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Interview

Frank Turner: "London ist die beste Stadt auf Erden"

Er gilt als der Gentleman des Punk: Frank Turner. Mit dem neuen Album „Be more Kind“ im Gepäck geht er auf Tour.



Frank Turner
  Foto: Universal Music

Was hat Sie als Londoner dazu veranlasst, Ihr neuestes Album ausgerechnet in Texas aufzunehmen?
Dort ist das Studio von Austin Jenkins und Joshua Block, und ich wollte unbedingt mit ihnen zusammenarbeiten. Ich kannte sie vage als Mitglieder der Band White Denim, aber vor allem haben sie das tolle Debüt des Soulsängers Leon Bridges produziert. Wir haben uns vor einem Jahr zu einer Probesession getroffen, und es hat auf Anhieb funktioniert.

Haben Sie in Texas nach neuen musikalischen Einflüssen gesucht?
Das spielte eine große Rolle. Ich finde, Künstler stehen in der Pflicht, sich zu verändern. Mit meiner letzten Platte wollte ich klanglich zurück zu meinen Wurzeln. Und jetzt war die Zeit reif, die gemütliche Ecke zu verlassen und mit Drum-Loops und Synthesizern herumzubasteln. Das Resultat ist keine Drum’n‚Bass-Platte, aber auf jeden Fall etwas Neuartiges.

Haben Sie sich im Vorfeld der Studiosessions mit dem Synthesizer vertraut gemacht?
Ich habe zuhause mit meinem Laptop Demos erstellt und mit Drumloops herumexperimentiert. Dabei kam mir die Idee, auch im Studio mit solchen Loops zu arbeiten. Von den Arkells habe ich mir abgeschaut, wie man intelligente Popsongs macht. Ein weiterer Einfluss war ein Buch über die Postpunkbewegung der 80er Jahre mit politischen Popbands wie Soft Cell und Scritti Politti. Ich wollte Dinge tun, die ich nie zuvor getan hatte.

Fällt es Ihnen leicht, neue Ideen zu entwickeln?
Es ist harte Arbeit. Nick Cave sagte mal in einem Interview, er habe nach jeder Platte das Gefühl, ganz leer zu sein. Mir geht es genauso. Ich habe direkt nach „Positive Songs For Negative People“ ein Konzeptalbum geschrieben über Frauen, die von der Geschichte vergessen wurden. Es liegt aber auf Eis, weil mir die amerikanischen Präsidentschaftswahlen dazwischen kamen. 2016 war eine wilde Zeit in den USA. Diese Übergeschnapptheit schlug sich auf meine Shows nieder. Eines Tages ging ich im Univiertel von Columbus/Ohio spazieren, wo viele Studenten wohnen. An den Häusern hingen massenhaft Trump-Flaggen, was mich sehr irritierte. Dieser Moment war Auslöser des neuen Albums. Plötzlich flogen mir die Ideen nur so zu.

Wie kam es zu dem Song „Make Amerika Great Again“?
Mir ist bewusst, dass ich ein Außenstehender bin, aber ich habe einfach eine so große Leidenschaft für Amerika, dass ich mir diesen Song nicht verkneifen konnte. Ich liebe die amerikanische Kultur und die Amerikaner. Ich halte sogar das dortige politische System für gut, nur wird es im Moment sehr stark beansprucht. Die Leute, die Amerika wieder groß machen wollen, haben eine falsche Vorstellung davon, was dieses Land eigentlich so besonders macht. Ellis Island ist ein fantastisches Beispiel für politische Großzügigkeit: „Gib mir deine müden, bedrängten Massen, die frei atmen wollen, den elenden Abfall deiner reichen Küsten“. Darüber wollen Donald Trump und seine Freunde aber nicht reden. Im vergangenen Dezember war ich für eine Überaschungsshow in New York, wo ich erstmals „Make Amerika Great Again“ spielte. Es ist definitiv kein antiamerikanischer Song und ich hoffe, dass die Trump-Fans mir den Gefallen tun, sich ihn ganz anzuhören. Ich vermute aber, sie werden es nicht tun und mich stattdessen auf Twitter als Arschloch beschimpfen.

