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Interview

New Model Army: "Wir leben in düsteren Zeiten"

Die New Model Army blickt auf eine fast 40-jährige Karriere zurück – weltweite Fangemeinde und große Hits inklusive. Wir sprachen mit dem Sänger Justin Sullivan.



New Model Army
  Foto: PR

Sie haben sich in die Einsamkeit der norwegischen Insel Giske zurückgezogen und „From Here“ in den „Ocean Sound Recording Studios“ innerhalb von nur neun Tagen aufgenommen. Macht es wirklich einen Unterschied, wo man eine Platte einspielt?
In Giske haben wir das großartigste Studio der Welt entdeckt! Ich möchte das gar nicht an die große Glocke hängen, sonst pilgern dort bald alle Bands hin. Aber vielleicht sollten wir es lieber als einmalige Erfahrung verbuchen. Wenn dir etwas als ganz besonders erscheint, solltest du es lieber nicht versuchen zu wiederholen.

Was hat Sie an Giske so fasziniert?
Dafür gibt es viele Gründe. Die „Ocean Sound Recording Studios“ wurden von einem wohlhabenden Musiker gebaut. Er wollte etwas Perfektes erschaffen. Der Sound im Hauptraum ist brillant und das Studio selbst ist voller toller Spielzeuge für Musiker. Und die Lage des Ganzen könnte nicht besser sein. Manche Bands träumen davon, ihre Platten in New York oder in der Karibik aufzunehmen, aber wir Fünf und unser Produzententeam lieben kalte, einsame und weite Gegenden mit Schnee, Wasser und sauberer, kalter Luft. Dieses Trostlose hört man unser Musik an. Wenn man in Giske aus dem Haus geht, ist man sofort am Meer und blickt auf schneebedeckte Berge. Der perfekte Ort für uns.

Wie haben Sie diesen besonderen Ort entdeckt?
Unsere Freunde Lee und Jamie haben uns auf die Idee gebracht. Die beiden betreiben ein Studio in Leeds, wo wir bislang zwei Alben aufgenommen haben. Sie sind ziemlich günstig. Sie haben sogar noch ein Tonband. Ich glaube, wir werden nie wieder digital aufnehmen. Als sie uns von Giske erzählten, ließ uns dieser Gedanke nicht mehr los. Es war Januar, als wir die Entscheidung trafen, dort hinzugehen, aber ich hatte zu dem Zeitpunkt erst anderthalb Songs fertig. Bis Mai mussten wir das Album fertig geschrieben haben. Ich sah mir Bilder von Giske und dem Studio an und dann sprudelten die Ideen aus mir heraus. Aber Lee und Jamie bestanden darauf, die Stücke nicht auszukomponieren, damit sie noch Platz haben für die Magie des Ortes. Plattenmachen sollte immer ein Abenteuer sein.

Wie sind Sie nach Norwegen gereist?
Die meisten von uns sind geflogen, aber Lee und ich sind von Nordengland mit dem Auto hoch gefahren. Es dauerte drei Tage. Allein das war schon ein Abenteuer: die Fähre, die verschneiten Berge Norwegens, Schneestürme. Diese Reise befeuerte definitiv den Kreativprozess. Seit 25 Jahren hatte ich nicht mehr so viel Spaß beim Plattenmachen, weshalb die Aufnahmen auch nur neun Tage dauerten. Normalerweise warten wir immer auf den perfekten Moment. Aber diesmal ging es Schlag auf Schlag.

Hat die Arbeit an dem Album etwas in Ihnen zum Vorschein gebracht, von dem Sie selbst nicht wussten, dass es in Ihnen steckt?
Gute Frage. Die Antwort ist nein. Es war einfach nur der perfekte Ort für mich und die sechs anderen. Unser Keyboarder Dean, der eigentlich viel lieber Gitarre spielt, ist zudem ein brillanter Koch, was er in Giske unter Beweis stellen konnte.

