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Interview

Andre Rieu: "Musik hat etwas Heilendes"

André Rieu packt 2018 seine sündhaft teure Stradivari von 1732 wieder aus. Darauf interpretiert er Walzer seines Idols Johann Strauss.



Andre Rieu
  Foto: Piroschka Van Der Wouw

Herr Rieu, 2017 spielten Sie mit Ihrem Johann Strauss Orchester in den USA, Chile, Mexiko und England. Ab Januar touren Sie in Deutschland und Österreich. Bringen Sie sich aus jedem Land etwas mit?
Für meine Enkelkinder bringe ich immer Geschenke mit! Ansonsten speichere ich all meine Erfahrungen in meinem Kopf und in meinem Herzen. Wir waren jetzt das vierte oder fünfte Mal in Chile. Ich schaue vorher immer in mein Archiv, damit wir nicht wieder dasselbe spielen. Diesmal hatten wir fünf ausverkaufte Konzerte in Reihe. Die Chilenen sind verrückt nach unserer Musik.

Was darf auf einer Tournee nicht fehlen?
Meine rote Couch! Auf Tour haben wir einen Rhythmus: Um halb vier kommen wir im Saal an, um einen Soundcheck zu machen. Anschließend ziehe ich mich zurück und schlafe auf meiner Couch. Ohne sie würde ich nicht auf Tour gehen. Gekauft habe ich sie in Münster. Wir haben alles, was man auf unserer Bühne sieht, viermal. Deswegen habe ich vier Exemplare dieser Couch. Wir nehmen auch immer dieselben deutschen Köche mit auf Tour. Das ist fast wie zu Hause.

Was ist auf Ihrer Bühne verboten?
Auf meiner Bühne ist es streng verboten, nicht mit hundertprozentigem Einsatz zu spielen. Aber das kommt eigentlich nicht vor. Meine Musiker wissen, dass ich nicht ausstehen kann, wenn jemand nicht mit ganzem Einsatz dabei ist.

Ist es wirklich herauszuhören, ob ein Musiker existenziell bei der Sache ist?
Ich höre es raus und sehe es einem Musiker an, ob er etwas nur macht, weil er es machen muss. Es ist sehr wichtig, existenziell bei der Sache zu sein. Denn genau das ist der Grund unseres Erfolges.

Wenn Sie mit Ihrem Orchester spielen, suchen Sie dann nach dem Klang Ihrer Kindheit?
Das hängt immer vom Stück ab. Manchmal ist es der Klang meiner Kindheit. Wir studieren unsere Stücke nach einem bestimmten Ablauf ein. Ich spiele nie vom Originalmaterial, denn das bietet zu wenig Spielraum. Ich will immer die Möglichkeit haben, Musik zu ändern und so zu arrangieren, wie ich es im Kopf habe. Das Resultat ist dann wirklich schöne Musik. Darum geht es doch: Man will immer etwas hören, was das Herz berührt.

Der deutsche Bundestag hat vor einiger Zeit die Frauenquote für Aufsichtsräte beschlossen. Hat auch Ihr Orchester eine Frauenquote?
Ja, aber nicht bewusst. In meinem Orchester spielen etwa 70 Prozent Frauen. Ich arbeite sehr gerne mit Musikerinnen zusammen, weil sie oftmals viel schneller, ehrlicher und besser sind als Männer.

Sind weibliche Musiker ehrgeiziger als männliche?
Das würde ich nicht sagen. Aber sie sind offener.

Woraus achten Sie besonders, wenn Sie neue Musiker für Ihr Orchester suchen?
Erst einmal kommen in meinem Orchester kaum Wechsel vor, weil alle bleiben wollen. Es ist nämlich ein Traumjob, bei mir zu spielen. Ich bin stolz, das sagen zu können. Es macht sehr viel Spaß, mit diesen Musikern unterwegs zu sein. Wenn dann aber mal ein Wechsel ist, dann achte ich besonders darauf, dass der- oder diejenige voll mit ganzem Herzen dabei ist. Denn dann hat jemand die Chance, bei mir zu überleben.

Kommt es manchmal vor, dass ein Musiker auf Tournee über die Stränge schlägt?
Nein, das ist noch nie vorgekommen. Ich muss sagen, ich bin ein sehr strenger Boss. Aber auch ein sehr guter. In meinem Orchester muss man sich an die Regeln halten, aber das klingt jetzt, als sei ich ein Diktator. Das bin ich nicht! Wenn man mit solch einer großen Gruppe reist, muss man zum Beispiel pünktlich am Bus sein. Schon aus Respekt vor den anderen.

