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Interview

Kettcar: "Ich möchte Dinge ans Licht bringen"

Die Band Kettcar steht für clevere Rocksongs ohne Parolen und erhobenen Zeigefinger. Wir sprachen mit Sänger Marcus Wiebusch über Passion, Pathos und Politik.



Kettcar
 

Ihr Album „Ich vs. Wir“ beginnt mit der Zeile „Es war einer dieser Zyankali-Tage, an denen wir uns mal wieder umbringen wollten/weil die Menschen überhaupt keinen Sinn ergaben“. Ist das autobiografisch?
Diese Zeile drückt aus, wie sich ein links denkender Mensch wie ich fühlt, wenn er konfrontiert wird mit den demokratisch legitimierten Vollidiotenentscheidungen, die quasi minütlich auf uns niederkrachen: Stichwort Trump, Stichwort Erdogan, Stichwort Brexit. Dabei verliert man allmählich den Glauben an den Menschen und es stellt sich einem die übergeordnete Frage, die auch der Albumtitel widerspiegelt: Mit wem will ich eigentlich was zu tun haben? Als Linker kann man sich vielleicht noch in die Hölle des Zynismus flüchten, aber eigentlich sollten wir doch zusammen eine Gesellschaft hinkriegen, die lebenswert für alle ist. Das scheint schwieriger denn je zu sein. In dem Song wird die Flucht zweier Leute beschrieben, die sich ihre Menschlichkeit an einem Platz abholen, wo sie noch Liebe und Wärme empfinden.

„Ich gegen wir“ scheint das heimliche Leitmotiv unserer Zeit zu sein. Sind die Egoisten auf dem Vormarsch?
Der Albumtitel „Ich vs. Wir“ basiert auf dem Song „Wagenburg“. Darin lasse ich das Ich und das Wir krass gegeneinandercrashen. Wenn man das mal in den rechtspopulistischen Kontext stellt, kann man eindeutig sehen, dass die Rechten mit „Wir sind das Volk“ eigentlich „Ich bin das Volk“ meinen. Das ist empathieloser Egoismus! Der Widerstand der Straße ist heute scheinbar nur noch rechtspopulistisch aufgeladen, wenn man einmal von den G20-Protesten absieht. „Mit wem will ich eigentlich was zu tun haben?“ ist eine politische Urfrage, die jeder für sich beantworten muss. Als links denkender Mensch fühlt man sich zunehmend verloren, weil es unfassbare Grabenkämpfe gibt. Das macht es sehr schwer, eine lebenswerte Gesellschaft zu formieren, die nach meinem menschlichen Verständnis geschaffen werden könnte.

Hat sich nach den G20-Ausschreitungen hier in Hamburg etwas an Ihrem linken Selbstverständnis geändert?
Ich feiere nicht jede Vollidiotenaktion ab, aber ich stehe hinter 95 Prozent der Protestierenden bzw. deren Form des Protestes. Die mediale Aufarbeitung des G20-Gipfels war dann eine einzige Zumutung.

Ihr Song „Im Sommer ‚89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ erzählt von einer deutsch-deutschen Fluchthilfe und ist ein Statement zur gegenwärtigen Flüchtlingskrise. Wie kamen Sie auf die Idee zu der vertonten Geschichte?
Ganz am Anfang stand ein Artikel – ich glaube, er war in der SZ -, in dem ich auf ein österreichisches Ehepaar aus Mörbisch am See aufmerksam wurde. Es holte im Sommer 1989 insgesamt 400 DDR-Bürger über die Grenze, in einer Nacht waren es allein 23. Dazu muss man wissen, das sich in jenem Sommer an der österreichisch-ungarischen Grenze unfassbare Zustände abgespielt haben, weil die ungarischen Grenzbeamte das Ganze nicht mehr ganz ernst nahmen und zum Teil nur noch ein 1,80 Meter hoher Zaun die Menschen von der Freiheit trennte. Aufgrund dieses Artikels habe ich dann noch etwas weiter recherchiert und einiges gelesen. Die Positionen aus der dritten Strophe in der WG-Küche kenne ich aus persönlicher Erfahrung. Und dann habe ich den Text geschrieben.

