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Interview

Heinz Rudolf Kunze: "Es ist ganz komisch, älter zu werden"

Mit „Schöne Grüße vom Schicksal“ bringt Heinz Rudolf Kunze ein neues Album auf den Markt. Mit den neuen Songs im Gepäck geht er auf Tour.



Heinz Rudolf Kunze
  Foto: River Concerts

Glauben Sie an das Schicksal, Herr Kunze?
Ja, schon. Ich denke, dass es so etwas wie Fügung gibt. Vielleicht hat dieser Plan hier und da Löcher, aber insgesamt möchte ich an der Vorstellung festhalten, dass alles, was wir so erleben, einen übergeordneten Sinn hat – selbst, wenn wir den nicht jedes Mal verstehen. Die Idee, dass das Leben nur eine Ansammlung von naturwissenschaftlich beschreibbaren Molekülen ist und ansonsten auf Zufall beruht, würde mir nicht gefallen.

Möchten Sie den großen Plan denn gern verstehen?
Natürlich. Wer möchte das nicht? Aber die Wege des Herrn sind nun einmal unergründlich.

Gretchenfrage: Wie halten Sie es mit dem Glauben?
Ich bin ein… Sympathisant. Ich bin nicht so vermessen zu sagen, dass ich ein gläubiger Mensch bin. Dafür habe ich auch zu viele Zweifel. Trotzdem ist Glaube insgesamt etwas Positives. So lange er Leute, die etwas anderes glauben, in Ruhe lässt. Einer Religion anzugehören, die alle Andersgläubigen bekämpfen will, wäre mir wesensfremd.

In „Wie tut man denn sowas“ geht es um ebensolche religiös Verblendeten.
Kann man sagen. Vor allem geht es um die eigene Fassungslosigkeit, wenn man wieder mal Bilder sieht von Attentaten, explodierenden Bomben, trauernden Hinterbliebenen. Ich frage mich, was in diesen Terroristen vorgeht, was sie mit ihren Taten erreichen wollen. Ich finde, solch ein Lied war überfällig.

In mehreren der neuen Lieder leben Sie – wenn auch ironisch bis sarkastisch – Gewaltphantasien aus. In „Schieß“ etwa oder in „Schorsch genannt die Schere“. Kann jeder von uns zum Gewalttäter und Mörder werden?
Das glaube ich schon. Im Prinzip ist jeder Mensch zu allem fähig und niemand dagegen gefeit, schlimme Dummheiten zu begehen. Ich habe das große Glück, Künstler zu sein und Vieles beim Schreiben abarbeiten zu können. „Schorsch“ ist letztlich ein spaßiges Lied, eine gelebte Phantasie, im Stile von Neil Youngs „Revolution Blues“. Ich will einfach darauf aufmerksam machen, dass es ungerecht zugeht in der Welt. Und „Schieß“, die musikalisch wohl härteste Nummer der Platte, habe ich geschrieben für alle Menschen im Leben, die mich tief enttäuscht haben, die mir Schlechtes wünschten, mich betrogen, ausbeuteten und verrieten.

Was macht man mit solchen Leuten?
Solche Lieder. Damit man sie am Leben lässt (lacht).

Auch „Hartmann“ ist ein ernstes Lied. Sie singen über das Schicksal eines Soldaten in der heutigen Zeit.
Ich habe in den letzten Jahrzehnten viele ähnliche Lieder aus dem angloamerikanischen Raum gehört, etwa von Springsteen oder Dylan, und inzwischen sind auch wir Deutschen in der Situation, dass wir Songs über unsere Veteranen schreiben können. Ich finde es gut, wie sich heute psychotherapeutisch um die Traumata und Spätschäden von Soldaten gekümmert wird, die im Auslandseinsatz waren. Und ich denke an die Generation meines Vaters, die Kriegsgeneration. Um die hat sich keine Sau gekümmert. Deshalb waren die ja auch oft so stumm, wenn es um das Thema Krieg ging. Mein Vater übrigens nicht, der hat viel erzählt.

Haben Sie gedient?
Nein. Ich musste nicht einmal verweigern. Ich war untauglich. Arthrose im linken Mittelfuß. Glück gehabt. Ich konnte nach der Schule gleich studieren und bin froh, dass mir das erspart geblieben ist. Ich wäre nicht zum Helden geboren.

Andererseits gibt es auch zahlreiche schöne, versöhnliche, von der Liebe handelnde, Lieder auf der Platte. Ist die Mischung wichtig?
Mir schon. Ich schreibe täglich, habe bestimmt 300 Texte in der Schublade, und achte immer darauf, dass ein Album eine gute Gesamtgestalt bekommt. Ein Album soll für mich immer von allem handeln, von der ganzen Welt, so wie ich sie zum aktuellen Zeitpunkt sehe. Das Zurückschauen versuche ich, dabei in Grenzen zu halten, was mit knapp über 60 allerdings immer schwieriger wird.

