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Interview

Donots: "Wut ist nicht zwingend negativ"

Die Donots aus Münster sind längst eine Institution des deutschen Punkrocks. Wir unterhielten uns mit Sänger und Texter Ingo Knollmann.



  Foto: Dennis Dirksen

Ingo, es gibt von den Smiths das Album „Louder than Bombs“. Ist der Titel „Lauter als Bomben“ eine Art Verbeugung vor den Kollegen?
Auch, doch noch mehr ist er eine Verbeugung vor den Bands der Achtziger, die uns sehr geprägt haben. Und ganz klar: Wir haben uns bewusst für einen plakativen Titel entschieden, weil wir in plakativen Zeiten leben. Wenn Donald Trump die Leute jeden Tag auf 140 Zeichen antwittert, dann halten wir jetzt eben mit unseren Mitteln dagegen.

Ist „Lauter als Bomben“ ein wütendes Album?
Zum Teil ja. „Gegenwindsurfen“ zum Beispiel ist sicher ein lauter und wütender Song. Aber wir wollen zeigen, dass Wut nicht zwingend negativ besetzt und destruktiv sein muss. Unzufriedenheit, Frust und Wut können auch viel Gutes bewirken und ein Ansporn sein. Um im Bild zu bleiben: Beim Gegenwindsurfen peitscht dir der eisige Wind ins Gesicht, und du denkst „Jetzt erst recht“.

Steckt dieser trotzige Optimismus auch in „Keiner kommt hier lebend raus“?
Absolut. Die klare Botschaft der Nummer ist: Das Leben ist eh irgendwann vorbei, also lasst uns so lange eine gute Zeit haben. Und wenn du weißt, wie kräftigt der Sturm gerade bläst, dann konzentrier‘ dich aufs Wesentliche. Es hat keinen Zweck sich gegenseitig fertigzumachen oder gar umzubringen, wir sollten stattdessen unser Verantwortung gerecht werden und das Zusammenleben auf diesem Planeten ein wenig besser und angenehmer zu gestalten. Das ist eigentlich recht simpel.

Warum begreift es dann nicht jeder?
Das frage ich mich auch. Warum machen wir es uns bloß so schwer? Mal brennt der Baum weniger, mal brennt er mehr. Jeder Mensch hat seine eigene Art, mit dem Chaos umzugehen. Manche flüchten sich in die Religion, andere unterwerfen sich einer Masse, wir zum Beispiel machen Musik.

Was also ist zu tun?
Wenn es nach mir ginge, dann müssten alle Religionen abgeschafft werden. Ich verstehe die Grundidee, von wegen Hoffnung geben und so, doch diese ständigen „Mein Gott ist besser als deiner“-Vergleiche führen zu nichts außer zu Kriegen. Als nächste müsste das große Thema „Macht und Geld“ an Bedeutung verlieren.

Schwierig.
Klar. Aber nur mal ein Beispiel: Hier regen sich die Leute auf, dass auf einmal so viele Flüchtlinge im Land sind. Nur: Wenn du Geld in Rüstung investierst, dann finanzierst und ermöglichst du Kriege. Und dann kommen die Leute, die vor den Bomben fliehen, die du geliefert hast, eben zu dir. So, und wo wir schon dabei sind: Alle Ungleichmacher müssten weg. Und alle Grenzen. Wenn alle Menschen auf der Erde gleichberechtigt sind, dann wird unser aller Zusammenleben richtig gut.

Eine schöne Utopie.
Ja, warum denn nicht? Das ist ein sehr weiter Weg, den wir da vor uns haben. Man wird das auch niemals so hinbekommen, Aber sich deswegen zu verkriechen und vorab zu resignieren, bringt doch nichts. Jeder sollte im Kleinen bei sich anfangen.

Schon auf Ihrem vorherigen Album habt ihr mit Liedern wie „Kein Mensch ist illegal“ Stellung bezogen. Sind die Zeiten seitdem noch eigenartiger geworden?
Wenn du dir überlegst, wer in den USA Präsident ist und wer jetzt im Deutschen Bundestag vertreten ist, dann würde ich das klar mit „ja“ beantworten. Oder der Brexit, überhaupt diese Anti-Europa-Stimmung, das hätte ich mir vor drei Jahren so nicht vorstellen können. Wahrscheinlich läuft wirklich vieles in Pendelbewegungen ab. Auf einen Obama folgt dann eben ein Trump. Und auf einen Trump folgt womöglich jemand Großartiges. Auch glaube ich nicht, dass die AfD in vier Jahren noch den Zulauf erhalten wird, den sie momentan hat.

Sind politisch aufgeladene Zeiten gute Zeiten für den Rock’ n’ Roll?
Ja. Erinnern wir uns zurück an die Reagan-Thatcher-Jahre in den Achtzigern. Das waren große Zeiten für Rock und Punk. Insofern dürften das jetzt einige ziemlich geile Deutschpunkjahre werden.