Sie spielen auf einer Stradivari von 1732. Haben Sie auf Tour jemanden, der sich ausschließlich um dieses wertvolle Instrument kümmert?
Ja. Der weltberühmte Cellist Yo-Yo Ma hat sein Stradivari-Cello mal in einem Taxi in New York vergessen. Glücklicherweise war der Taxifahrer so ehrlich, ihm das Instrument zurückzubringen. Unterwegs gibt es viele Momente, in denen ich meine Geige nicht nah bei mir habe. Ich will dann aber nicht, dass sie irgendwo herumliegt. Solch ein Instrument ist nicht nur viel Geld wert, es hat auch einen ideellen und emotionalen Wert. Ich möchte, dass auch die nächste Generation noch auf ihm spielen kann. Ich habe mir diese Stradivari gekauft, aber ich fühle mich mehr als ihr Vater denn als ihr Besitzer.

Ein Pianist spielt jedes Konzert auf einem anderen Flügel, aber ein Geiger ist abhängig von seinem Instrument. Warum ist dem so?
Weil wirklich jede Geige anders ist. Hinsichtlich Mensur, Maßen, Klang, Form. Manchmal unterscheiden sich zwei Geigen nur durch ein kleines Geräusch und das irritiert einen. Eine Geige ist so persönlich wie eine Stimme.

Hat Ihre Stradivari Launen wie eine Diva?
Absolut. Sie besteht aus Jahrhunderte altem Holz. Mal spielt man sie in einem kalten, mal in einem warmen, feuchten oder trockenen Raum. Darauf reagiert nicht nur die Geige, sondern auch der Bogen. Dazu kommt noch, wie man sich gerade fühlt. Sind die Finger locker? Ist man ausgeruht? Alles wirkt zusammen und dabei kommt ein herrliches Gefühl heraus.

Die Stradivari erklingt auch auf Ihrem neuesten Album „Amore“. Was war Ihnen bei dieser Platte besonders wichtig?
Wenn man sich die Platte anhört, soll man sagen können: Mein Herz war gerührt! Das ist für mich das wichtigste, was ich mit Musik vermitteln will. Wenn ich mit meinem Orchester ins Studio gehe, um eine neue CD aufzunehmen, haben wir immer eine ganze Liste von Stücken im Kopf. Aber es finden nur 16 oder 17 den Weg auf eine Platte. Am ersten Tag im Studio bin ich immer total nervös. Das ist, als bekäme man ein Baby. Und dann fangen wir an, das Baby zu gestalten. Wenn die einzelnen Stücke ins Herz gehen, habe ich meine Arbeit richtig gemacht. Ich will, das jedes Stück nicht nur schön und perfekt ist, sondern ein Diamant.

Sind Sie als Musiker eigentlich sehr geräuschempfindlich?
Ja, das ist wahr. Wir haben kürzlich bei der Televizier Ring Gala in Amsterdam die Eröffnungsmusik gespielt. Nachher gab es eine Party, aber ich verstehe nicht, warum da immer so viel Lärm sein muss. Schrecklich! Wenn ich hier zuhause mit meinem Mitarbeitern im Büro sitze, bin ich der erste, der sagt: „Hey, der Computer da muss aus! Er macht mir zuviel Lärm“. Ich mag die totale Stille, weil sie die Gesundheit fördert.

Suchen Sie sich die Hotels auf einer Tournee danach aus, wie leise es dort ist?
Ja. Ich bitte immer darum, die geräuschvolle Heizung auszumachen, bevor ich ein Zimmer beziehe. Ich benutze lieber zwei extra Decken. Das erste, was ich in einem Saal mache, ist ein Rundgang. Ich will den Saal sehen, hören und riechen.

Wenn Sie zuhause an etwas arbeiten, hören Sie dann klassische Musik?
Nein, zuhause höre ich überhaupt keine Musik. Meine Frau sagt, ich sei wie vier Lipizzaner-Hengste. Entweder ich renne oder ich schlafe. Ich entspanne mich eigentlich nie. Aber wenn ich es dann doch einmal tue, dann schlafe ich.

Wie viel Schlaf brauchen Sie?
Nicht viel. Ich schlafe sehr oft sehr kurz. Ich habe die Begabung, überall schlafen zu können, wo ich will. Das ist sehr praktisch.

Was haben Sie persönlich aus der Musik für Ihr Leben gelernt?
Dass Musik das allerschönste und wertvollste ist, was es gibt. Von allen Kunstformen geht Musik am tiefsten ins Herz. Im Fernsehen erzählte einmal ein Mann von den schrecklichen Dingen, die er in seiner Jugend erlebte. Und dann sang er ein Lied von früher. Man konnte an ihm sehen, Musik hat etwas Heilendes. Ich habe erlebt, dass Leute im Rollstuhl in den Konzertsaal kamen und auf eigenen Beinen wieder rausgingen. Weil sie einfach so benommen von der Musik waren. Mir haben Ärzte geschrieben, dass meine Musik ihre Patienten wieder froh gemacht hat. Das ist für mich ein großes Kompliment. Ich hatte persönlichen Kontakt mit Gehirnforschern. Der Neuropsychologie Prof. Dr. Erik Scherder von der Freien Universität Amsterdam beschreibt in seinem Buch „Singing In The Brain“, was im Gehirn passiert, wenn Musik gespielt wird. Hoch interessant!

