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Interview

Nils Frahm: "Von nichts kommt nichts"

Nils Frahm ist mit seinen Klavier- und Elektronik-Improvisationen mittlerweile so erfolgreich wie einst Keith Jarrett. Wir haben mit ihm gesprochen.



Nils Frahm
  Foto: Alexander Schneider

Herr Frahm, angenommen ein Kind sieht Sie im Konzert, ist begeistert, will das auch machen – und dann werden Sie von den Eltern gefragt, was der Junge dafür alles tun muss. Was antworten Sie?
Der Junge muss Klavierunterricht kriegen – er muss aber auch dabei bleiben, muss ein paar Sachen durchstehen, damit es irgendwann Spaß bringt. An der Musik kann man wunderbar nachfühlen, dass es sich lohnt, dabei zu bleiben. Musikmachen ist im Prinzip die schönste Art und Weise, so eine grundprotestantische Lebenshaltung nachzufühlen: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Und: Von nichts kommt nichts.

Oder: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.
Wir haben ja oft haben diese kurzzeitigen Bedürfnisse, wir sehen etwas, was uns gefällt und die Elster in uns sagt: „Das will ich, das glänzt“. Aber dann merken wir, dass es so einfach nicht geht.

Sie sind trotzdem dabei geblieben?
Weil ich verstanden habe, dass es für mich eine Möglichkeit ist, die Welt zu begreifen. Zeit zu verbringen am Instrument ist einfach toll, das macht etwas mit dir. Der eine trinkt abends ein Glas Wein, um sich zu entspannen, der andere liest ein gutes Buch – und Musikmachen ist genau eine dieser Sachen. Aber um das genießen zu können muss man eben sehr viel reinstecken.

Nun haben die Eltern aus meiner ersten Frage aber auch die ganze Elektronik auf Ihrer Bühne gesehen. Wie kommt das Kind dahin?
Ich würde den Eltern erstmal raten, dem Kind ganz lange nichts zu geben, was einen Stecker hat, weil das viel weniger sinnvoll ist. Wenn du am richtigen Klavier sitzt, da vibriert etwas in deinen Fingerspitzen, du spürst den Resonanzraum, da passieren unvorhersehbare Sachen, die Klang-Möglichkeiten sind unbegrenzt. Bei den digitalen Gegenstücken versteht man sehr schnell den Algorithmus dahinter, und dass es sich eigentlich immer wiederholt.

Der erfolgreiche amerikanische Pianist Keith Jarrett sagte einmal, ihm sei wichtig, dass die musikalischen Schwingungen direkt von einer menschlichen Berührung ausgelöst werden, z.B. dem Zupfen einer Saite.
Ich weiß nicht, ob ich ihm da zustimmen würde. Wenn ich eine Platte mache, dann kommt ja alles durch ein Kabel ans Mischpult, d.h. es wird alles elektroakustisch und am Ende höre ich das Klavier durch einen Lautsprecher. In dem Moment sollte es mir doch als Produzent egal sein, ob der Sound vom Klavier oder einem Synthesizer kommt, denn am Ende wird eh alles über den gleichen Lautsprecher wieder umgewandelt. Statt so puristisch zu argumentieren würde ich an Jarretts Stelle eher sagen: In dem Moment, wo du Zeit mit einem Synthesizer verplemperst, bist du am Klavier nicht besser geworden.

Sie haben mal gesagt, dass viele ihre Zeit am Klavier damit vertun, nicht eigene Musik zu spielen.
Nein, das habe ich so nicht gesagt. Ich glaube nicht, dass man seine Zeit verschwendet, wenn man nicht etwas originär Eigenes schafft. Allerdings denke ich, dass man sich manchmal ein bisschen auf den Füßen steht, wenn man ein gewisses Stück zum 190. Mal aufnimmt.

Das konkrete Zitat von Ihnen ging so: „Mir tun die jungen Leute leid, die ihr ganzes Leben damit verbracht haben, sich der Klassik zu widmen.“
Das ganze Klassik-Repertoire ist für die technische Ausbildung unglaublich hilfreich, aber für die musikalische Willensprägung, für die Kreativität sollte man sich durchaus auch mit anderem Stoff beschäftigen. Deswegen bin ich mit 13 umgeschwenkt zum Jazz, um die Harmonielehre zu verstehen. Normaler Klavierunterricht sieht ja nicht vor, dass du als Komponist aufgeklärt wirst, der mathematische und kosmische Zusammenhang der Töne wird dir nicht erklärt.

Wird also in der Musikerziehung zu wenig darauf vertraut, dass jeder Mensch auch kompositorisches Talent hat?
Keith Jarrett wäre ein Beispiel für so eine Doppelbegabung, er spielt ja auch einen fantastischen Bach. Insofern sollte man erstmal davon ausgehen, dass jeder Mensch die Veranlagung zu so einer Doppelbegabung hat – und sie maximal fördern. Wenn sich die Leute irgendwann freiwillig entscheiden: ‚Nein, ich spiele wirklich am liebsten Satie, dafür übe ich‘ – dann ist das völlig ok. Doch grundsätzlich alle Kinder dazu zu erziehen, perfekt Mozart zu spielen – da steckt ein gewisses Macht-System dahinter, was typisch akademisch ist.

