abstand zu gewinnen und mich meinem Album widmen zu können.

Den Song „Eine Welt eine Heimat“ singen Sie gemeinsam mit Youssou N’Dour und Mohamed Mournir. Mounir ist für die arabische Welt eine generationsübergreifende Identifikationsfigur. Welches Verhältnis haben Sie zu ihm?
Er sagt, ich sei für ihn wie ein Sohn. Mohamed Mounir ist ein großartiger Mensch und Musiker, der schon über 30 Alben veröffentlicht hat. In Ägypten ist er ein Volksheld, er wird von seinen Fans „King of Egypt“ genannt. Wir sind zusammen in einem Kleinwagen durch Kairo gedüst, um keine Aufmerksamkeit zu erzeugen. Er wurde trotzdem erkannt – und der ganze Verkehr brach zusammen. Die Leute stiegen aus ihren Autos aus und fingen an zu feiern. Das habe ich übrigens auch im Senegal beobachten können.

Dort waren Sie mit Youssou N’Dour im Studio, dem senegalesischen Superstar und Kulturbotschafter im Rang eines Ministers.
Youssou N’Dour ist ein Weltstar, 2004 bekam er sogar einen Grammy für das Album „Egypt“. Damit schließt sich für mich ein Kreis. In diesen Ländern kannst du als Star nicht mehr auf die Straße gehen, ohne dass es einen Massenauflauf gibt. Ich bin froh, dass ich die beiden für meine Platte gewinnen konnte. Sie sind sehr politische Künstler und haben für sich eine Form gefunden, in ihren Liedern Botschaften zu übermitteln. Sie verstehen es, Dinge so zu umschreiben, dass du nicht genau weißt, ob es jetzt eine schöne Frau ist oder dein Land, dass da befreit werden soll. Was wir hier als Entertainment empfinden, ist dort wirklich lebensverändernd. Mein Traum wäre, mit Mounir und N’Dour einmal in Kairo und Dakar zu spielen.

In Ägypten sind Sie bei einem Badeunfall vergangenen Sommer nur knapp mit dem Leben davongekommen. Was war passiert?
Dadurch, dass ich diesen Pool gut kenne, war ich beim Sprung ein bisschen nachlässig. Und plötzlich war mein oberster Halswirbel an vier Stellen gebrochen! Das ist der Atlas, der den Kopf hält. Aber es ist noch einmal glimpflich ausgegangen. Ich hätte das im Nachhinein nicht für möglich gehalten. Die Spezialisten in Hamburg und Berlin sagten mir nämlich, ich hätte unwahrscheinliches Glück gehabt.

Mussten Sie operiert werden?
Es war Selbstheilung. Ich hätte operiert werden können, war aber dagegen. Weil sie bei einer OP auch durch die Stimmbänder gegangen wären. Das wollte ich auf gar keinen Fall, weshalb ich ein halbes Jahr lang eine Halskrause tragen musste. Die Ärzte sagten, es gäbe eine Heilungschance, aber ich müsse vorsichtig sein. Der gebrochene Wirbel dürfe auf keinen Fall abrutschen. Deshalb musste ich immer wieder ins MRT und CT. Ich habe mich strikt an die Anweisungen der Ärzte gehalten und blieb lange zuhause.

Um was zu tun?
Ich lieh mir von meinem Vater den Fernsehsessel aus, da konnte ich mich gut ablegen. Ich war richtig außer Gefecht gesetzt.

Machte Ihnen die Vorstellung Angst, vielleicht nicht mehr gesund zu werden?
Angst war eigentlich nur in den ersten Tagen da, ich bin jemand, der sich mit seinem Schicksal abfinden kann. Wenn der schlimmste Fall eingetreten wäre, hätte ich damit auch klarkommen müssen. Aufgeben ist für mich keine Option.

Haben Sie in der Zeit der Genesung Ihre Stimme geschont?
Die ersten zwei, drei Wochen, in denen ich Schmerzen hatte, habe ich pausiert. Aber danach fing ich schon wieder an zu singen. Ich bin ein bisschen rastlos. Ich hatte nach dem Unfall genug Zeit, mich um die Musik zu kümmern. Es war Fluch und Segen zugleich.

Werden Sie zukünftig einen Gang zurückschalten?
Ich bin von Natur aus ein sehr rastloser Mensch. Höher, schneller, weiter. Als Selbständiger bist du permanent unter Druck und musst schauen, dass du irgendwas gerissen bekommst. Wenn ich das alles Revue passieren lassen, sage ich mir, ich hätte zwischendurch vielleicht auch mal etwas ganz Anderes machen sollen. Aber ich höre halt immer auf mein Gefühl. Genauso war es auch bei diesem Album.

