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Interview

Mary Roos: "Ich genieße alles, was passiert"

Auf ihrem neuen Album „Abenteuer Unvernunft“ singt Mary Roos moderne Popschlagersongs. Jetzt geht sie damit auf Tour.



Mary Roos
  Foto: Manfred Esser

Frau Roos, wann waren Sie denn das letzte Mal unvernünftig?
Och, ich bin eigentlich immer unvernünftig (lacht). Und ich bin sehr gerne unvernünftig. Weil ich nur noch die Sachen mache, die ich gern mache. Ich denke sowieso, wenn man älter wird, muss man gar nicht mehr vernünftig sein. Wissen Sie, was das Schöne am Älterwerden ist? Dass man nicht mehr alles so ernst nimmt. Vor allem nicht sich selbst.

Waren Sie früher vernünftiger?
Ja, ganz klar. Ich habe sehr viel mehr vom Kopf abhängig gemacht als vom Bauch. Das ist aber nicht gut. Heute lebe ich spontaner und habe mir vorgenommen, das Leben zu genießen. Es passiert doch so viel Schönes. Und warum sollte man nichts riskieren? Nur, weil man nicht weiß, wie es ausgeht. Nein, das ist egal. Ich wage gern etwas. Oft kommt im Leben ja eh alles anders als geplant.

War ihre Teilnahem an „Sing meinen Song“ ein solches Wagnis?
Das war einfach ganz toll. Diese Sendung ist ein Geschenk. So etwas machen zu dürfen, fühlte sich für mich wie ein Ritterschlag an. Ich habe den Redakteur gefragt, was sie sich dabei gedacht hätten, als sie meinen Namen ins Spiel brachten. Er meinte, als mein Name fiel, hätten sofort alle in der Runde „Ja“ gerufen. Das ist ein großes Kompliment. Also habe ich zugesagt und bin nach Südafrika gefahren. Die Stimmung dort war genau so, wie ich es mir gewünscht habe: Respektvoll, mit offenen Armen, sehr warum und sehr herzlich.

Plötzlich werden Sie von einer ganz neuen Generation entdeckt, oder?
Total. Durch die Sendung erreiche ich sehr viele junge Menschen. Ich finde, das ist ein großes Glück.

Mit „Bauch und Kopf“ haben Sie ein Lied des „Sing meinen Song“-Gastgebers Mark Forster aufgenommen. Warum?
Ich wollte etwas aus der Sendung mitnehmen, und gerade dieses Stück liegt mir sehr am Herzen. Inzwischen ist es so ein bisschen mein Lebensmotto geworden, auf den Bauch zu hören. Der Bauch ist der Mutigere. Der Kopf sagt zu oft „Lass das lieber sein“.

Sind Sie mutig?
Ich denke schon. Ich habe zum Beispiel vor Jahren in einem Musical in Frankreich die Hauptrolle gespielt, ohne ein einziges Wort Französisch zu können. Oder ich bin mal Fallschirm gesprungen. Das war richtig klasse, es lohnt sich auf jeden Fall.

Erfordert es auch Mut, das Wort „Arsch“ zu singen?
Nö, das ist ja schon Umgangssprache. Außerdem ist das Mark Forsters Text. Warum sollte ich plötzlich „Po“ singen? Das passt nicht und reimt sich auch nicht.

Sie haben gerade einen echten Lauf. Man hat den Eindruck, das Älterwerden stört Sie rein gar nicht. Ist das so?
Mit dem Alter ist es leichter für mich geworden, seit ich mir sage „Ich möchte gerne alt werden“. Und wer alt werden will, der muss eben auch älter werden, ist einfach so. Zudem werde ich im Alter reich beschenkt.

„Hältst Du das Älterwerden aus – oder nimmst Du irgendwann Reißaus“ singen Sie in „Zu schön, um wahr zu sein“. Wollten Sie jemals Reißaus nehmen?
Auf jeden Fall. Aber nicht vor dem Älterwerden.

Sondern?
Oft, vielleicht zu oft, habe ich gedacht, ich kann Dinge oder Situationen aushalten. Aber wenn es zu unangenehm wird, dann sollte man etwas tun. Ich würde heute zum Beispiel nicht mehr bei jemandem bleiben, wenn ich nicht denken würde „Das passt“ oder „Die schwierige Phase geht vorüber, und dann wird es wieder gut“. Wenn es nicht mehr geht, dann muss man einen Schlussstrich ziehen. Das Leben ist nämlich nicht so lang, wie man denkt.

