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Ilka Bessin: "Ich musste viel Lehrgeld zahlen"

Ilka Bessin ist wieder da. Die Komikerin hatden pinken Jogger und den blonden Plastikfiffi an den Nagel gehängt und kehrt 2019 zurück auf die große Comedybühne.



Ilka Bessin
  Foto: PR

Frau Bessin, Sie haben letztes Jahr die Autobiografie „Abgeschminkt“ veröffentlicht und diese auch als Hörbuch aufgenommen. War das nochmalige Lesen immer einfach für Sie?
Es war natürlich sehr emotional, sich all die Erlebnisse nochmal durch den Kopf gehen zu lassen. Da gibt es Passagen, die sehr fröhlich sind, aber auch einige traurige, wie der Tod meines Vaters. Insgesamt hat die Aufnahme aber viel Spaß gemacht, weil es für mich eine neue Erfahrung war.

Angeblich gibt es schon Pläne, dass „Abgeschminkt“ verfilmt wird.
Ja, das Buch wird verfilmt, da sind wir dran.

Sie kokettierten einmal damit, Veronica Ferres könne die Hauptrolle spielen...
Stimmt, Veronica Ferres ist eine großartige Schauspielerin. Aber in diesem Film muss ich mich schon selbst spielen, zumindest den Teil, den ich vom Alter her darstellen kann. Ilka Bessin muss auch von Ilka Bessin gespielt werden, alles andere wäre komisch.

Was ist eigentlich mit Cindys Dialekt, behalten Sie den in Ihrem Bühnenprogramm bei?
Ich habe das mit meinen beiden Autoren tatsächlich überlegt, wie ich jetzt auf der Bühne rede. Letzten Endes werde ich dort wie im Alltag sprechen: Einfach so, wie mir der Mund gewachsen ist.

Wie schwierig ist für Sie die Umstellung, nun ohne rosa Jogging-Anzug auf der Bühne zu stehen?
Das ist schon eine Herausforderung für mich, denn das Kostüm war ja eine gewisse Art von Selbstschutz. Auf der anderen Seite war Cindy eine von mir geschaffene Bühnenfigur, sie war kein komplett anderer Mensch, sondern ein Teil von mir. Ich habe die gleiche Stimme wie sie, auch der Dialekt wird der gleiche sein und ich werde jetzt auch nicht plötzlich große philosophische Dinge erzählen.

Viele Pointen von Cindy hatten mit Übergewicht und ihrem Aussehen zu tun.
Naja, so viele Gags waren das gar nicht. Natürlich redet man darüber, man spielt damit, dass ich nicht die Figur habe, wie es sich manche im Publikum vielleicht wünschen. Aber insgesamt ging es bei Cindy einfach um Alltagsprobleme, wie man morgens aus dem Bett kommt, wie der Arztbesuch läuft...

...und um solche Dinge wird es auch in Ihrem neuen Programm gehen?
 Ja, Alltagsgeschichten sind für mich das Schönste, weil dadurch jeder, der vor der Bühne sitzt, mitfühlen kann. Die Leute erkennen Dinge aus ihrem eigenen Leben, Dinge, die ihnen passiert sind. Ich werde in zwei Jahren 50, darüber werde ich in meinem Programm natürlich auch sprechen, wie ich mich damit fühle. Und ich glaube, dass die Leute da eine Menge Spaß dran haben werden.
Ihren Abschied von der Rolle als Cindy aus Marzahn begründeten Sie u.a. damit, dass Sie in Zukunft auch ernste Themen ansprechen wollten. Was für Themen wären das im Moment?
Zum Beispiel, dass man über Kinderarmut redet oder über Rentner, die am Existenzminimum leben, die ihr Leben lang gearbeitet haben und jetzt einfach nicht vernünftig versorgt sind. Als Cindy aus Marzahn war das schwierig. Ich wollte vermeiden, dass die Leute nicht verstehen, in welchem Zusammenhang ich so etwas sage, oder dass sie denken, ich mache mich darüber lustig. Wir als Künstler haben ein Sprachrohr, wir haben die Möglichkeit, auf Dinge aufmerksam zu machen, die nicht rund laufen in diesem Land. Das kann auf der Bühne sein, aber auch in Talk-Shows oder Interviews.

War nicht auch Cindy aus Marzahn politisch? Sie verkörperte ja – auf humorvolle Weise – den Alltag von Menschen, die als Hartz4-Empfänger am Rand der Gesellschaft leben...
Cindy war natürlich schon so, dass sie ab und zu den Leuten den Spiegel vorgehalten und gezeigt hat: So sieht es aus. Aber vor allem hat sie aus ihrem Leben, aus ihrer persönlichen Sicht die Dinge erzählt, die ihr im Alltag passiert sind.

Ist die Schere zwischen arm und reich etwas, was Sie in Ihrem nächsten Comedy-Programm thematisieren werden?
Weniger, ich mache ja kein politisches Programm. Es wird vielleicht hier und da kleine Spitzen geben, aber ansonsten ist es ein Programm, bei dem die Leute lachen sollen, bei dem sie vielleicht auch mal den tristen Alltag vergessen können.