Kettcar wurden als Emotionsverstärker und Pathos-Experten bezeichnet. Wie denken Sie darüber?
Ich will als Künstler natürlich immer emotionalisieren. Was soll ich hier rumeiern? Es ist ja keine Doku, sondern ein expressiv aufgeladener Erzähltext, mit dem ich den Zuhörer packen will. Wie packe ich ihn? Indem ich Dinge überhöhe. Natürlich ist das pathetisch, aber what the fuck! Ich bin Künstler, der Vorwurf des Pathetischen kommt auch nur in Deutschland. Bruce Springsteen würde man niemals Pathos vorwerfen! Ich will mich nicht mit ihm vergleichen, aber ich kenne seine Tricks, um die Leute zu erreichen. Genau dieselbe Technik wende ich Zeit meines Lebens an. Aber was Pathos angeht, steht Bruce Springsteen 200 Prozent über mir.

Was ist Ihr Antrieb als Songschreiber?
Wenn ich als Künstler Songs schreibe, dann sehe ich das als meine Möglichkeit, Dinge ans Licht zu bringen. „Sommer ‚89“ ist kein Song, der billige Antworten liefert, sondern wichtige Fragen aufwirft.

Kommen Sie bei der derzeitigen Fülle an Negativschlagzeilen überhaupt in Schreiblaune?
Das wird auf dem Album auch thematisiert. Innerhalb der Band ist „Den Revolver entsichern“ wahrscheinlich der wichtigste Song auf dem Album. Darin feiern wir die sogenannten „guten Menschen“ ab, die ja auch gerne mal mit dem rechtspopulistischen Kampfbegriff des Gutmenschen belegt werden. Also Menschen, die überhaupt noch so etwas wie Empathie haben. In Zeiten wie diesen kommt es mir fast so vor, als wären sie so was wie das letzte Bollwerk gegen den ganzen Wahnsinn. Früher habe ich diese Moralapostel und naiven Weltverbesserer immer gehasst, aber der Schlüsel ist, einfach mal die Fresse zu halten und den eigenen Wertmaßstäben folgend das Richtige zu tun. Das wird viel zu wenig gemacht.

Welches Verhältnis haben Sie zu Deutschland?
Ein Ambivalentes. Die positiven Dinge kann man nicht negieren. Etwa, dass Deutschland sich in der Flüchtlingsproblematik nicht voll blamiert hat. Oder dass unser Grundgesetz – im Wortsinne verstanden und umgesetzt – im weltweiten Vergleich sicherlich nicht der schlechteste moralische Kompass ist, um ein Zusammenleben zu ermöglichen. Ich bin aber kein übertriebener Fan von Nationalstaaten, das Konzept Nation und Deutschland ist für mich nicht schlüssig. Unsere Vergangenheit spricht ja auch Bände. Aber die Frage bezieht sich ja sichtlich auf den Song „Mannschaftsaufstellung“.

Wovon handelt der Song?
Sollte sich eine Mannschaft so aufstellen wie in dem Song beschrieben (also voller Nationalisten, Rechtspopulisten, Schlägern, Demagogen, Revisionisten, Weltverschwörern), die im Grunde für die 3500 Anschläge auf Flüchtlinge und Unterkünfte 2016 in Deutschland erst ermöglicht haben, dann sind wir gegen diese Mannschaft.