Sie singen in „Am Anfang der besten Geschichten: „Man knutscht mit Idioten, um dann auszuloten, wer feucht genug küsst, um zu bleiben“. Ist die Kussqualität ihr Kriterium für potentielle Partner?
Nein, das ist Ironie. Früher hat man auf solche Dinge Wert gelegt, die heute nicht mehr so wichtig sind. Diese Zeilen sind eher das Fazit einer früheren Liebelei. Als junger Mensch legt man an das Verliebtsein einfach andere Maßstäbe an.

Welches sind heute Ihre Maßstäbe?
Wenn du jung bist, willst du alles haben. Je älter ich werde, desto weniger wird mir zum Beispiel Besitz wichtig. Ich bin früher mit drei Koffern gereist, heute mit einem. Ich reduziere mich auf das Wesentliche.

Halten Sie sich fit?
Ja. Ich verzichte auf Alkohol und Zigaretten, gehe nur wenig auf Partys.

Werden Sie zum 70. Geburtstag im nächsten Januar denn selbst eine veranstalten?
Ach, mit der großen Sause warte ich lieber, bis ich 80 werde.

Ist Ihre Grundeinstellung zum Leben positiv?
Zu hundert Prozent. Ich denke oft „Ach, es hätte ja noch schlimmer kommen können“. Wenn die Welt da draußen brennt, möchte ich kein Theater wegen irgendwelcher Lappalien machen.

Im Lied „Ich wär bei mir geblieben“ singen Sie: „Mit mir kann man Pferde stehlen.“ Waren Sie je eine Diva?
Nein, nie. Ich bin nicht kompliziert oder zickig.

„Wenn ich Du wär, dann wär ich bei mir geblieben“, sagen Sie. Sie waren zweimal verheiratet, unter anderem mit Werner „Gottlieb Wendehals“ Böhm, dem Vater ihres Sohnes Julian. Ist das ein Lied an ihre Exmänner?
Ach, der eine oder andere war sicher dabei, auf den der Text sehr gut gepasst hätte (lacht). Wenn eine Liebe zu Ende geht, muss man das hinnehmen, wie es ist. Man kann es sowieso nicht ändern. Und das Muster ist immer gleich: Erst kommt die Trauer, dann die Wut, und am Ende sagt man sich „Der Kerl ist selber schuld“. Wenn er so blöd ist, dann ist es eben so.

Warum sind auf „Abenteuer Unvernunft“ keine Liebeslieder?
Weil große Liebeslieder nicht authentisch wären. Die Musik sollte zum Alter passen, und ich möchte nicht, dass die Menschen sagen „Das nehme ich ihr nicht ab“. Sondern, dass sie sagen: „Ich glaube ihr“.

Was ist Ihnen heute wichtiger als gut zu knutschen?
Wenn die Augen des Gegenübers leuchten. Das Lachen. Das ganze Gesicht muss lachen, nicht nur der Mund. Wenn ich einen Menschen kennenlerne, fallen mir diese kleinen Details, die ich früher gar nicht bemerkt hätte, sofort auf. Am allerwichtigsten ist für mich aber, wenn man sowohl miteinander als auch über sich selbst lachen kann.

Sie selbst sind ja auch sehr lustig, auch auf der Bühne. Seit vier Jahren touren Sie mit dem Kollegen Wolfgang Trepper und der Schlagerrevue-Comedy „Nutten, Koks und frische Erdbeeren“ durchs Land.
Dieses Stück macht so viel Spaß! Die Leute kommen, um mal wieder richtig lachen zu können.

Ihr Partner bezeichnet Sie im Stück als „Helene Fischer der Bronzezeit“. Ein Kompliment?
Das ist natürlich schwarzer Humor, aber ja, das kann man so stehenlassen. Helene und ich, wir kennen uns. Es ist toll, was sie macht. Sie ist eine Ausnahmesängerin und kann wirklich unheimlich viel.

Haben Sie selbst gerade die beste Zeit ihres Lebens?
Ich habe zumindest eine sehr gute Zeit. Und eine sehr entspannte Zeit. Ich muss nichts mehr beweisen, ich kann alles, was passiert, genießen. Am meisten liebe ich wirklich den Kontakt zu den Menschen.

Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen sind alles andere als kontaktfreudig. Sie schon?
Aber hallo! Meine rheinische Mutter bricht in mir, etwa seit ich 40 bin, immer stärker durch. Neulich kam mir auf der Straße eine Frau entgegen, die besonders hübsch war. Ich sagte „Sie sehen ganz toll aus“, da hat sie sich sehr gefreut. Ich bin oft erstaunt, wie viel man mit ganz einfachen Mitteln bewirken kann. Ich quatsche sowieso gerne Leute auf der Straße an, da kenne ich nichts.