Und somit auch ziemlich geile Jahre für die Donots?
Das ist der Plan. Wir hätten auch mehr Bock, über positive Dinge zu singen, und nicht alle Songs auf „Lauter als Bomben“ sind politisch oder mit erhobenem Zeigefinger. Aber die Kacke ist halt so sehr am Dampfen, dass wir mehrere Songs auf dem Album haben, die sagen „So geht es aber nicht“. Ich habe mich beim Texten diesmal sogar gebremst und gezügelt, damit ich nicht die ganze Zeit abkotze. Ein Song wie „Rauschen (Auf jeder Frequenz)“ ist zwar immer noch politisch gefärbt, aber quasi die positive Variante von „Dann ohne mich“ vom letzten Album. Auf „Rauschen“ sagen wir: Wir nehmen das Netz in die eigenen Hände. Ab heute senden wir selbst auf jeder Frequenz.“

Ist Punkrock nicht auch eine Art von Religion?
Sicherlich. Aber eine vereinende, keine trennende. Und eine sehr eigenverantwortliche. Wir kommen aus der „Do It Yourself“-Kultur, wir machen uns unsere eigenen Gedanken und gehen unseren eigenen Weg. Wir waren immer schon eine sehr selbständige Band.

Das neue Album veröffentlicht ihr auf eurem eigenen Label Solitary Man anstatt wie bisher bei Universal Music.
 Richtig. Unsere eigene Kreativzelle aus Studio und Label passt sehr gut in die heutige Zeit. Wir glauben nicht mehr an die klassischen Plattenfirmenstrukturen. Vielleicht haben wir uns auch zu viel von dem Universal-Vertrag versprochen, am Ende haben die uns längst nicht so viel Arbeit abgenommen wie gedacht. Also machen wir es lieber gleich selbst.

Nach zwanzig Jahren mit englischen Texten habt ihr mit „Karacho“ euer erstes deutschsprachiges Album gemacht. War es logisch, dass ihr auf Deutsch weitermacht?
Logisch nicht unbedingt, aber wir alle haben gedacht „Das Deutschding ist noch nicht durch“. Die Reaktionen auf „Karacho“ waren so gut wie durchweg positiv, und die Tour war der Ultrawahnsinn. Es wäre jetzt der falsche Zeitpunkt, das künstlich zu stoppen. Allerdings werden wie „Lauter als Bomben“ genau wie „Karacho“ auch wieder in einer englischen Version rausbringen, wahrscheinlich im Frühling.

Musikalisch ist „Lauter als Bomben“ ein echter Rundumschlag. Wolltet ihr euch klanglich alles offen halten?
Ja. So ein vielseitiges Album hatten wir wohl noch nie. Wir haben wieder mit dem Produzenten Kurt Ebelhäuser aufgenommen, der vor zehn Jahren schon „Coma Chameleon“ gemacht hat. Über die Jahre ist unser stilistischer Spielraum immer größer geworden, wir waren noch nie so frei wie auf dieser Platte. Wir haben in Münster jetzt auch unser eigenes Studio, in einem alten Bunker, dort haben wir superviel Zeit verbracht. Unsere Devise ist: Alles geht, es muss nur allen in der Band gefallen.

Die meisten von euch sind inzwischen Väter, deine Tochter ist jetzt zweieinhalb. Wie lassen sich die Donots und kleine Kinder kombinieren?
Logistisch ist es ein Jonglieren, und wir müssen uns eingestehen, dass „100 Prozent Familie“ und „100 Prozent Band“ nicht machbar sind. Du versuchst, so gut wie möglich die Balance zu halten, vergisst dabei leider ab und zu, selbst mal durchzuatmen. Aber ansonsten sind Kinder und die Band natürlich Gründe, um superglücklich zu sein.

„Heute Pläne. Morgen Konfetti“ heißt der letzte Song auf eurer Platte. Ist das die Donots-Devise?
Kann man schon sagen. Wir sind fünf Leute, die verdammt sprunghaft sein können. Für uns war es nie gut, zu sehr in einen beständigen Trott zu verfallen. Nichts ist planbar, und das finden wir schön.

Donots auf Tour

Die Alternative-Rockband tritt auf ihrer „Lauter als Bomben“-Tour am 23. März um 20 Uhr im E-Werk in Erlangen auf. Karten für das Konzert gibt sind im Ticketshop unserer Zeitung erhältlich.
  

Autor

Das Gespräch führte Steffen Rüth
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
26. 02. 2018
06:00 Uhr

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Das Gespräch führte Steffen Rüth

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Veröffentlicht am:
26. 02. 2018
06:00 Uhr



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