Wenn Sie neue Musik schreiben, versuchen Sie dann, das Alte so weit wie möglich von sich wegzuschieben?
Ja. Ich versuche, nicht immer wieder denselben Song zu schreiben. Wir sind in den vergangenen 40 Jahren niemals steckengeblieben. Das hat etwas mit der Fluktuation innerhalb der Band zu tun. Alle fünf bis zehn Jahre stößt jemand Neues zu uns. Eine neue Person verändert die gesamten Beziehungen innerhalb einer Band. Ceri zum Beispiel ist ein ganz anderer Bassist als sein Vorgänger Nelson. Er hat uns in eine ganz neue Richtung geführt. Diesmal haben wir zwar nach denselben Prinzipien wie bei „Winter“ und „Between Dog And Wolf“ gearbeitet, aber wir machen klanglich etwas ganz anderes.

Wie ist Ihnen dieser Kunstgriff gelungen?
Wir standen schon immer auf rituelle Tom-Tom-Rhythmen, dazu gesellen sich Ceris flüssiges, wenig technisches Bassspiel und meine tiefe Stimme. Das Ganze haben wir kombiniert mit akustischen Gitarren und sauber klingenden Telecasters. So gitarrenlastig wie auf „From Here“ klangen wir schon lange nicht mehr. Zwischen die verschiedenen Gitarrenspuren haben wir dann einen fetten Schlagzeugsound gelegt. Ich weiß, das ist eine alte Form, aber sie klingt bei uns irgendwie anders. Sehr majestätisch wie bei Platten von Barry White oder Isaac Hayes. Ich bin eigentlich gar kein Rockmusiker, sondern ein Soul-Guy. Levi Stubbs von den Four Tops ist neben Dr. John mein Lieblingssänger. Alle wirklich guten Bands kommen mit einen Voodoo-Einschlag daher.

Warum klingt die Platte eigentlich so dunkel?
All unsere Alben klingen ein bisschen dunkel. Wir leben schließlich in düsteren Zeiten. Aber diese Platte klingt vor allem nach Weite.

Jede Platte, die eine Band macht, spiegelt eine bestimme Zeit und einen bestimmten Ort wider. Wo befindet sich New Model Army gerade?
Das müssen die Kritiker beurteilen. Alles, was ich dazu sagen kann, ist, dass die aktuelle Besetzung von New Model Army die bisher geschlossenste ist. So leicht ist mir die Arbeit mit dieser Band noch nie gefallen. Wir vertrauen uns gegenseitig blind, es gibt bei uns keine Egos-Trips. Wir sind sehr gut darin, uns keine Sorgen zu machen und erschaffen vieles aus dem Moment heraus. Vor jeder neuen Tour fragen wir uns, was wir diesmal spielen sollen. Und dann vertagen wir die Entscheidung wieder, bis wir am Ende über Nacht eine Setlist zusammenstellen. Es läuft bei uns schon seit einiger Zeit wie geschmiert, aber es wird sicher nicht immer so weitergehen.

Nächstes Jahr wird New Model Army 40. Kommt da das Album nicht ein bisschen zu früh?
Nein. Würde die Platte erst nächstes Jahr rauskommen, würden alle Journalisten mit mir nur über unsere Bandgeschichte sprechen wollen. Ich will mich aber nicht mit der Vergangenheit beschäftigen, sondern mit der Gegenwart.

Hip-Hop und elektronische Musik sind der Sound der Jugend. Existiert Rock’n‚Roll überhaupt noch als Forum für revolutionäre Ideen?
Selbstverständlich! Rockmusik in der konventionellen Form, wie wir sie mit Abstrichen auch machen, ist eigentlich tot. Die meisten Rocker stecken doch irgendwo fest. Es ist heute wesentlich einfacher und billiger, mit einem Computer zu arbeiten. Ich unterscheide nicht zwischen Dance-, Reggae-, Rock- und Soulmusik. Aber es gibt definitiv einen Unterschied zwischen physisch und virtuell hergestellter Musik. Ich kann stundenlang am Computer daddeln und dabei Sounds kreieren, das ist sehr kreativ, aber es ist kein physischer Vorgang wie singen oder Gitarre spielen. Ein von Hand gespieltes Riff klingt jedes Mal anders. Deshalb wird handgemachte Musik auch niemals aussterben, speziell was den Live-Sektor angeht. Aber es wird immer schwerer, Übungsräume zu finden, wo man ungestört Krach machen kann. Wenn Musik nur noch von Klones gespielt wird, wird sie schnell langweilig.

