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Interview

Depeche Mode: „Wir sprechen Dinge an, wie sie sind“

Die Synthiepop-Pioniere Depeche Mode kommen im Rahmen ihrer „Global Spirit“-Tour nach Deutschland. Wir sprachen mit Sänger Dave Gahan und Bassist Martin Gore.



Depeche Mode
  Foto: Anton Corbijn
Mr. Gahan, Mr. Gore, ist „Spirit“ das pessimistischste Depeche-Mode-Album aller Zeiten?
Martin Gore: Das Wort „pessimistisch“ kann ich nicht so gut leiden. Ich mag den Begriff „realistisch“ lieber. Wir sprechen die Dinge so an, wie sie sind. Falls das ein bisschen deprimierend rüberkommt, dann tut es mir leid (lacht).

Mr. Gore, Sie singen auf „Eternal“ selbst. Der Song handelt von ihrer kleinen Tochter Johnnie Lee, die vor einem Jahr zur Welt kam. Ein schöner Song, nur: Musste die Zeile „When The Radiation Falls I Will Look You In The Eye And Kiss You“ (Wenn der radioaktive Regen fällt, werde ich dir in die Augen schauen und dich küssen) denn wirklich unbedingt sein?
Gore: Das ist doch romantisch! (lacht) Okay, sagen wir, es ist meine Art der Romantik. Ich denke, wenn du in der heutigen Zeit ein Kind in die Welt setzt, dann musst du immer mit dem Schlimmsten rechnen. Es gibt diese allgegenwärtige Gefahr von allem, Atomkrieg inklusive. Wir haben seit einigen Monaten einen verrückten Mann im größten und wichtigsten Amt der Welt. Wer weiß schon, was da weiter passieren wird.

Mr. Gahan, ihre Tochter Stella Rose wird im Juli 18. Sind Sie besorgt, in was für einer Welt sie einmal leben wird?
Gahan: Absolut. Die Frage stelle ich mir, auch in Bezug auf meine zwei erwachsenen Söhne. Du willst, dass die Kinder geborgen und in Freiheit aufwachsen. Dass sie sich entscheiden können, wie sie leben wollen. Die Angst, die von Politikern wie Trump verbreitet wird, ist irreal, verrückt. Niemandem ist gedient, wenn auf Minderheiten herumgehackt wird. Überall auf der Welt wollen die Menschen in Frieden, Sicherheit und Freiheit leben. Die Welt lässt sich nicht einteilen in die Guten und die Bösen.

Die Grundstimmung auf „Spirit“ ist dunkel, traurig und wütend. Ist das Album ein Ausdruck von Sorge, Angst, Wut und Frust angesichts der Entwicklungen auf der Welt?
Gahan: Ja, alles das trifft zu. Vor allem verspüre ich Frust und auch Verunsicherung. Wo soll es hingehen? Wem sollen wir glauben? Wem folgen? Man kann schon sehr sarkastisch werden. Es ist kaum möglich, nicht betroffen zu sein von allem, was du im Fernsehen siehst und was du liest.

Das Album beginnt mit „Going Backwards“, „Where’s The Revoultion“ und „The Worst Crime“, drei Songs mit explizit politischem Inhalt. Was hat Sie dazu bewogen? Der Brexit? Trump?
Gore: Das Album war schon fertig, als Trump an die Macht kam und schon geschrieben, als die Briten für den Brexit stimmten. Ich denke, die Menschheit ist sehr weit weggekommen von ihrem Pfad. Wir haben einiges von unserem menschlichen Geist verloren, wir haben einige wirklich schlechte Entscheidungen getroffen in den vergangenen Jahren, die ich nur schwer verkraften kann.

Andy Fletcher lebt in London, Dave Gahan in Manhattan, Martin Gore in Santa Barbara. Es ist wohl kein Zufall, dass…
Gahan:…wir uns alle drei in liberalen Enklaven niedergelassen haben? Sicher nicht. Dort leben wir sehr gern und sehr gut. Wir sind gesegnet, haben Möglichkeiten im Überfluss, aber das heißt nicht, dass wir uns nicht für das interessieren, was um uns herum passiert. Diese Themen haben sehr bewusst auch ihren Weg auf das neue Album gefunden.

Was hat Sie besonders bewegt?
Gore: Für uns war der Krieg in Syrien ein großes Thema. Wenn wir mit der Arbeit an einem neuen Album beginnen, dann treffen wir uns ja immer erstmal und besprechen in Ruhe, wo wir persönlich so stehen und wie wir die Welt sehen. Andy, Dave und ich sind erschüttert, dass die Welt sich einfach zurücklehnt und dieses Abschlachten aus sicherer Entfernung beobachtet. Wir hatten in den Neunzigern eine ähnliche Situation in Bosnien, aber da gab es wenigsten Versuche, der internationalen Gemeinschaft, Frieden zu schaffen. In Syrien wusch sich der Westen seine Hände in Untätigkeit. Sehr bewegt hat uns auch die „Black Lives Matter“-Kampagne. Wie kann es sein, dass schwarze Menschen in den USA reihenweise von der Polizei erschossen werden? Manchmal sieht es für mich so aus, als hätte es in diesem Land nie eine Bürgerrechtsbewegung gegeben.