Wie war denn ihr sechzigster Geburtstag vor anderthalb Jahren?
Nett, überschaubar und mit halb so vielen Gästen wie der Fünfzigste. Im Kopf ist es eine ganz komische Sache, älter zu werden. Das Hirn sagt mir oft „Du bist Anfang 20“, bevor der Körper den Kopf eines Besseren belehrt. Gerade als Künstler, wo man so viel rumspinnen und träumen darf, fühlt man sich eigentlich nicht altersgemäß. Wenn ich mir die drei, vier Schulfreunde angucke, die ich noch habe, und die jetzt so der Rente entgegengehen, also da fühle ich mich wirklich wesentlich jünger.

Gelten Sie in ihrem Umfeld als Exot?
Naja, ich führe ein bürgerliches Leben in einem exotischen Beruf. Ich bin diszipliniert, stehe für einen Musiker früh auf, arbeite und lese viel und kenne keine Exzesse. Ich habe noch nie Kokain, Heroin oder Haschisch genommen, trinke jedoch gerne ein Glas Wein. Aber auch das wird weniger, man verträgt den Rotwein einfach schlechter als früher (lacht). Das Rauchen habe ich auch aufgegeben, vor zwei Jahren, auch wegen der Stimme. Das klappt gut.

Warum haben Sie die Drogen nie probiert?
Weil ich Angst hatte, es könnte mir zu gut gefallen. Ich halte mich durchaus für ein lebendes Suchtpotential.

Ihre Stimme klingt kräftig und wirklich sehr gut auf „Schöne Grüße vom Schicksal“. Liegt das an den fehlenden Kippen?
Danke, das ist mir auch aufgefallen. Vielleicht zum Teil. Das liegt aber auch am Material, die neuen Stücke lassen sich sehr gut singen. Auch live wird das eine große Freude sein.

Ist „Luft nach oben“ die Hoffnungs-Hymne für alle Über-Sechzigjährigen?
Das Lied hat einfach nur Spaß gemacht. Ich verbinde keine tiefere Absicht damit. Ich finde es schade, dass die Leute bei so einem hämmernden Refrain eher an den Ballermann denken als die großartige Popband Sparks, von der es eigentlich inspiriert ist.

Auch textlich ist das Stück mit „Ja jetzt wird abgehoben“, „Da geht noch was“ oder „Wir springen, springen, springen“ sehr nah am Schlager.
Ich tue mich mit solchen Begriffen schwer. Die Grenzen werden immer unschärfer, der Schlager bemächtigt sich mehr und mehr der Ausdrücke der Rockmusik. Gerade bei den Songs dieser jungen Männer denke ich oft „Könnte Deutschpop sein, könnte auch Schlager sein“.

Auch die Single „Ich sag’s dir gerne tausendmal“, ein lupenreines, extrem gutgelauntes, Liebeslied, passt auf Schlagerpartys.
Mag sein. So einen positiven Titel zu schreiben, ist übrigens längst nicht so einfach wie er klingt. Im Radio zwischen Beatrice Egli und Howard Carpendale hat dieser Song sicher bessere Chancen als „Wie tut man denn sowas“. Das Lied richtet sich ganz schlicht an jeden Menschen, der einen anderen liebhat – egal, ob homo, hetero oder dreigeschlechtlich (lacht).

Das Album endet mit dem Lied „Die ganz normalen Menschen“, Sie singen: „Sie haben ganz normale Wünsche, sie haben ganz bescheidene Ziele“. Ein Lied für all die Vergessenen?
Ein Lied für all die Ärzte, Polizisten, Feuerwehrleute und Krankenpfleger, für all die Leute also, die dafür sorgen, dass es läuft in der Gesellschaft. Ich habe manchmal das Gefühl, dass unsere demokratischen Parteien viel schwafeln und sich um Kapriolen kümmern, aber diese Mehrheit von hart arbeitenden Menschen einfach zu wenig beachtet. Ich sage immer gerne: Das ist das Lied, das Martin Schulz gefehlt hat (lacht). Gerade die SPD hat extreme Probleme damit, dass sich die einfachen Menschen nicht mehr von ihr repräsentiert fühlen und deshalb zur Linkspartei und zur AfD laufen.

Wie kann man die Lage verbessern?
Politiker leben unter einer Käseglocke, mit einer sehr eigenen Wahrnehmung und einem sehr eigenen Vokabular. Eine Anbindung von Politikern an das normale Leben wäre wichtig. Man müsste verbieten, dass die gleich von der Uni uns Parlament gehen. Jeder Abgeordnete sollte erstmal einem richtigen Job nachgehen, damit er weiß, wie die Menschen ticken.

Ihre persönlichen Helden wie Dylan, Neil Young und Springsteen sind alle noch 10, 15 Jahre älter als Sie. Was bedeutet das für ihre eigene Zukunftsplanung?
Ich würde mir wünschen, dass ich meinen Beruf noch mindestens 20 Jahre ausüben kann. Etwas Besseres fällt mir nicht ein.

Heinz Rudolf Kunze auf Tour

Der deutsche Liedermacher gastiert am 1. September um 19.30 Uhr im Serenadenhof in Nürnberg und am 13. Januar um 20 Uhr in der Stadthalle in Chemnitz. Karten gibt es in unserem Ticketshop.

 

 

 

Autor

Das Gespräch führte Steffen Rüth
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
13. 08. 2018
06:00 Uhr

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13. 08. 2018
06:00 Uhr



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