Im Studio stehen Sie alle zusammen in einem Raum und spielen, wie Sie es aus dem Proberaum gewohnt sind. Was hat Sie in Giske zu dem düsteren Song „End of Days“ inspiriert?
Nun, die Welt befindet sich schlicht und einfach am Ende ihrer Tage. Das ist doch abzusehen. Bis zum letzten Knall wird es zwar noch eine Weile dauern, aber die gegenwärtigen politischen Krisen drehen sich ganz sicher nicht um das, was mit unserem Planeten gerade passiert. Seit ich auf der Welt bin, sind 40 Prozent aller Arten ausgestorben. Das ist echter Endzeitstoff! Statt etwas dagegen zu tun, bekämpfen wir Menschen uns gegenseitig. Die Zukunftsaussichten für die Erde sind mehr als düster.

Gibt es auch etwas, das Sie optimistisch stimmt?
Nicht im Geringsten, was die Menscheit betrifft. Der Planet wird uns aber überleben. Ich glaube, dass Gott bzw. der heilige Geist existieren. Uns Menschen braucht es dafür eigentlich nicht. Trotzdem werden Sie und ich auf irgendeine Weise noch da sein, wenn die Menschheit eines Tages nicht mehr physisch existiert. Jede Generation vor uns hat sich darüber ihre Gedanken gemacht, aber die Menschheit entwickelt momentan eine ungemein destruktive Kraft.

Liegt das an Autokraten wie Trump, Putin, Erdogan und Bolsonaro?
Nicht nur. Sie brauchen nur einmal Ihre Waschmaschine zu füllen und schon gehen Nylon-Partikel ins Ökosystem ab. wir vergiften unseren Planeten zusehends. Die Frage ist: Wo kann man den Knoten wieder lösen? Kann man ihn überhaupt lösen? Ich habe keine Lust, über den blöden Trump oder den dummen Brexit zu sprechen. (stöhnt auf) Der englische Autor G.K. Chesterton sagte bereits vor 150 Jahren, als die Macht der Kirche langsam anfing zu bröckeln: „Wenn die Menschen nicht mehr an Gott glauben, glauben sie an gar nichts mehr“.

Hatte er recht?
Genau das erleben wir gerade. Der Brexit ist ein Kult. Er hat nichts mit Vernunft zu tun. Er ist wie eine Religion und definiert sich durch seine Exklusivität. Entweder man gehört dem Club an oder man gehört ihm nicht an. Der Brexit erfordert einen Feind: die EU. Das ist bizarr! Die meisten Leute, die für „leave“ gestimmt haben, sind in den letzten 40 Jahren vom System gelinkt worden. Was die Brexiteers ihnen versprechen, schlägt in dieselbe Kerbe, nur noch extremer.

Wie bereiten Sie sich als Band auf den Brexit vor?
Was können wir tun? Vielleicht nach Deutschland umziehen! Ach, man überquert eine Brücke, indem man sich ihr nähert. In Großbritannien gibt es Brexit-Gegner, die geradezu hysterisch reagieren. Sie prophezeihen, dass bei einem harten Brexit Flugzeuge vom Himmel fallen und wir Briten bald keine Medikamente mehr haben werden. Nein, das Leben wird dann vielleicht ein bisschen härter, komplizierter und teuer. Aber muss das sein?
   

Die New Model Army auf Tour

Die Briten gehen auf „From Here“ – Tour 2019 und sind am 27. Oktober um 20 Uhr im Hirsch in Nürnberg zu Gast. Karten gibt es im Ticketshop unserer Zeitung.

 


 

Autor

Das Gespräch führte Olaf Neumann
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
21. 10. 2019
06:00 Uhr

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Das Gespräch führte Olaf Neumann

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21. 10. 2019
06:00 Uhr



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