In Ihrer Autobiografie gehen Sie mehrfach mit sich selbst ins Gericht. Wie kam es zu diesem kritischen Blick auf das eigene Handeln?
Das ist einfach eine Art von Selbstreflektion. Vielleicht hat das mit dem Ablegen der Cindy-Rolle zu tun. Ich habe einfach gesehen, dass mein Verhalten gegenüber manchen Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, nicht immer fair war. Wenn ich von mir dachte: Ich bin die Größte und Tollste – dann war das einfach nicht in Ordnung.

Der Ruhm ist Ihnen zu Kopf gestiegen?
Wenn man von heute auf morgen in der Öffentlichkeit steht, gut gebucht ist, tolle Auftritte hat und auch gutes Geld verdient, kann es passieren, dass man die Selbstreflektion verliert. Es gab auch bei mir so einen Höhenflug, was damit zu tun hatte, dass ich nur von Leuten umgeben war, die mir die ganze Zeit sagten: „Du bist so lustig, du bist so toll“. Da glaubt man wirklich irgendwann, dass die Menschen um dich herum dankbar sein müssen, deine Luft atmen zu dürfen. Diesen Zahn hat mir dann zum Glück irgendwann das Management gezogen und ich habe gemerkt, wie wichtig der respektvolle Umgang miteinander ist.

Was war für Sie das Schwierigste beim Umgang mit der schnell gewachsenen Popularität?
Am schwierigsten war vielleicht, rauszubekommen: Wer meint es ehrlich mit dir – und wer will mit dir nur Geld verdienen? Das musste sich erstmal herauskristallisieren, dafür musste ich ein Gespür entwickeln. Ich war ja von heute auf morgen in einem Beruf in der Comedy-Branche, mit der ich vorher nichts zu tun hatte. Bei Verträgen wusste ich nicht, was man alles beachten muss. Da musste ich vorsichtig sein, und gucken: Wer ist ehrlich zu dir?

Mussten Sie viel Lehrgeld zahlen?
Ja, das musste ich. Im Nachhinein sage ich aber: Es kam alles so, wie es kommen musste. Am Ende helfen dir auch die negativen Dinge weiter: Wenn mich früher Leute beschimpft haben, hat mich das eher nach vorne getrieben. Zum Beispiel als ich den Job als Animateurin auf dem Schiff Aida angeboten bekam, da haben mir viele gesagt, „dafür bist du zu dick, die nehmen dich nicht“ – aber den Job bekam ich das macht mich dann schon stolz, wenn ich es den Leuten beweisen kann. Nicht aus Rache, sondern einfach um zu zeigen: Es kann eben doch funktionieren. Vertraut mir, ich kriege das hin.

War Ihre Erfahrung als Animateurin auf dem Kreuzfahrtschiff für Sie die wichtigste Schule für die Comedy-Bühne?
Nein, die größte Comedy-Schule war für mich die Gastronomie, in der ich 16 Jahre gearbeitet habe. Da gibt es so viele Sachen, die man erzählen kann: Vom Umgang mit Menschen, mit schlecht gelaunten Menschen, die man zum Lachen bringen muss, so dass sie nach Vorspeise, Hauptgang und Nachspeise gut gelaunt nach Hause gehen. Auf der Bühne frei zu reden, einen Spruch zu machen, das habe ich beim Kellnern gelernt. Dort musst du ja reagieren, wenn die Gäste rufen „Fräulein, bedienen Sie hier auch?“ Meine Antwort war dann: „Nein, ich verkaufe nur Schlauchboote.“ So etwas ist in der Gastro entstanden.

Sie schreiben im Buch, dass Sie während Ihrer Karriere als Cindy den Erfolg nicht richtig genießen konnten. Hat sich das inzwischen geändert?
Erfolg hat ja viel mit Arbeit zu tun. Manche Menschen denken, dass man nur zwei Stunden auf der Bühne steht, dann ins Hotel geht und die Beine hochlegt. Aber so ist es eben nicht, man muss sich das wirklich erarbeiten. Eine Tour bedeutet oft Stress, du bist mit vielen Leuten unterwegs, fährst 4-5 Stunden mit dem Auto, dann gehst du auf die Bühne... In der Zeit kann man den Erfolg kaum genießen, das geht erst im Nachhinein. Zum Beispiel heute, wenn ich jetzt alte Einspieler von mir im Fernsehen sehe, oder mir alte Show-Aufzeichnungen angucke, dann schmunzele ich und denke: Es war echt eine schöne Zeit. Ich bin sehr stolz darauf, was ich schon alles machen durfte.

Und Ihr Abschied von Cindy ist vermutlich ein endgültiger gewesen, oder?
Ja. Cindy ist jetzt auf einer Bohrinsel, und die verlässt sie wenn überhaupt nur für einen guten Zweck. Also, wenn jemand richtig viel Geld in die Hand nimmt, für einen guten Zweck, dann überlegt sie sich vielleicht, ob sie noch einmal für ein paar Stunden von ihrer Bohrinsel runterkommt.
 

Autor

Das Gespräch führte Jakob Buhre
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
25. 11. 2019
06:00 Uhr

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Das Gespräch führte Jakob Buhre

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25. 11. 2019
06:00 Uhr



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