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Interview

Dale Davis: "Amy war ein Naturtalent"

Die Band „Forever Amy“ erinnert mit ihren Konzerten an die verstorbene Ausnahmekünstlerin Amy Winehouse. Mit dabei: Dale Davis, früher ein Teil von ihrer Band.



Forever Amy
  Foto: PR

Was würde Amy Winehouse sagen, wenn sie wüsste, dass Sie mit ihren Songs unter dem Bandnamen „Forever Amy“ auf Tour gehen?
Sie würde wahrscheinlich sagen: „Wofür machst du das?“ Und sie würde uns alles Gute wünschen. Es gibt dumme Leute, die ätzen, wir würden auf ihrem Rücken Geld machen. Aber Amy würde nicht wollen, dass wir tatenlos herumsitzen. Uns geht es nicht darum, dass wir die Songs genau so interpretieren, wie Amy sie mit uns gesungen hat. Wir wollen eher ihren revolutionären Geist wieder aufleben lassen. In der Sizilianerin Alba Plano haben wir eine Sängerin gefunden, die dazu fähig ist.

Wie haben Sie Amy kennengelernt?
Als Amy 2003 ihre erste Band zusammenstellte, wurde ich zum Vorspielen eingeladen. Sie war damals noch ein unbeschriebenes Blatt, aber die Musikindustrie war bereits auf sie aufmerksam geworden. Unser erster gemeinsamer Gig fand in einem kleinen Club in Westlondon statt. Ich habe sofort gesehen, wie talentiert sie war. Zwei Wochen später – bei unserer dritten Show – wurde mir endgültig klar, dass ich es mit einer Ausnahmekünstlerin zu tun hatte. In dem Moment, wo sie die Bühne betrat, war das Publikum von ihr gefangen. Die Leute hingen an ihren Lippen. Ich sagte zu ihr, dass sie eigentlich gar keine Band bräuchte. Sie hätte die Shows auch allein mit ihrer Gitarre absolvieren können.

War ihre gewaltige Stimme vom ersten Tag an vorhanden?
Yeah, absolut. Sie hat mir Sachen vorgespielt, die sie mit 15, 16 Jahren aufgenommen hat. Da war ihre Stimme bereits ausgereift. Sie war ein Naturtalent. Wir hatten nicht in jeder Hinsicht den selben Musikgeschmack, aber schon viele Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel unsere Liebe für Hip-Hop, Soul und Jazz.

Sie wurden sogar ihr Musical Director. War es mehr als ein Arbeitsverhältnis?
Wir wurden sehr schnell Freunde, die sich umeinander kümmerten. Wir waren wie Mutter und Vater für die Band.

Was hat Amy Winehouse tief im Innersten angetrieben?
Zuerst einmal die Musik. Sie wollte sich durch ihre Songs ausdrücken. Sie hatte einen hohen Anspruch an sich selbst und wollte immer alles richtig machen. Wenn man sich einmal ihre beiden Studioalben nacheinander anhört, spürt man, wie schnell sie dazugelernt hat. Sie wusste, was sie tat und hatte genaue Vorstellungen von ihren Songs, ihrem Stil und ihrem Image.

War sie chaotisch? Angeblich ist sie oft betrunken zu den Proben gekommen.
Am Anfang war sie nicht im geringsten chaotisch. Die Zusammenarbeit mit ihr war im Prinzip nicht anders als zum Beispiel die mit Tina Turner. Amy hatte die Fähigkeit, ihre Gedanken in Worte zu fassen, die die Menschen berühren. Sie war überhaupt nicht kompliziert und eine unheimlich musikalische Person. Es ist richtig, dass ihr Leben mit der Zeit chaotischer wurde, aber das ist doch bei jedem Major-Künstler der Fall. Es ist nicht so, dass niemand versucht hat, ihr zu helfen. Gegen Ende ihrer Karriere, als sie oft sehr betrunken war, konnte sie immer noch singen und auftreten.

Die meisten Leute kennen nur ihre dunkle Seite. Wie war Amy Winehouse wirklich?
Sie war sehr großzügig. Sie war intelligent und hatte einen tollen Humor. Sie hat nur wenige Interviews gegeben, deswegen wurde sie immer nur danach beurteilt, was man von ihr sah. Selbst dann, wenn sie mit der Presse gesprochen hat, ging es immer nur um Musik.