Manche politischen Beobachter glauben, dass Trumps Präsidentschaft das Ende der konservativen Ära in den USA einleite. Nach ihm werde wieder eine liberale Ära beginnen.
Ich halte politische Polarisierung für nichts Gutes. In den letzten Jahren ist es zur Mode geworden, Menschen, die anderer Meinung sind, auszugrenzen. Ich finde es idiotisch, nicht im Geringsten zu versuchen, den Gegner zu verstehen. Das ist ein Disaster für den politischen Diskurs. In einer gebildeten erwachsenen Welt sollte es doch möglich sein, zwei Redensarten öfters zu benutzen: nämlich „Ich weiß es nicht“ und „Ich habe meine Meinung geändert“. Ich hoffe, meine Platte macht deutlich, wie wichtig es ist, mit Trump-Unterstützen zu diskutieren, um Gemeinsamkeiten zu finden. Wenn das nicht geschieht, wird er auch die nächste Wahl gewinnen.

Zu dem Punkrock-Song „1933“ ließen Sie sich durch einen Artikel inspirieren, der die Alt-Right-Bewegung mit Punkrock vergleicht.
Dieser Song hat mir bereits einige wütende Emails eingebracht. Ein Amerikaner fühlte sich beleidigt, weil er meint, ich würde Trump mit Hitler gleichsetzen. Das tue ich gar nicht. Mit dem Song will ich sagen, dass wir jede politische Bewegung, die uns eine nationale Erneuerung verspricht, sehr argwöhnisch betrachten sollten, weil diese oft in nationaler Zerstörung endet. Trumps Motto „America First“ geht nämlich zurück auf Charles Lindbergh, der ein amerikanischer Faschist war. Da sollten unsere Alarmglocken doch klingeln!

Wie erklären Sie sich das weltweite Erstarken der politischen Rechten?
Das liberale Establishment wurde seit 1989 nicht mehr herausgefordert. Viele demokratische politische Führer haben die Fähigkeit verloren, ihre Sache zum Urprinzip zu machen. Die Sicherheit, in der wir zwischen 1989 und 2016 lebten, hatte zur Folge, dass wir es versäumten, nachhaltig für eine liberale Demokratie zu plädieren. Und in den Sozialen Medien werden regelmäßig Grenzen überschritten, weil junge Leute sich gern abgefuckt und rebellisch geben. Das hat oft gar nichts mit Politik zu tun. Viele von denen, die auf der populären Website 4chan.org regelmäßig niederträchtiges Zeug posten, um die „peace culture“ zu ärgern, haben Trump gewählt.

Mit Ihrem Album plädieren Sie für ein gesünderes Miteinander, indem Sie dazu aufrufen, sich höflicher zu benehmen. Halten Sie sich selbst daran?
Ich wäre auf jeden Fall gern höflicher! Ich möchte hiermit klarstellen, dass ich die Moral für mich nicht gepachtet habe. Ich könnte sicher noch viel besser mit der Außenwelt interagieren, als ich es derzeit tue. „Be More Kind“ ist übrigens ein Zitat aus einem Gedicht von Clive James, das mich sehr berührt hat. Wir Menschen vergessen mit der Zeit die Details einer Diskussion über Politik. An was wir uns aber ein Leben lang erinnern, ist die Art eines Streitgesprächs. Ob jemand sich anständig benommen hat oder nicht. Ich möchte einmal abtreten mit dem Gefühl, dass ich mit meinen Mitmenschen stets respektvoll umgegangen bin.