Sie kommen also schnell mit Menschen ins Gespräch?
Ja. Ich liebe das. Ich habe ja keinen Führerschein, und wenn ich vorne in den Bus steige, dann sage ich erstmal „Guten Tag“. Dann gucken immer alle ganz verwirrt und lachen. Und dann wird es eine schöne Fahrt. Ich gehe gern auf Menschen zu. Einfach freundlich sein – das ist mir sehr wichtig.

Ihr Sohn Julian ist Anfang 30 und arbeitet in ihrer Managementagentur. Was haben Sie für ein Verhältnis?
Ein wunderbares. Eine typische Mutter-Sohn-Beziehung. Wir verstehen uns oft auch ohne viele Worte. Dieses Vertrauen ist unbezahlbar. Darüber bin ich sehr dankbar! Julian sagt immer „Meine Mutter traut sich an alles und jeden“. Und er hat recht.

Eins der Lieder heißt „Steinalte Kinder“. Sind Sie ein steinaltes Kind?
Nein, nicht mehr. Früher vielleicht. Jetzt bin ich nur noch: Ein Kind.

Woran machen Sie das fest?
An meiner positiven Naivität. Der offenen und neugierigen Einstellung zum Leben in allen seinen Facetten. Und ich bin zum Beispiel auch nicht nachtragend. Wenn man sich streitet, sollten nicht gleich ganz Freundschaften, Beziehungen oder Familien zerbrechen. Jeder sollte von seinem Ego runterkommen und nicht alles so ernst nehmen.

Sie gelten als die deutsche Schwulenikone schlechthin. Macht Sie das stolz?
Ja, das ist eine Auszeichnung. Ich kann es manchmal gar nicht glauben; bin immer wieder überwältigt bei meinen Auftritten, etwa beim CSD, wie viel Sympathie mir entgegenschlägt. Ich genieße das total. Sicher spielt auch eine Rolle , dass ich gleichgeschlechtliche Liebe als erste im Schlager, in „Bevor du einen Mann liebst“, thematisiert habe. Ich setze mich schon seit vielen Jahren für die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben ein. Liebe ist ein universelles Thema und sollte nicht abhängig von irgendwelchen Gender-Diskussionen sein.

Beim Eurovision Song Contest jetzt am Wochenende sind Sie die Präsidentin der deutschen Jury. Sie selbst haben mit „Nur die Liebe lässt uns leben“ und „Aufrecht geh’n“ zweimal erfolgreich an dem Wettbewerb teilgenommen. Sind Sie die deutsche „Mrs. ESC“?
Ich weiß jedenfalls, was es bedeutet, vor hunderten von Millionen Zuschauern zu singen. Ich übernehme diese Aufgabe sehr gerne, das ist eine Ehre. Ich freue mich drauf.

Was genau müssen Sie machen und worauf werden Sie achten?
Wir müssen in 3 Minuten ein Lied beurteilen, und das ist nicht einfach. Man muss die Freude spüren, die der Sänger rüberbringt und nicht seine Angst. Selbst ich habe manchmal noch großes Lampenfieber; das ist der Respekt vor dem Job.

Die deutsche Jury darf nicht für den eigenen Teilnehmer stimmen. Trotzdem ein Wort zu Michael Schulte und seinen Song „You Let Me Walk Alone“?
Er ist ein guter Sänger und hat ein Lied, einen autobiographischen Titel, der zu ihm passt. Es ist alles so stimmig bei ihm. Also ich drücke ihm fest die Daumen.

Haben Sie selbst eigentlich noch einen Lebenstraum, den Sie sich erfüllen möchten?
Auf meiner To-Do-Liste habe ich fast alles abgehakt. Bis auf den Segelschein. Den würde ich wahnsinnig gerne machen. Segeln ist etwas wirklich Wunderbares.

Den Autoführerschein wollen Sie demnach nicht mehr machen?
Nein. Auf der Straße kann ich auch den Bus oder die Bahn nehmen. Auf dem Meer nicht.

Mary Roos auf Tour

Der Schlagerstar geht auf „Abenteuer Unvernunft“-Tour und tritt am 23. November um 20 Uhr im Haus Auensee in Leizig auf sowie am 4. März um 20 Uhr in der Stadthalle in Chemnitz und am 4. Mai um 20 Uhr in der Meistersingerhalle in Nürnberg.  Karten gibt es bei uns.

Autor

Das Gespräch führte Steffen Rüth
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
19. 11. 2018
06:00 Uhr

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Das Gespräch führte Steffen Rüth

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Veröffentlicht am:
19. 11. 2018
06:00 Uhr



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