Wo ist sie denn, die Revolution? Warten Sie auf einen Aufstand?
Gore: So einen polarisierenden Machthaber wie Trump habe ich in einer Demokratie noch nicht erlebt. Er macht eine Politik, die von vernünftigen Leuten schlicht für Wahnsinn gehalten wird. Und über den Brexit hätte man niemals eine solche Volksabstimmung mit einfacher Mehrheit machen dürfen. Das war ein gigantischer Fehler. Am Ende ging es ja fast 50:50 aus. Die meisten Leute wussten ohnehin nicht, was sie da zu entscheiden hatten. Ich bin kein Befürworter von Waffengewalt und Blutvergießen, aber mit so einer polarisierenden Figur an der Spitze und in der Mitte komplett gespaltenen Ländern kann es zu einem Punkt kommen, an dem es sehr viel Unruhe gibt.

Ist „The Worst Crime“ ein Ausblick auf ein solches Szenario?
Gore: Nicht direkt. Der Song, wie eigentlich das komplette Album, ist eher ein Aufruf, uns zusammenzuraufen und auf unseren Weg zurückkehren. Ich will nicht, dass die neue Platte zu depressiv wirkt, sie soll auch kämpferisch sein. Und hier und da mit einem Augenzwinkern.

Etwa im Video zur Single „Where’s The Revolution“, in dem sie unter anderem Marxisten mit langen Bärten darstellen.
Gore: Ja, es gibt schon mehr Humor als auf den ersten Blick sichtbar. Das Video zu drehen, hat wirklich Spaß gemacht, insbesondere diesen Karl-Marx-Teil.

Ziehen Sie ihre beeindruckenden Bärte aus dem Clip auch auf der Bühne über?
Gahan: Oh nein. Einmal und nie wieder. Ich bringe ihnen den Bart aber gerne mit nach Deutschland (lacht).

Bitte sehr. Sie verbringen ja fast den halben Sommer bei uns.
Gahan: Das ist korrekt. Und im Winter werden wir wohl auch noch mal auf der Matte stehen. Das ist schon eine ordentliche Tournee. Ich finde das ja ziemlich geil, dass wir für diese Tour schon über eine Million Tickets verkauft haben, ohne dass das Album veröffentlicht ist.

Sie klingen so überrascht. Vertrauen die Leute Depeche Mode nicht ohnehin blind?
Gahan: Du musst dich immer wieder neu bewerben und behaupten. Selbstverständlich ist nichts. Natürlich ist ein Vertrauensvorschuss schön, aber die Qualität des Albums sollte dieses Vertrauen unterfüttern und bestätigen. Sonst sind die Leute enttäuscht – auch von uns.

Es scheint, als ob der Respekt, den die Menschen Depeche Mode entgegenbringen, von Album zu Album zunimmt. Ganz früher galten Sie als Teenieband, inzwischen sind Sie quasi Ikonen. Liegt das am Alter?
Gahan: Auch. Aber nicht nur. Nach all den Jahren ist es für uns kritisch wichtig, ein Album zu machen, das standhalten kann. Dass es wert ist, mit der Musik, die wir über die Jahre gemacht haben, in einer Reihe zu stehen. Nach 35 Jahren deine kreativen Grenzen zu verschieben, ist nicht einfach und manchmal unbequem. Aber das ist eine lohnende Tortur, und eine Alternative sehe ich für uns nicht.

Wie fühlen Sie sich selbst mit „Spirit“?
Gahan: Sehr, sehr gut. Es war eine sehr richtige Entscheidung für uns, die Räder neu in Bewegung zu setzen und mit James Ford jemanden zu verpflichten, der mit einem frischen Paar Ohren an Depeche Mode heranging. James ist nicht nur ein hervorragender Produzent, er hat auch Martin und mich noch einmal enger zusammengebracht. Außerdem spielt er phantastisch Schlagzeug und Gitarre und versteht von Synthesizern so viel wie kaum ein Mensch sonst. Er war eine hervorragende Ergänzung für uns.

Wie meinen Sie das, wenn Sie sagen, er habe Martin und Sie noch enger zusammengebracht? Geht das denn?
Gahan: Ja, natürlich. Er hat uns zusammengeschweißt, den Teamgeist wirklich sehr stark gefördert. Martin wird immer der Mittelpunkt sein, wenn es um das Songwriting geht. Mir ist es vor Jahren gelungen, auch einen Fuß in diese Tür zu bekommen, und James Ford gelang es, das Beste aus uns herauszukitzeln und unseren jeweiligen Songs auszuwählen.

Wie wichtig war James Ford für das neue Album?
Gore: Bei Depeche Mode gibt es ja immer den Balance-Akt zwischen den familiären Elementen, wie dem üppigen Einsatz von modularen Synthesizern, dem typischen, extrem wiedererkennbaren Sound und Daves Stimme sowie gewissen Neuerungen. Wir haben die letzten drei Alben mit Ben Hillier aufgenommen, wir sind auch immer noch Freunde, aber wir wollten etwas anderes machen, und James bringt dieses frische Element rein.

