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"Mit Rassisten diskutiere ich nicht"

Mit ihrem neuen Album "(sic!)" erobern die Broilers die Spitze der deutschen Charts und sind politischer denn je. Frontmann Sammy Amara zieht auch im Interview vom Leder.



"Schnauze halten ist nicht mein Ding", sagt Broilers-Frontmann Sammy Amara (zweiter von rechts). Er und seine Bandkollegen Andreas Brügge, Ines Maybaum, Christian Kubczak und Ronald Hübner (von links nach rechts) nehmen auf ihrem neuen Album (sic!) kein Blatt vor dem Mund. Foto: Another Dimension
"Schnauze halten ist nicht mein Ding", sagt Broilers-Frontmann Sammy Amara (zweiter von rechts). Er und seine Bandkollegen Andreas Brügge, Ines Maybaum, Christian Kubczak und Ronald Hübner (von links nach rechts) nehmen auf ihrem neuen Album (sic!) kein Blatt vor dem Mund. Foto: Another Dimension  

Herr Amara, erst mal herzlichen Glückwunsch! Das neue Album von den Broilers ist direkt auf Platz eins der deutschen Albumcharts eingestiegen. Besser kann es nicht laufen, oder?

Dankeschön! Ja, das ist großartig und wir sind noch ganz baff. Es ist ein überwältigendes Gefühl, unser Baby ganz oben zu sehen.

Und das ist Ihnen nicht zum ersten Mal passiert. Bereits Ihr Vorgänger-Album "Noir" war auf Platz eins. Darf man die Broilers jetzt also als eine Charts-Band bezeichnen?

Zum Glück ist heutzutage in den Charts nicht nur weichgespülter Pop zu finden. Vor uns waren die Thrash-Metaller von Kreator auf Platz eins. Also auch nicht gerade eine radiotaugliche Band, würde ich sagen. Wir haben als eine Punk- und Oi!-Band angefangen und sehen unsere Wurzeln immer noch dort. Punk ist für mich sowieso eine Einstellung: Do it yourself. Das ist die Punk-Fahne, die wir am höchsten halten. Früher dachte man, Punkbands hätten nichts in den Charts zu suchen, und doch ist es passiert. Dabei war es nie unser primäres Ziel, an der Spitze der Charts zu landen. Ich glaube, wenn man anfängt, Musik speziell für den kommerziellen Erfolg zu schreiben, wird man zwangsläufig scheitern. Wir sind uns treu geblieben und sind trotzdem erfolgreich. Feine Sache also.

 

Die Broilers haben schon immer eine klare Kante gezeigt. Mit dem neuen Album gehen Sie aber noch einen Schritt weiter und positionieren sich deutlich politisch. Was bereitet Ihnen dieser Tage die meisten Sorgen?

Wie Menschen miteinander umgehen und wie leicht irrationale Ängste geschürt werden. Ich habe Angst, dass wir demnächst in etwas reinrutschen, was schon unsere Großeltern erlebt haben. Dieser Rechtsruck, der gerade durch ganz Europa geht, ist beängstigend. Überall schießen diverse Rechtspopulisten aus dem Boden und gießen Öl ins Feuer. Wir sind in einer Zeit angekommen, wo wir jungen Leuten erklären müssen, dass Nazis gefährlich sind. Dass es scheiße ist, gegen Flüchtlinge zu hetzen. Wie krank ist das denn? Das muss doch für jeden selbstverständlich sein. Aber Rechtspopulismus ist nicht nur gesellschaftsfähig geworden, er ist auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

 

Schon auf dem Vorgängeralbum "Noir" haben Sie eine negative Entwicklung wahrgenommen. Hätten Sie damals gedacht, dass sich die Situation noch mal zuspitzt?

Der Punkt, wo wir jetzt sind, wie viel Fremdenhass im Land ist, das war vor ein paar Jahren noch undenkbar. Gefühlt war 2010 ein Einschnitt mit Thilo Sarrazins sehr reißerischem Buch "Deutschland schafft sich ab". Von da an wurde es jedes Jahr immer schlimmer und kälter. Ich hoffe, wir haben jetzt den Punkt erreicht, wo die Menschen aufwachen und merken, dass man mit Fremdenhass nichts erreichen kann, dass Populisten nichts drauf haben, außer nur Scheiße zu labern.

