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Interview

Deep Purple: „Wir wollen noch nicht aufhören“

Deep Purple sind eine lebende Legende. Seit fast 50 Jahren touren die Pioniere des Hard-Rock schon um die Welt – auch dieses Jahr. Wir sprachen mit dem Schlagzeuger Ian Paice.



Deep Purple
  Foto: Jim Rakete
Mr. Paice, Ihr Album heißt „inFinite“ (unendlich/endlich). Ist das auf Ihre Kreativität gemünzt?
Dieses Wortspiel hat viele Bedeutungen. Wir wissen nicht, ob dies unser letztes Album sein wird. Aber ich denke, wir spielen jetzt unsere letzte Welttournee. Zu sagen, dass dies wirklich das Ende ist, bringen wir nicht übers Herz. Müssen wir gegenwärtig auch nicht. Aber wir akzeptieren, dass es mit Deep Purple nicht ewig weitergehen kann. Die „InFinite“-Tour wird voraussichtlich zwei Jahre oder sogar länger dauern. Das ist gefühlt eine halbe Ewigkeit. In zwei Jahren sind wir vielleicht so müde, dass wir sagen, jetzt ist wirklich Schluss. Oder wir fühlen uns fantastisch und machen nach einer kleinen Pause einfach weiter. Ich mag es nicht, wenn Bands ihre Abschiedstournee groß ankündigen und dann doch weitermachen, als sei nichts gewesen.

Sie sind 68 Jahre alt, Ian Gillan und Roger Glover sogar schon über 70.
Ich bin immer noch fit genug für Rock’n‚Roll. Die Band läuft wie geschmiert. Aber wer weiß, was in zwei Jahren ist, dann bin ich schon 70. So lange ich meine eigenen Erwartungen erfüllen kann, sehe ich keinen Grund, aufzuhören.

Geht es Ihnen darum, sich würdevoll und ohne Peinlichkeiten zu verabschieden?
Ja. Ich glaube fest daran, dass man den letzten Tag nicht planen kann. Wie soll das gehen? Niemand sagt doch alle Ernstes, heute trete ich definitiv zum letzten Mal auf. Das bringt man einfach nicht über die Lippen. Eigentlich wollen wir auch gar nicht aufhören, aber uns ist klar, Deep Purple kann es nicht ewig geben. Welttourneen sind extreme Kraftakte. Das Ende kann man aber nicht planen, ich denke, es wird eine sehr kurzfristige Entscheidung werden.

In Anbetracht Ihres neuen, sehr starken Albums dürfte Ihnen diese Entscheidung noch schwerer fallen.
Es ist eine gute Platte mit einigen sehr interessanten Stücken geworden. Vielleicht ist es ja unsere letzte, aber das würden wir nicht ankündigen. Plattenaufnahmen sind jedenfalls weniger anstrengend als Welttourneen.

Ist ein neues Album für Sie eine große musikalische Herausforderung oder schütteln Sie sowas locker aus dem Ärmel?
Diese Platte war ziemlich schnell fertig. Meinen Part hatte ich innerhalb von einer Woche eingespielt. Früher waren Album immer eine große Herausforderung für Deep Purple, weil wir gar nicht so viel Lust auf das Studio hatten. Aber seit wir mit Bob Ezrin zusammenarbeiten, laufen unsere Studioproduktionen viel professioneller und durchdachter ab. Bob bringt uns dazu, einen Song bereits in einem sehr frühen Stadium perfekt zu spielen, wenn die Musik noch sehr frisch ist. So macht es wieder Spaß. Früher schraubten wir drei Wochen lang an ein und demselben Drumsound herum. Mit Bob hat man aber manches bereits nach 15 oder 20 Minuten im Kasten. Wir sind eine Rock’n‚Roll-Band, die sich die Freiheit nimmt zu improvisieren. Wie im Jazz. Bei Bob ist der Sound von Anfang an gesetzt, er klingt herrlich lebendig. Er weiß genau, wie ein Studio funktioniert und wie man mikrofoniert. Da kann man sofort anfangen zu arbeiten. Und man freut sich sogar darauf, dass es am nächsten Morgen weitergeht.

Wie kamen Sie ursprünglich mit dem Jazz in Berührung?
Mein Vater war in den 30er Jahren Pianist in einer Bigband, die Tanzmusik spielte. In meiner Kindheit spielte er seine Jazz-Platten ständig zuhause ab. Damals wusste ich natürlich noch nicht, dass ich einmal Schlagzeuger werden wollte, aber all diese Klänge wirkten bereits in meinem Kopf: Count Basie, Tommy Dorsey, Duke Ellington. Als ich dann anfing, Schlagzeug zu spielen, tat ich dies automatisch mit einem Swing-Beat. Denn so hatte ich Musik immer gehört. Während alle anderen Kids ihre Lektionen von Rock’n‚Roll-Drummern gelernt hatten. Im Lauf der Jahre habe ich die Bigband-Fill-Ins dann auf den Rock’n‚Roll übertragen.