Wer die Werte der Musik wirklich versteht, kann kein Massenmörder sein?
Man kann es nicht generalisieren, aber ich kenne viele Musiker, und das sind alles liebe Leute. Es geht eigentlich auch nicht anders.

Ihrem Orchester gehören Menschen aus 13 Nationen an. Was haben Sie als Arbeitssprache gewählt?
Ich sag Ihnen, was es ist: Maastrichter Dialekt! Ob die Musiker jetzt aus Rumänien oder Wallonien kommen – nach einiger Zeit sprechen sie alle unseren Dialekt.

Hat auch Ihre Musik einen ganz eigenen Klang?
Sicherlich. Ich bin sehr stolz darauf, dass man beim Hören meiner CDs sofort erkennt, das ist André. Ich spiele die Musik immer so, wie der Komponist es gemeint hat. Herbert von Karajan wurde einmal gefragt, wie er wisse, wie der Komponist es gemeint hat. Da sagte er: „Hören Sie mal: Der Komponist hat das komponiert und ist jetzt tot oder weg. Aber ich bin derjenige, der es ausführen muss. Ohne einen Musiker sind es nur schwarze Striche auf weißem Papier“. Der Musiker hat die Verantwortung und hoffentlich auch die Kenntnisse, um diese schwarzen Striche auf weißem Papier zum Klingen zu bringen. Und das ist, was wir machen.

War es Ihnen wichtig, Ihr musikalisches Wissen an Ihre Söhne Marc und Pierre weiterzugeben?
Ich kann nicht sagen, dass ich das unbedingt wollte. Wenn sie mich gebeten hätten, ihnen alles zu zeigen, hätte ich es natürlich sofort gemacht. Aber das war nicht der Fall. Ich habe beiden Geigenunterricht gegeben, aber sie hatten darauf nicht unglaublich viel Lust. Also sagte ich ihnen, sie dürften gern machen, was sie wollen. Das haben sie dann auch getan.

Haben Ihre Söhne in der Pubertät gegen Sie rebelliert und Ihr Haus mit lautem Techno, Heavy Metal oder Hip Hop beschallt?
Das haben sie natürlich. Einer meiner Söhne hatte von einem Tag auf den anderen knallweiße Haare. Das hat er natürlich gemacht, um uns zu schocken. Aber es stand ihm sogar gut! Meine Söhne durften zuhause auch andere Musik hören, mein Vater hingegen erlaubte nur Klassik. Die Rolling Stones und die Beatles kamen bei uns nicht rein.

Haben Sie als Jugendlicher gegen Ihre Eltern rebelliert?
Kaum. Ich habe meine Pubertät später zusammen mit meiner Frau ausgelebt, die auch einen sehr strengen Vater hatte. Drei Wochen genügten dafür.

Also gibt es keine Jugendsünden, die Sie beichten müssten?
Nein.

Wie versetzen Sie sich in einen kreativen Zustand?
Ich denke, ich bin von Natur aus ziemlich kreativ. Ich muss mich nicht in einen bestimmten Zustand versetzen. Das geht bei mir von alleine. Sie denken, ich bin ein Holländer und rauche den ganzen Tag Marihuana? Nein, das mache ich nicht!

Haben Sie jemals einen Coffeeshop von innen gesehen?
Nein, noch nie. Ich lege keinen Wert auf das Zeug. Und auch meine Söhne nicht.

Was ist das typisch Holländische an Ihrer Kunst?
Wir Holländer sind locker und humorvoll. So sind wir auch auf der Bühne. Das ist vielleicht auch der Grund unseres Erfolgs. Wir können Humor und Ernsthaftigkeit verbinden, ohne dass das Niveau sinkt.

Was haben Sie sich für Ihre Tournee überlegt?
Man darf sich freuen auf einen unvergesslichen Abend. Mit viel Spaß, Tränen, Tanz und Gesang. Normalerweise schaut man bei einem klassischen Konzert vorher ins Programm, welches Orchester, welcher Dirigent und welche Solisten auftreten. In meinem Fall aber wissen die Leute nur, André kommt mit seinem Orchester. Ja, da müssen wir hin!

Spüren Sie eigentlich etwas von der globalen Wirtschaftskrise?
Ich habe sie eigentlich kaum gespürt. Die Leute kamen immer in meine Konzerte. Gerade weil sie die Krise vergessen wollen.

 

André Rieu auf Tour

Der Violinist geht 2018 auf ausgedehnte Tournee und macht am 2. Februar um 20 Uhr in der Arena in Nürnberg Station. Karten für das Konzert gibt es bei uns.

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Veröffentlicht am:
15. 01. 2018
06:00 Uhr

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