Schauen Sie immer nach dem Guten, selbst wenn wirklich schreckliche Dinge passieren?
Ich darf die Hoffnung nicht verlieren. Was hätte ich denn dann noch? Ich glaube fest daran, dass wir eine Welt sind. Aber auf einmal werden wieder Mauern errichtet. Abschottung gilt plötzlich wieder als normal. Dabei geht es heute jedem Land in der EU besser als vor dem Euro. Für mich war es wichtig, das Lied „Eine Welt eine Heimat“ zu schreiben – gerade auch mit den zwei afrikanischen Musikern Mohamed Mounir aus Ägypten und Youssou N’Dour aus dem Senegal. Es hat fünf Sprachen: Senegalesisch, Französisch, Englisch, Ägyptisch und Deutsch. Ich kann kein Album machen ohne die Dinge, die mich persönlich beschäftigen: Trennungschmerz, Sehnsucht, Verzweiflung ob des Weltgeschehens und dennoch zuversichtlich in die Zukunft blicken.

Das Lied „Gott steh mir bei“ schrieben Sie spontan unter dem Eindruck der Anschläge in Paris. Wie denken Sie darüber als Künstler mit arabischen Wurzeln?
Der Anschlag auf das Bataclan war für mich als Musiker wie ein Albtraum. Es hätten ja auch wir sein können, die dort gerade spielten. Ich saß an dem Abend verzweifelt vor dem Fernseher und dachte wirklich: „Gott steh mir bei!“ Und dann geschah auch noch der Anschlag in Berlin auf dem Breidscheidplatz. Ich wohne doch gleich nebenan. Wenn ich im Ausland gefragt werde, sage ich immer, ich bin Berliner. Aber meine Herkunft ist ägyptisch und tunesisch. Für mich und meine Familie ist dieser Anschlag eine Tragödie. Deshalb möchte ich dem lautstark etwas entgegensetzen – auch in unserer Community. Dieses Lied drückt pure Verzweiflung aus.

Welchen Einfluss haben Sie als Künstler auf junge Menschen mit Migrationshintergrund?
Das kann ich nicht beurteilen. Ich denke allerdings, dass es jedem unabhängig von seiner Herkunft möglich sein sollte, seinen Weg zu gehen. Und wenn meine Musik dazu beiträgt, dann freue ich mich. Deswegen war mir der Albumtitel auch so wichtig. Mit „So schön anders“ habe ich versucht, das Anderssein auch mal positiv zu besetzen.

Wie haben Ihre Eltern Sie auf das Leben vorbereitet?
Als kleiner Junge sagte meine Mutter zu mir: „Adel, du musst super in der Schule sein, sonst landest du auf der Straße!“ Dieser Satz hat mich geprägt.

Wie haben Sie sich Ihren Weg ins Musikgeschäft gebahnt?
Ich hatte das Glück, dass der Berliner Senat das Hip-Hop-Mobil ins Leben gerufen hatte. Dort konnte ich meine ersten Demos machen. Für 20 Mark. Jeder von uns gab ein Fünf-Mark-Stück, und dann konnten wir ein Lied basteln mit allem drum und dran. Das hat mich von dummen Ideen ferngehalten.

Die Musik hat Sie vor Schlimmerem bewahrt?
Ich würde eher sagen, mein Selbstbewusstsein. Damals habe ich natürlich gerappt, singen galt als uncool. Plötzlich waren die Mädels an mir interessiert. Oben in Timmendorf habe ich letztens 14- bis 16-jährige Jungs kennengelernt, die hatten eine Rockband. Super! Eine gute Alternative zu irgendeinem Mist oder dem Rumsitzen am Rechner.

Sie sind Pate des Schüler-Song-Contests „Dein Song für eine Welt“ im Auftrag des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Wie waren Ihre eigenen Schulnoten?
Ich war sehr gut in der Schule, aber ich war faul. Ich hatte einfach andere Interessen. An den Fächern Deutsch, Englisch, Geschichte und Sport war ich sehr interessiert. Mathe war leider nicht mein Ding, was ich heute bereue. Ich wusste sehr schnell, dass Physik, Chemie und Biologie in meinem Leben keine Rolle spielen werden.

Was kann man von Ihrer Tournee erwarten?
Für mich persönlich wird es echt spannend, weil ich jetzt aus fünf Alben schöpfen kann. Ich denke, dass die Konzerte dadurch auch ein bisschen länger werden. Ich freue mich riesig darauf.

Adel Tawil auf Tour
Der Sänger tritt während seiner „So schön anders Tour 2017“ am 30. Juni im Parktheater in Plauen auf. Karten dafür gibt es bei uns.


    
Autor

Das Gespräch führte Olaf Neumann
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
29. 05. 2017
06:00 Uhr

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Das Gespräch führte Olaf Neumann

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29. 05. 2017
06:00 Uhr



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