Ihr Bandkollege Roger Glover ist ja selbst Produzent. Warum brauchen Sie da überhaupt einen Bob Ezrin, der von außen auf Ihre Musik schaut?
Es ist extrem schwer, dieser Produzent zu sein, wenn du selbst Teil der Band bist. Am Ende willst du alle immer nur glücklich machen, denn sie sind ja deine Freunde. Man kann dann einfach nicht mehr unvoreingenommen und auch unbarmherzig sein, ohne dass sich das auf dein Verhältnis zu den anderen in der Band niederschlägt. Deshalb ist Rogers Job bei Deep Purple der des Bassisten und Songschreibers. Wir haben uns da draußen jemand gesucht, dessen Meinung wir respektieren. Diese Person darf ruhig sehr kritisch und unbarmherzig mit uns umgehen, wir wissen ja, es ist nicht persönlich gemeint ist. Wenn Bob Ezrin einen kritischen Kommentar abgibt, dann müssen wir an uns etwas ändern.

Ist Bob Ezrin Ihr Geoge Martin?
Er wird mehr und mehr dazu. Bob hat mit seiner präzisen Art dafür gesorgt, dass der ganze Studioprozess bei uns heute sehr geschmeidig abläuft. Er löst Probleme innerhalb von zehn Minuten und macht damit alle glücklich. Er verfügt auch über das Feingefühl, dass es als Produzent braucht, um magische Momente im Studio einzufangen. Als Musiker bemerkt man die meist erst im Nachhinein, wenn man sich das Aufgenomme noch einmal anhört. Weil man beim Spielen viel zu sehr auf die anderen Musiker und seinen eigenen Part konzentriert ist. Für eine Maschine zu spielen ist eine ganz andere Disziplin als für ein Publikum zu spielen. Das Publikum vergibt dir kleine Fehler, die Maschine nicht. Im Studio bist du dir selbst sehr bewusst.

Schreiben Sie immer alle Songs gemeinsam?
Ja. Es spielt dabei keine Rolle, wer zuerst mit einem Einfall ankommt. Von mir zum Beispiel kommen naturgemäß die rhythmischen Ideen. Wenn ich etwas spiele und Roger steigt mit seinem Bass und Steve mit seiner Gitarre mit ein, dann weiß ich, dass daraus ein Song entstehen kann. Wir brauchen nicht viel zu reden, vieles geschieht durch ein einfaches Kopfnicken oder einen Blick. Es kann aber auch passieren, dass wir sämtliche Aufnahmen eines Tages am nächsten morgen wieder wegschmeißen, nachdem wir sie uns noch einmal angehört haben. Dann fangen wir wieder von vorne an. Am Ende hast du vielleicht zehn gute Songideen, die allen gefallen, und die landen dann auf der Platte.

Sie haben das Album in Nashville aufgenommen. Was führte Sie ausgerechnet in die Hochburg der US-Country-Musik?
Zuerst einmal ist das eine fabelhafte Stadt, um Musik zu machen. Nashville ist der letzte Ort seiner Art. In New York und Los Angeles gibt es sowas nicht mehr. London hat noch die Abbey-Road-Studios, mehr nicht. In Nashville kommt heute alles zusammen, egal ob Country, Jazz, Hip-Hop, klassische Musik oder Rock. Die haben dort unverschämt gute Leute.

Als einziges Bandmitglied sind Sie auf sämtlichen Deep-Purple-Alben zu hören. Haben Sie deshalb eine besondere Rolle bei dieser Band? Sind Sie gar der heimliche Chef?
Nein, bei uns gibt es keinen Boss. Ich bin das Fundament. Als ich zu Deep Purple stieß, war ich gerade mal 19. Ich war ein sehr unerfahrener 19-Jähriger, aber ich habe schnell dazugelernt. Da damals der sieben Jahre ältere Jon Lord und der drei Jahe ältere Ritchie Blackmore in der Band waren, gab es für mich keinen Grund, mehr sein zu wollen als ich war: Drummer und kreativer Teil der Band. Die Interviews gaben die anderen, ich war glücklich, wenn ich Backstage war. Als Jon dann viele Jahre später die Band verließ für eine Solokarriere, hinterließ er eine menschliche Lücke. Und die habe ich gefüllt. Auch wir Drummer haben ein ausgeprägtes Ego, aber wir können es besser kontrollieren als andere. Wir müssen nicht immer in der ersten Reihe stehen. Wir legen da einfach keinen gesteigerten Wert drauf. Aber wenn der Job es verlangt, dann bin ich auch fähig dazu.