Die Diskussionskultur ist rauer geworden, die politische Stimmung ist aufgeheizt. Wie wirkt sich das auf Ihr Schreiben aus?
Es wirkt sich nicht wirklich aus. Kritiker würden vielleicht sagen, ich müsse noch härtere Bilder finden, um klarer durchzukommen. Wenn ich zum Beispiel am Schluss von „Den Revolver entsichern“ sage „Einfach mal die Fresse halten ist keine Schwäche“, hätte ich das vor zehn Jahren vielleicht noch milder formuliert. Um mich herum scheinen ja nur Leute so zu reden. Insgesamt versuche ich, eine Sprache zu finden, die mir entspricht. Ich bin kein Typ, der rumposaunt, rumkreischt und rumhatet.

Muss man auch denjenigen zuhören, die gegen mehr Zuwanderung sind und versuchen, ihre Wut zu verstehen?
Ich habe nicht viel Verständnis für Leute, die nach Obergrenzen verlangen. Wie soll das funktionieren? Wenn man aus Deutschland kommt und ein Gefühl dafür kriegt, wie es an anderen Stellen der Welt aussieht, kann man nicht à la Trump noch eine Mauer bauen. Das ist nicht der Weg!

Wie könnte eine europäische Flüchtlingspolitik alternativ aussehen?
Das weiß ich auch nicht, ich bin kein Politiker. Eine Mauer kann jedenfalls keine Lösung sein, weil die Menschen da immer durch wollen. Der Song „Sommer ‚89“ bietet keine Antworten, es geht darin nicht eine Sekunde um das Hier und Jetzt. Es ist einfach nur eine Geschichte, wie sie damals passiert sein könnte. Was ich aber will, ist, dass man sich bestimmte Fragen stellt: Wieso war das damals so? Was passiert gerade? Und was macht dieser Zaun? Das ist für mich viel wichtiger als als irgendwelche billigen Antworten.

Wenn Sie neue Musik schreiben, versuchen Sie dann, das Alte so weit wie möglich von sich wegzuschieben?
Wir sind uns alle in der Band einig, dass das letzte Album nicht unsere kreative Glanzleistung war. Wir hatten keinen musikalischen Boden, auf dem wir uns einig bewegt haben. Es war eine schwieriges Album, das wollten wir nie wieder. Wir sind fünf verschiedene Leute, die auf Kurs gekriegt werden müssen in ihrer Kreativität.

Haben Sie Eigenschaften, die Sie selbst nur schwer akzeptieren können?
Ich bin manchmal zu schnell niedergeschlagen und fatalistisch. Nachdem ich „Sommer ‚89“ geschrieben hatte, dachte ich, meinen Zenit überschritten zu haben und es käme nur noch Schrott. Danach habe ich tatsächlich wochenlang nichts mehr von Belang geschafft. Bei „Der Tag wird kommen“ war es genauso. Es fühlte sich an, als hätte der Song alles auch mir herausgesaugt. Aber du musst einfach Ruhe bewahren, immer weiterackern und irgendwann schreibst du den nächsten Song.

Früher dachte man naiv: Wer mit Rockmusik aufwächst, wird ein besserer Mensch. Ein Trugschluss?
Vielleicht konnte Rock- und Popmusik das nur zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die Gegenkultur der Endsechzigerjahre wurde sehr stark von Musik befeuert. Danach gab es immer wieder solche Ansätze, aber unterm Strich hat man sich zu viel davon versprochen. Und heute ist davon nicht mehr viel übrig. Es kommen immer noch gute Bands und tolle Songs raus, aber ich bin davon nicht mehr so leidenschaftlich gepackt wie früher. Das hat aber auch etwas mit der eigenen musikalischen Sozialisation zu tun.

Kettcar auf Tour

Die deutsche Rockband kommt am 24. Januar um 20 Uhr ins E-Werk nach Erlangen. Karten gibt es im Ticketshop unserer Zeitung.


 

Autor

Das Gespräch führte Olaf Neumann
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
18. 12. 2017
06:00 Uhr

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Das Gespräch führte Olaf Neumann

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18. 12. 2017
06:00 Uhr



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