Wie liefen denn die Aufnahmen mit ihm?
Gore: Sehr schnell und geradezu leichtfüßig. Wir dachten anfangs, er würde sich schon noch unserem eher gemächlichen Tempo im Studio anpassen, aber nichts da. Wir hatten im September noch ein Studio in New York gebucht, das konnten wir wieder stornieren, weil im August alles schon im Kasten war, sechs Wochen vor der geplanten Fertigstellung. Das gab es bei uns noch nie. Aber James Ford ist nicht nur sehr effizient, er ist auch ein Soundgenie.

Allerdings: Wer „Spirit“ gehört hat, der macht sich danach noch mehr Sorgen um die Welt als vorher.
Gore: Ja. Das soll er auch! Denn die Sorgen sind berechtigt. Für mich war eine der wesentlichen Intentionen mit dem Album, die Leute zum Denken zu bewegen.

Mr. Gahan, soweit man weiß, sind Sie ein glücklicher, nach Drogenexzessen, Herzstillstand und Blasenkrebs inzwischen gesund lebender, durchtrainierter Mann von 54 Jahren. Wie schwer fällt es Ihnen, solch lyrisch abgründigen Songtexte wie jenen zu „Poison Heart“ zu schreiben?
Gahan: In Musik und Texten offenbare ich Aspekte von mir, die ich so im wahren Leben nicht formulieren kann und möchte. Und die ich auch niemals würde in einer Beziehung ausleben wollen. In meinen Songs kommt der Teil meiner Persönlichkeit zum Ausdruck, der ansonsten verschlossen und versteckt bleibt. Und das aus gutem Grund (lacht).

Warum ist das so?
Gahan: Ich kann es nicht genau sagen. Ich weiß nur: Manchmal muss ich Dark Dave rauslassen. Sonst würde er mich auffressen. Glücklicherweise kann ich heute reinschlüpfen und rausschlüpfen aus diesem Charakter. Ich bin nicht mehr auf der dunklen Seite gefangen so wie früher.

Hell wird es selbst am Schluss des Albums nicht. Im letzten Song „Fail“ singen Sie „Oh, we are fucked“.
Gahan: Für mich ist das schlüssig. Wir sind am Ende und machen trotzdem weiter.
Gore: Das kleine bisschen Hoffnung ist die schöne Instrumentalmusik nach der letzten Zeile (schmunzelt).

Bei all den unschönen Entwicklungen in den USA und England – wollen Sie nicht nach Deutschland ziehen?
Gore: Das ist witzig. Darüber habe ich auch gerade mit Daniel Miller gesprochen, dem Inhaber von Mute Records, der uns 1980 unter Vertrag nahm und so etwas ist wie unser Mentor. Daniel lebt jetzt in Berlin, und er schwärmte ohne Ende von der Stadt. Aber ich habe einen 14-jährigen Sohn, der nur alle zwei Wochen bei mir ist, daher ist es etwa schwierig, momentan aus Santa Barbara wegzuziehen, wo ich seit fast 20 Jahren lebe und mich auch sehr wohlfühle.
Gahan: In New York habe ich meine Heimat gefunden, die Stadt ist unsere kleine Insel inmitten des Wahnsinns. Aber ich bin zum Beispiel auch sehr, sehr gerne in Berlin. Nach Konzerten mache ich abends nichts mehr, doch am nächsten Tag sehe ich immer zu, dass ich ein bisschen spazieren gehen kann. Berlin ist ideal für mich zum Flanieren. Das ist die Stadt, in der wir aufgewachsen sind und die Stadt, die uns immer sehr unterstützt hat.

Inwiefern aufgewachsen?
Gahan: Wir kamen schon sehr früh nach Berlin. 1983 haben wir in den „Hansa Studios“ unser Album „Construction Time Again“ aufgenommen. Später haben wir noch häufig in Berlin gearbeitet. Wir guckten der Stadt dabei zu, wie sie sich veränderte, wie die Mauer fiel, wir waren stets fasziniert von der Dynamik, der Spannung in der Stadt. Und gerade Berlin fühlt sich auf der Bühne an wie eine gigantische Familienfeier.

Können Sie sich vorstellen, in 13, 14 Jahren mit Depeche Mode das 50-jährige Bandjubiläum zu feiern?
Gore: Warum eigentlich nicht?

Gahan: Ich wüsste gar nicht, was ich mit mir anfangen sollte, wenn ich die Musik nicht mehr hätte. Ich kann mir allerdings vorstellen, später nicht mehr so lange auf Tournee zu sein. Ich liebe das, aber es wird immer schwerer, je älter ich werde. Davon abgesehen, sehe ich gerade auch nichts, das uns stoppen könnte.

Depeche Mode auf Tour
Die britische  Synthie-Pop-Band tritt am 9. Juni um 19.45 Uhr im Olympiastadion in München auf.  Karten für das Konzert  gibt es im Ticketshop unserer Zeitung.
   
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Das Gespräch führte Steffen Rüth
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
08. 05. 2017
06:00 Uhr

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Das Gespräch führte Steffen Rüth

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08. 05. 2017
06:00 Uhr



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