Ritchie Blackmore hat ja wieder Bock auf Rock. Wird es nach der Rainbow-Reunion vielleicht auch bald eine Reunion der klassichen Deep-Purple-Besetzung geben?
Ausgeschlossen, wir haben überhaupt keinen Kontakt mit Ritchie. Das ist seine Entscheidung und nicht unsere. Er hat die Band damals verlassen, niemand hat ihn dazu gedrängt. Oder ihm gesagt, dass wir ihn auch privat nicht mehr sehen wollen. Seitdem hat Ritchie sich eine eigene Karriere aufgebaut. Dass wir jemals wieder mit ihm spielen werden, wird nicht passieren. Im Leben sollte es vor allem um Spaß gehen, nicht um Schwierigkeiten. Insbesondere, wenn man etwas macht, das man liebt. Ich finde, wenn man mit seinem Instrument auf die Bühne geht und man fühlt sich dabei nicht wohl, dann läuft etwas gewaltig schief.

Die aktuelle Besetzung von Deep Purple ist die beständigste in der Geschichte der Band. Wie kommt’s?
Wir sind älter und weiser geworden. Und wir haben verstanden, dass Dinge wie politische und religiöse Unterschiede beim Musikmachen überhaupt keine Rolle spielen. Wenn man jung ist, sieht man das anders, aber heute sagen wir uns: Jeder hat das Recht, genau der zu sein, der er sein möchte. Es geht uns einzig um die Freude an der Musik. Und wenn man dann doch mal eine größere Meinungsverschiedenheit mit einem Bandkollegen hat, versucht man einfach, da nicht weiter drüber zu sprechen. Man hält sich einfach raus. Wenn du das einmal akzeptiert hast, siehst du die Band mit anderen Augen.

Von Deep Purple gibt es nur wenige Coverversionen. Was brachte Sie jetzt dazu, den berühmten Doors-Song „Roadhouse Blues“ aufnehmen zu wollen?
Wir verstehen den Song nicht als Hommage an die Doors, sondern eher als einen kleinen Spaß. Bob Ezrin machte irgendwann den Vorschlag, wir sollten doch einfach mal etwas spielen, was wir persönlich mögen. Das Resultat ist dieses Cover. Der „Roadhouse Blues“ ist Teil unserer musikalischen Entwicklung. Es hätte genauso gut ein Song von Fats Domino, Elvis Presley oder Jerry Lee Lewis gewesen sein können. Um für Deep Purple im Training zu bleiben, toure ich hin und wieder wieder mit einer Tributeband namens Purpendicular. Gegen Ende unserer Shows spielen wir immer „Black Night“. Und einmal wechselte der Sänger, Robbie, plötzlich von „Black Night“ zu „Roadhouse Blues“, weil beide Nummern den selben Groove haben. Das Publikum war begeistert. Mit Deep Purple brauchten wir genau zehn Minuten, diese Nummer zu arrangieren. Was man auf dem Album hört, ist der First Take. Ein großartiges, einfaches Stück Rock’n‚Roll mit einem bluesigen Gitarrensolo von Steve. Auch das hat er drauf. Und zwar authentisch.

Werden Sie den „Roadhouse Blues“ mit auf Tour nehmen?
Das entscheiden wir zwei Tage vor der ersten Show. Ich bin gespannt, welche der Songs es vom Studio auf die Bühne schaffen werden. Manche springen einem ins Auge, aber du weißt es eigentlich erst, wenn du sie vor Publikum spielst. Egal wie gut eine Nummer ist, wenn die Leute nicht drauf anspringen, fällt sie wieder raus und wir finden eine neue.

Gibt es bei Ihnen noch Aftershow Partys?
Aftershow-Partys sind nichts mehr für uns. Ian Gillan geht in der Regel nach einem Gig sofort ins Hotel. Die Versuchungen Backstage sind für ihn einfach zu groß, denn dort steht immer eine gut gefüllte Bar. Der Rest der Band kommt meist noch für eine gute Stunde mit der Crew zusammen, bis unser Adrenalinspiegel wieder unten ist. Dann sprechen wir über alles außer Musik und den Auftritt. Wir sind keine 21 mehr, wir ziehen nicht mehr um die Häuser auf der Suche nach Mädchen.

Haben Sie eigentlich einen Plan für Ihr Leben nach Deep Purple?
Ich habe zwei Wohnsitze, in England und auf Menorca. Dort habe ich ein kleines Boot, und bei schönem Wetter und ruhiger See gehe ich gern angeln. Und wenn ich wirklich Glück habe, sind die Fische dann gerade weg.

Deep Purple auf Tour
Die Band geht auf „inFinite –The long Goodbye“-Tour 19. Mai um 20 Uhr in der Olympiahalle in München und am 9. Juni um 20 Uhr in der Arena in Leipzig Station. Karten dafür gibt es im Ticketshop unserer Zeitung.
 
Autor

Das Gespräch führte Olaf Neumann
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
15. 05. 2017
06:00 Uhr

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Das Gespräch führte Olaf Neumann

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15. 05. 2017
06:00 Uhr



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