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Interview

Michael Patrick Kelly: "Ich hatte die Schnauze voll"

Michael Patrick Kelly, einst Teenie-Schwarm als Mitglied der Kelly Family, macht seit einigen Jahren wieder solo Musik. Im Sommer geht er auf Tour.



Michael Patrick Kelly
  Foto: Andreas H. Bitesnich

Michael Patrick, „iD“ steht für „Identität“. Welcher Gedanke steckt hinter dem Albumtitel?
Die Auseinandersetzung mit meiner Identität ist immer sehr wichtig in meinem Leben gewesen. Wer bin ich? Das ist die Frage meines Lebens.

Woran liegt das?
Einmal daran, dass ich keine Wurzeln habe. Ich war immer auf Reisen mit meiner Familie. Wir sind sehr alternativ aufgewachsen, machten Straßenmusik, waren nie lange an einem Ort, lebten auf einem Hausboot und in einem Schloss. Wir waren im Grunde Aussteiger und Weltenbummler, ich habe viel gesehen, aber ich kann nicht sagen „Das ist meine Heimat“. Als Künstler befasst man sich zudem sowieso viel mit seiner Identität, ein David Bowie oder ein Prince haben sich immer wieder neu erfunden. Und der dritte Aspekt ist die Ebene der Spiritualität. Wenn man sich auf den Weg als Mönch begibt, dann stellt man sich die tiefen Fragen. „Wo komme ich her?“ „Was passiert nach dem Tod?“ „Wer will ich sein?“

Kannst Du die Frage nach deiner Identität inzwischen beantworten?
Ich denke schon. Ich habe mein „Ich“, meine Seele, im Glauben gefunden.

Hat dich die Zeit im Kloster glücklich gemacht?
Ja, sehr. Das war so viel mehr als nur eine Auszeit. Da kannst du auch nach Indien gehen oder zum Golfspielen. Die Jahre im Kloster haben mein Wesen sehr positiv verändert.

Du hast sechs Jahre lang als Mönch in einem Kloster in Frankreich gelebt, von 2004 bis Ende 2010. Wusstest Du am Anfang, wie lange Du bleiben willst? Ob Du vielleicht nur einen Burnout auskurieren oder für immer Mönch sein möchtest?
Das wusste ich nicht. Ich wusste nur: Ich muss diesen Schritt machen. Dafür gab es viele Gründe. Ich hatte die Schnauze voll vom Showbusiness, vom Hamsterrad, von diesem ganzen Lifestyle. Auch die Zusammenarbeit mit Geschwistern ist nicht immer einfach. Für mich war es wichtig, mich angesichts unserer großen Historie aus der kollektiven Identität zu lösen. Aber der Hauptmagnet war meine Sehnsucht nach Wahrheit, Liebe und dem christlichen Verständnis von Gott. Sonst wäre ich nicht Mönch geworden.

Wann fing diese Faszination an?
Mit Anfang 20. Ich merkte, dass Glückssymbole wie Geld, Erfolg oder volle Stadien sich für mich nicht als Versprechungen erwiesen. Ich wollte ein tiefes, erfüllendes Glück, nicht nur ein vorübergehendes, oberflächliches Glück. Dazu kam: Die Umstände waren nicht unkompliziert. Mit 18 wurde ich musikalischer Leiter und Produzent der Kelly Family, also einer Band, die Rekorde von Michael Jackson und den Beatles gebrochen hatte. Intern gab es sehr viel Druck, sehr hohe Erwartungen. Und alle schauten immer auf mich.

Du warst nicht nur der musikalisch Hauptverantwortliche, sondern auch der niedliche Posterboy der Familie. War das auch ein bisschen cool?
Naja, es war schon crazy und spannend. Wer wünscht sich das nicht, so eine „Unsere kleine Farm“-mäßige Großfamilie, dazu die langen Haaren, und dann wohnen die alle auf einem Schiff. Ich stand schon ziemlich im Fokus, aber im Gegensatz zum Beispiel zu Justin Bieber, war ich umringt von sehr vielen Geschwistern und unserem Vater. Das Gesamtkonzept „Kelly Family“ hatte vor mir und auch nach mir Erfolg.