Joe Strummer, einer der größten Stars, den Punkrock je hervorgebracht hat, setzte Punk mit bespielhaften Manieren gleich.
Für mich wäre es das Letzte, darüber zu streiten, was Punk bedeutet. (lacht) Nämlich für jeden etwas anderes. Ich denke, Joe Strummer hatte mehr als alle anderen das Recht, Punk zu definieren. Gleichzeitig war auch Sid Vicious ein Punk. Aber ich bin mir nicht sicher, ob auch er beispielhafte Manieren hatte. Ich bin stolz darauf, mit Punkrock angefangen zu haben. Aber heute – mit 36 Jahren – geht mir die Frage, ob ich immer noch Punk mache, am Arsch vorbei!

Rockgrößen wie Bruce Springsteen wurden von der ersten Punk-Generation als „langweilige alte Fürze“ abgetan. Wie kommt’s, dass viele Punks von heute den mittlerweile 70-jährigen „Boss“ verehren?
Die erste Generation von Punkbands hat versprochen, dass sie allerhöchstens ein Jahr existieren würde. Aber The Damned spielen noch immer! Die ersten Punks sind inzwischen selbst so alt wie die „boring old farts“. Deswegen hat sich der Blick auf Rockgrößen wie Springsteen verändert. Er hatte in den letzten zehn Jahren einen immensen Einfluss auf den Punkrock. Das kann ich persönlich bestätigen.

Ist die Kunstform Rock’n‚Roll noch dazu fähig, die Gesellschaft zu verändern, wie es 1967 die Flower-Power- und 1977 die Punkbewegung taten?
Auf jeden Fall! Kunst im Allgemeinen ist immer auch ein Kommentar. Sie entwickelt und verbreitet Ideen, die nicht immer brandneu sind, aber oft für Diskussionen sorgen. Hin und wieder sagt irgendein Arschloch, der Rock’n‚Roll sei tot. Ich glaube, wer sowas behauptet, ist musikalisch ziemlich durcheinander. Leck mich am Arsch! Nur weil eine Person keine Ideen mehr oder sich seit 1990 keine neue Platte mehr angehört hat, ist das das ganze Genre doch noch lange nicht tot. Immer, wenn ich das Gefühl habe, ausgebrannt zu sein, suche ich mir jüngere Musiker, um mit ihnen abzuhängen.

Ist London noch immer eine pulsierende Musikmetropole?
Ja! Ich muss gestehen, dass ich der weltgrößte London-Liebhaber bin. Es ist die gottverdammt beste Stadt auf Erden. Ich habe nie woanders gelebt. Ich spaziere gern durch London und lese viel über Stadtgeschichte. In den Bars von Camden hocken jede Menge alte Säcke in Lederjacken, die sich zynisch darüber beschweren, dass der Rock’n‚Roll in London tot sei. Diese Leute waren aber nie in Peckham!

Mit Ihrem letzten Album „Positive Songs For Negative People“ spielten Sie insgesamt 411 Shows in 31 Ländern. Waren Sie erleichtert, als die Tour nach 26 Monaten endlich vorbei war?
Ich war nicht erleichtert, dafür trete ich viel zu gerne auf. Mit 26 wollte ich der am härtesten tourende Scheißkerl auf der ganzen Welt sein. Das war ziemlich angeberisch und brachte mir einen kaputten Rücken und psychische Probleme ein. Inzwischen haben einige meiner Crew-Mitglieder Kinder und ich selber eine Katze. Es gibt also gute Gründe, nach Hause zu kommen. Ich werde auch mit dieser Platte auf eine umfangreiche Tour gehen, aber ich passe auf, dabei nicht auszubrennen.

Frank Turner auf Tour

Der Sänger geht mit The Sleeping Souls auf „Be More Kind World Tour“ und gastiert am 14. November um 19.30 Uhr im Werk 2 in Leipzig. Karten gibt es bei uns.

 

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Das Gespräch führte Olaf Neumann
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
01. 10. 2018
06:00 Uhr

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Das Gespräch führte Olaf Neumann

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01. 10. 2018
06:00 Uhr



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