Zeigt der mit einem Oscar ausgezeichnete Dokumentarfilm „Amy“ von Asif Kapadia die wahre Amy Winehouse?
Definitiv. Es ist ein toller Film. Sie ist jetzt seit neun Jahren tot, aber sie wird wiederaufleben. Wie Janis Joplin. Die ist ja auch unsterblich geworden. Amy ist ein Vorbild für viele Frauen, die sich selbst verwirklichen wollen. Der Film „Amy“ war übrigens ursprünglich sieben Stunden lang. Der Regisseur hat wahnsinnig viel recherchiert. Am Ende musste er ihn auf zweieinhalb Stunden runtergekürzt.

Sie haben Amy bei all ihren Auftritten begleitet, aber im Studio arbeitete sie mit anderen Musikern. Warum?
Wir haben zusammen ein paar Aufnahmen gemacht, aber ihre Alben wurden in Amerika produziert. Der Produzent ihrer ersten Platte war Salaam Remi, bei der zweiten stieß Mark Ronson hinzu. Soweit ich weiß, ist fast alles, was sie jemals aufgenommen hat, veröffentlicht worden.

Der Film „The Day She Came To Dingle“ dokumentiert Amy Winehouses beeindruckenden Auftritt vor achtzig Zuschauern in einer kleinen Kirche in Dingle, einem Dorf in Irland. Was brauchte sie, um so gut zu sein wie an diesem Tag?
Nichts. Sie ging einfach auf die Bühne und sang. Bei Amy war kein Abend wie der andere. Sie hat ihre Auftritte nicht nach einer bestimmten Formel konzipiert und immer wieder Neues ausprobiert. Sie war bei der Interpretation ihrer eigenen Songs ungemein experimentierfreudig. In den ersten vier Jahren unserer Zusammenarbeit war sie konstant brillant. Alles, was sie tat, wirkte so mühelos. Als könnte sie jede Nacht auftreten. Aber natürlich wurde sie auch mal müde. Das ließ sie sich jedoch nicht anmerken, weil sie ein hohes Arbeitsethos hatte. Ihre Willenskraft war stärker als bei jedem anderen, den ich kenne. Eine solche Sängerin gibt es nur einmal in einer Generation.

Was hat Sie an ihr am meisten fasziniert?
Ihre Art zu singen. Ihre Performances. Ihr Songwriting. Allein ihre Bühnenpräsenz war magisch. Das erste Mal sah ich sie bei einem meiner eigenen Auftritte. Sie stand im Publikum und schaute mir direkt in die Augen. Was für strahlende Augen sie hatte! Sie war erst 18 und hatte schon dieses Licht in den Augen. Amy war definitiv ein besonderer Mensch.

Wie erinnern Sie ihr letztes Konzert im Juni 2011 in Belgrad, das zu einem Desaster wurde? Winehouse wirkte völlig neben der Spur und anstatt zu singen, umarmte sie ihre Bandmitglieder.
Es war das schwierigste Konzert meiner gesamten Karriere. Ich kann bis heute nicht glauben, dass wir an dem Abend fast anderthalb Stunden auf der Bühne standen. An das Meiste kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Uns allen war bewusst, dass dieses Konzert das Ende der Band markiert. Als ich zwei Tage später wieder in London war, teilte das Management mir mit, dass wir eine Pause einlegen werden. Wir wussten, dass es Probeme mit Amy gab. Einen Moment später war sie tot.

Wie ist sie damit umgegangen, dass nach der Belgrad-Show die restliche Tour abgesagt wurde?
Ich glaube, sie war erleichtert. Bis dahin war sie fünf Jahre lang mit denselben Songs auf Tour gewesen. Sie stand sehr unter Druck und hätte zu dem Zeitpunkt eigentlich bereits ein neues Album fertig geschrieben haben müssen.

Wann haben Sie sie das letzte Mal gesehen?
Zwei Tage vor ihrem Tod bin ich noch mit ihr ausgegangen. Und in der Nacht ihres Todes haben wir sogar noch miteinander telefoniert. Sie erzählte mir von ihren Plänen. Sie wollte ein ganz normales Leben führen.

Was dachten Sie, als Sie die Nachricht von Ihrem Tod hörten?
Ich war gerade mitten in den Proben mit einem anderen Künstler, als jemand reinkam und rief „Amy ist tot!“ Meine Knie wurden plötzlich ganz weich und ich fiel rücklings auf einen Stuhl. Wir waren doch für den Abend verabredet!