Kannst Du rückblickend sagen, warum Du damals eine Krise hattest?
Ich hatte meine Midlife Crisis mit Anfang 20! Im Nachhinein bin ich dafür dankbar, denn ich habe die Kurve bekommen. Es gibt leider viele Künstler, die an Druck, Ruhm, Alkohol- und Drogenproblemen oder ihrer Hypersensibilität scheitern. Ich habe zum Glück die richtigen Schritte eingeläutet, mir Hilfe gesucht, eine anderthalbjährige Therapie gemacht und angefangen, mich intensiv für Religion zu interessieren, statt mit Exzessen zu versuchen, die Leere zu füllen.

Ist es richtig, dass Du auf ein Hochhaus gestiegen bist und runterspringen wolltest?
Ja, leider war es so dramatisch. Ich liebe den Rock’n‚Roll, aber es gibt eine dunkle Seite. In meinem Fall waren es nicht Drogen und Alkohol, sondern Berühmtsein, Druck und Verwirrung, die mich zur Verzweiflung brachten. Was jetzt etwa mit Chris Cornell passiert ist (der Soundgarden-Sänger hat sich nach einem Konzert in seinem Hotelzimmer unter Medikamenteneinfluss erhängt), kann ich ein Stück weit nachfühlen. In meinem Fall ist es Gott sei Dank zum Happy End gekommen.

Darf man eigentlich noch „Paddy“ sagen?
Ja, klar. Mit Paddy habe ich überhaupt kein Problem, das ist immer schon mein Spitzname gewesen. Ich will allerdings diese neue Phase meiner Karriere mit meinem Namen markieren, deshalb nenne ich mich seit einigen Jahren Michael Patrick, auch wenn das vielleicht etwas sperriger klingt als irgendein Künstlername.

Wo lebst Du jetzt?
In Niederbayern, auf dem Land. Seit vier, fünf Jahren schon. Ich mag das dörfliche Leben und die Natur sehr gern. Ich bin oft in Städten und viel unterwegs, die Ruhe daheim tut mir gut.

Du bist seit viereinhalb Jahren mit der belgischen Journalistin Joelle Verreet verheiratet. Stimmt es, dass Du schon als Jugendlicher in deine Frau verknallt warst?
Das stimmt. Wir kannten uns schon als Teenager. Wegen Ihr schrieb ich damals mit 13 den Liebeskummersong „Looking for Love“.

Woher kanntet ihr euch? Man hatte den Eindruck, dass ihr als Kelly Family immer sehr für euch gelebt habt.
Das ist richtig, wir waren abgeschottet, aber wir hatten auch einen kleinen Freundeskreis, zu dem auch meine Frau gehörte. Als wir uns nach Jahren wiedertrafen, hat es beiderseitig gefunkt.

War deine Frau der Grund, dass Du deine Klosterzeit beendet hast?
Nein, sie war nicht der Grund. Ich war in den letzten zwei Jahren im Kloster häufig krank, musste teilweise meine Studien abbrechen, und die älteren Mönche sagten mir irgendwann „Wir glauben nicht, dass dieses Leben wirklich deine Berufung ist.“ Deshalb gibt es ja auch diese sechs Jahre, bevor man das „ewige Gelübde“ ablegt. Die Mitbrüder meinten also, sie könnten mich nicht zum nächsten Schritt zulassen. Sie sagten „Geh mit Gott“.

Waren die Gesundheitsprobleme also psychisch, weil sich dein Körper gegen das Leben als Mönch wehrte?
Das war sicher auch psychosomatisch, ja. Ich merkte auch, dass mir die Musik fehlte. Schließlich war ich beim Arzt, der mir ein Rezept über „zwei Stunden Musik am Tag“ schrieb. Das hat meiner Moral geholfen. Seit ich wieder zurück bin, sprudelt meine Kreativität.