 

Die Broilers gehören zu den wenigen Bands in Deutschland, die ihre politische Haltung zeigen und sich damit gegen jegliche Art von Rassismus positionieren. Finden Sie, es sollten mehr Künstler klare Kante zeigen?

Absolut! Ich würde mir wünschen, dass mehr bekannte Bands und Sänger ihr Maul aufkriegen und dass auch eine Helene Fischer mal Stellung bezieht. Aber wenn man sich politisch äußert, riskiert man natürlich, Hörer zu verlieren. Und diesen Preis scheint weder Helene noch ihr Management bezahlen zu wollen. Aber wenn man in der Öffentlichkeit steht, muss man seine Stimme nutzen. Man kann manche Menschen, die vielleicht auf dem Scheideweg sind und nicht wissen, was sie jetzt sagen oder denken sollen, abholen, indem man sagt: "Hey, das ist alles rechtes Gedankengut. Lass dich nicht verführen von diesem Populismus!"

 

Die meisten Rassisten und Rechtspopulisten könnten Sie wahrscheinlich aber nicht mehr umstimmen.

Mit Rassisten diskutiere ich gar nicht. Wer ein Menschenfeind ist, mit dem muss ich ganz sicher nicht sprechen. Da gibt es für mich keine Berührungspunkte und da möchte ich auch keine.

 

Sie sind in Deutschland geboren und aufgewachsen, haben aber irakische Wurzeln. Haben Sie auch Erfahrungen mit Rassismus gemacht?

Ja, vor allem mit Alltagsrassismus. Die Frauen ziehen schon mal auffällig ihre Taschen weg, wenn sie mich sehen. Eine Verkäuferin hat mich sogar für einen Ladendieb gehalten. Und das offensichtlich nur deshalb, weil ich so ausschaue, wie ich nun mal ausschaue. Ich selbst nehme mich ja gar nicht so als Exoten wahr. Das tun ja nur andere. Oder wenn ich für mein gutes Deutsch gelobt werde. Das ist vielleicht als Kompliment gemeint, aber das kann auch wehtun.

 

Helene Fischer wird bestimmt nie für ihr gutes Deutsch gelobt, obwohl sie aus Russland kommt.
Ja, Helene Fischer schaut ja auch wie eine Bio-Deutsche aus. (lacht)

 

Im Herbst steht in Deutschland die Bundestagswahl an. Sind Sie optimistisch oder pessimistisch eingestellt, was die Wahlergebnisse angeht?

Auf jeden Fall optimistisch. Ich habe für mich beschlossen, dass 2017 ein gutes Jahr wird. Dass wir trotz allem noch rechtzeitig die Notbremse ziehen. Dass Menschen wieder empathisch werden und auf einander aufpassen, statt gegeneinander zu hetzen.

 

Politisch gesehen hat das Jahr aber nicht gerade sonnig begonnen. Ein Populist ist ins Weiße Haus eingezogen und bekleidet für die nächsten vier Jahre das mächtigste Amt der Welt.

Ja, ich kann es immer noch nicht fassen, dass so ein Clown wie Donald Trump da sitzt und scheinbar nach Laune entscheidet, wer in sein Land einreisen darf und wer nicht. Das ist doch absurd.

 

Wären Sie selbst von Trumps Einreisebann betroffen?

Ich wäre nicht selbst betroffen, weil ich nur den deutschen Pass habe. Dennoch fühle ich mich betroffen, weil es gegen alles spricht, was der aufgeklärte Mensch gelernt hat.

 

Sie gehen demnächst auf eine große Tour und spielen im Sommer auch auf Festivals. Worauf freuen Sie sich dabei am meisten?

Auf alles! Auf jeden einzelnen Abend. Auf die Leute, auf die Energie, die dabei entsteht. Es wird grandios, das verspreche ich.

 

Das Gespräch führte Alina Juravel

Broilers live

In den kommenden Monaten werden Broilers gleich zwei Mal in Nürnberg auftreten: Am 6. April kommen sie im Rahmen ihrer Tour in die Arena. Gut zwei Monate später treten sie bei "Rock im Park" auf dem Zeppelinfeld auf. Das Festival findet vom 2. bis 4. Juni statt. Karten für beide Veranstaltungen gibt es im Ticketshop unserer Zeitung.

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Alina Juravel

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Veröffentlicht am:
18. 04. 2017
10:27 Uhr

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18. 04. 2017
10:27 Uhr



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