War Amy Winehouse ein Opfer des Celebrity-Wahns?
Sie wurde von der Boulevardpresse gejagt. Man hat sogar ihr Mobiltelefon gehackt. Das Internet machte sie in kürzester Zeit zu einem Weltstar. Auch deshalb stand sie extrem unter Druck. Manchmal ist es ihr sehr schwer gefallen, einfach den Schalter umzulegen und wieder ganz normal zu sein. Sie war kein Mensch, der über seine Probleme sprach. Sie hat sich eher danach erkundigt, wie es anderen geht. Ich glaube, was sie am Ende umgebracht hat, war ihre Essstörung. Wer nichts isst, der wird über kurz oder lang sterben. So einfach ist das.

Warum verhalten sich so viele Künstler selbstzerstörerisch?
Von erfolgreichen Künstlern wird erwartet, dass sie 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche zur Verfügung stehen. Natürlich haben sie ein Team, das für sie arbeitet. Aber das macht ihnen eigentlich sogar noch mehr Druck. Ich glaube, es ist nichts außergewöhnliches, dass Künstler einfach mal alles ausschalten. Wenn man ständig einen vollen Terminkalender hat, wird man irgendwann müde und fängt an, negativ zu denken. Man kann nicht permanent in einer Topverfassung sein. Aber genau das erwartet die Musikindustrie von einem Star. Ein Künstler drückt sich selbst in Bereiche, die ein normaler Mensch nicht mehr versteht. Dabei kommen oft dunke, negative Sachen zum Vorschein. Ein Künstler braucht das, um Kunst zu erschaffen. Die Fans verlangen ja ständig nach neuen Songs. Kein Künstler steigt einfach auf die Bühne und performt. Ohne seine Seele zu erforschen, wäre er dazu gar nicht in der Lage.

War Amys Leben rückblickend ein tragisches?
Auf gewisse Weise war ihr Leben gar nicht tragisch. Denn sie hat uns in kürzester Zeit unheimlich viel gegeben. Sie ist bereits mit 27 Jahren gestorben, das ist kein hohes Alter. Am Ende müssen wir alle irgendwann gehen. Es kommt aber immer drauf an, was man mit seiner Zeit anfängt. Und Amy hat den Menschen unheimlich viel gegeben. Das ist doch überhaupt nicht tragisch.

Träumen Sie manchmal noch von ihr?
Schon seit einer Weile hat sie auf diese Weise nicht mehr zu mir gesprochen. Das erste Mal, als sie mir in einem Traum erschien, sagte sie zu mir: „Dale, willst du wissen, was passiert ist?“ Normalerweise macht es mir nichts aus, über sie zu sprechen, aber darauf war ich nicht vorbereitet. Ich sagte: „Was ist denn passiert, Amy?“ Leider ist sie genau in dem Moment wieder aus meinem Traum verschwunden. Keine Ahnung, ob das ein Zeichen war. Als sie noch am Leben war, hatten wir oft zur selben Zeit Träume. Sie war sehr spirituell und wühlte viel in ihrem Innenleben. Darüber hat sie kaum gesprochen.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie die Trauer über ihren Tod bewältigt hatten?
Solche Dinge heilen nie wirklich. Mein Gefühl für sie war intensiv. Ich bin dankbar, dass ich sie eine Weile begleiten durfte. Natürlich ging in ihrem Leben einiges schief, aber bei wem ist das nicht so. Ihr Leben ging nicht gut aus, aber wie gesagt sehe ich sie nicht als tragische Person. Dafür hat sie uns einfach zu viel gegeben. Ein Teil von ihr lebt sogar in mir weiter. Manchmal höre ich sie noch auf ihre typische Art reden.

Was müsste getan werden, damit sich ein Fall wie Amy Winehouse nicht wiederholt?
So sehr die Musikindustrie auch versucht, dass sich so etwas Erschütterndes nicht wiederholt – es wird immer wieder jemanden geben, der ähnliches durchlebt wie Amy. Leider. Die Geschichte lehrt uns, dass von Zeit zu Zeit Künstler auftauchen, deren Stern extrem hell leuchtet und ganz schnell wieder verglüht. Aber die Wirkung dieser Personen ist immens.
    

"Forever Amy" auf Tour

Das Konzert „Forever Amy“ zu Ehren von Amy Winehouse ist am 3. April um 19.30 Uhr in der Staatsoper in Nürnberg zu erleben sowie am 8. April um 19.30 Uhr im Rosenthal-Theater in Selb. Karten gibt es im Ticketshop unserer Zeitung.

Autor

Das Gespräch führte Olaf Neumann
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
23. 03. 2020
06:00 Uhr

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Das Gespräch führte Olaf Neumann

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23. 03. 2020
06:00 Uhr



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