Man stellt sich auch das Zölibat nicht leicht vor. Fehlt im Kloster das weibliche Element?
Ich hatte vorher eine Überdosis weiblicher Aufmerksamkeit, ich war einfach auf einer anderen Suche. Als Mönch bist du spirituell einfach anders gepolt. Trotzdem muss man im Kloster auch eine gewisse Hygiene halten. Einmal in der Woche Fußballspielen hat gut getan! (lacht)

Rein musikalisch ist deine Identität nicht so leicht festzustellen. Pop, Rock, Folk und Balladen wechseln sich ab auf „iD“.
Ja, aber in gewisser Weise ist genau diese Vielseitigkeit meine Identität. Auch mag ich Indie und Alternative, was auf dem neuen Album ja ebenfalls ein wenig zu hören ist. Meine erste Platte war von Pearl Jam, Eddie Vedder ist immer ein großes Idol von mir gewesen. Auch das „Black Album“ von Metallica war wichtig für mich. Ich höre schon gerne Gitarren, ich sage mal: Make Rock Great Again.

Apropos: Du hast die irische und amerikanische Staatsbürgerschaft. Was sagst Du zu Donald Trump?
Amerika ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten (lacht). Das Album ist nicht explizit politisch, aber es ist in einer Zeit entstanden, in der für den Brexit und für Trump gestimmt wurde, das verändert die „iD“ Europas und der Welt.

Viele wissen gar nicht, dass Du Halbamerikaner bist.
Meine Eltern waren Amerikaner. Mitte der Achtziger hat mein Vater nachgewiesen, dass er irischer Abstammung ist, und wir bekamen auch irische Pässe. Das hat uns das Reisen in Europa leichter gemacht.

Willst Du in Deutschland bleiben?
Erstmal ja. Ich bin sowieso sehr viel im Ausland unterwegs, das neue Album habe ich in London aufgenommen und meine Tourneen gehen bis nach Grönland. Dort gibt es keine Straßen, man fliegt oder fährt Boot, das macht unheimlich Spaß. Ich war schon zwei Mal dort und bin danach noch geblieben, um mir die Eisberge anzugucken.

Deine Geschwister sind nach Jahren wieder als Kelly Family unterwegs. Warum bist Du nicht dabei?
Ich liebe meine Geschwister, ich wünsche ihnen nur Gutes und wenn das Timing besser gewesen wäre, hätte ich es vielleicht einrichten können. Aber mein Album, die Tour, „Sing meinen Song“ und Kelly Family – das wäre eine Baustelle zu viel gewesen. Irgendwie finde ich auch, wenn schon Comeback, dann auch bitte mit Allen.

Du bist in der jüngsten Staffel von „Sing meinen Song“ dabei und kommst super an. Bist Du froh, dass Du bei der Show zugesagt hast?
Total. Das war eine ganz tolle Erfahrung. Wenn die anderen meine Lieder singen, dann ist das so krass, als würde man mir mein Tagebuch vorlesen. Das geht schon sehr nahe. Meinen Horizont hat es außerdem stark erweitert, mich mit sechs anderen Künstlern und Genres zu befassen.

Welche Zukunftspläne hast Du?
Ich arbeite hart und bin auch ehrgeizig, das habe ich wohl von meinem Vater geerbt. Was in den kommenden zwei, drei Jahren beruflich passiert weiß ich so in etwa. Doch ich habe nicht das Gefühl, dass ich der Regisseur meines Lebens bin. Die wirklich schönen Dinge im Leben, für die kann man zwar gewisse Bedingungen schaffen, aber letztlich hat man sie selbst gar nicht in der Hand.
 

Michael Patrick Kelly auf Tour

Der Sänger kommt auf seiner „iD Tour 2018“ am 27. Juli um 20 Uhr auf die Heidecksburg nach Rudolstadt und am 1. September um 20 Uhr zu den Filmnächten nach Chemnitz. Karten gibt es bei uns.

Autor

Das Gespräch führte Steffen Rüth
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
14. 05. 2018
06:00 Uhr

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Das Gespräch führte Steffen Rüth

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14. 05. 2018
06:00 Uhr



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