Sie haben auch mal gesagt: „Die Klassik ist an totes Material gebunden, das macht sie museumsreif.“ Warum denken Sie, wird die Klassik dann so massiv finanziell gefördert?
Weil wir aktuell nicht in einer Zeit leben, wo wir eine Kulturrevolution machen, wie in den 60er Jahren. Ich bin nicht dagegen, dass man diese Musik fördert, denn alles, was nicht von alleine überlebensfähig ist, muss irgendwie unterstützt werden. Ob das immer so viel bringt, darüber kann man sich streiten. Auch bei der Neuen und Neuesten Musik haben wir ja die Situation, dass sie von den Kultureliten noch irgendwie durchgebracht wird, obwohl der gemeine Mensch sagt: ‚Interessiert mich nicht, ist mir egal, würde ich nie Geld für ausgeben‘. Bei der Klassik wird im Prinzip von oben herab entschieden ‚Das muss es aber geben‘. Das ist ein kultureller Imperativ.

Wobei sich viele Menschen eine Beethoven-Symphonien doch durchaus freiwillig anhören.
Sie schon. Aber zum Beispiel die Leute, die bei mir die Security machen, die gehen nie in die Oper oder ins klassische Konzert. Aber die zahlen mit ihrer Steuer trotzdem dafür, dass es das gibt. Das ist halt Förderpolitik. Es ist nicht so richtig basisdemokratisch, andererseits ist es eine Chance, gewisse Dinge, die per Volksentscheid abgeschafft würden, zu erhalten.

Stimmt es, dass Sie früher im Punk verwurzelt waren?
Ich hatte eine sehr schnoddrige Jugend, von 13 bis 17-18 Jahre fanden wir, dass wir auf jeden Fall scheiße aussehen und viel Dosenbier trinken müssen. Witzigerweise haben wir trotzdem nebenbei so komische Jazz-Musik gemacht.

Kommt aus der Zeit auch die Idee, mit Klobürsten auf dem Klavier zu spielen?
 Ja, ich habe in vielen witzigen Performance-Bands mitgemacht, zum Beispiel im Hamburger Golden-Pudel Club in Ballett-Tütüs und Horrormasken Schranz und absoluten Quatsch-Techno gespielt. Oder wir haben in Jugendzentren Salatköpfe mit Silvesterböllern in die Luft gesprengt und dabei die Nationalhymne auf dem Keyboard gespielt.

Manche Ihrer Stücke klingen nach Filmmusik, doch Victoria“, Ihre erste und bislang einzige Musik für einen Kinofilm, liegt schon drei Jahre zurück. Gibt es Pläne in dem Bereich?
Ich bin heute in der hart erkämpften, guten Position, dass ich komplett meine eigene Kuration machen kann. Ich kann mir mit meinem Team aussuchen, wie wir das machen – jede einzelne Geschichte ist erstmal denkbar und es gibt niemand, der sagt: Das geht nicht. Wenn ich mir jetzt vorstelle, mit einem Regisseur kämpfen zu müssen, mit Music Supervisors, oder – noch schlimmer – einem Produzenten, ob wir dieses oder jenes jetzt machen können oder nicht...

Also kommt Filmmusik für Sie im Moment nicht infrage?
Doch, klar kommt das infrage. Ich sage den Leuten in Hollywood, wenn ich irgendwelche Meetings habe: ‚Ja, ich will mitmachen. Ich will sogar viel mehr machen, als ihr eigentlich von mir wollt. Ich will nämlich Verantwortung für den Film übernehmen.‘ Und dann gucken die mich schon komisch an.

Darauf will sich kein Regisseur einlassen?
Doch, Sebastian Schipper (Regisseur von „Victoria“). Aber der hat ja auch keine 50 Millionen-Dollar-Produktion im Nacken, sondern er ist dann Produzent, Music Supervisor und Regisseur in einem. Das heißt, er ist der einzige, der einverstanden sein muss. Und zwei Leute einigen sich halt schnell, gerade wenn sie sich sympathisch sind.

Die Anfragen aus Hollywood gibt es also, werden aber von Ihnen abgelehnt.
Ja, ich habe auch ein Computerspiel abgelehnt – und alles wo ich nicht die kompletten Rechte an meiner Musik habe behalte. Alles wo ich die Musik nicht komplett selber aussuchen darf.

Auf Ihrem aktuellen Album „All Melody“ hört man auch Sänger – die singen allerdings nur Vokalisen. Warum kein Text?
Das würde alles andere beeinflussen – und es würde die Musik vor den Karren der Interpretation des Sinns spannen. „Freude, schöner Götterfunken“ zusammen mit der Beethovenschen Melodie entfaltet eine Kraft, die sich gewaschen hat. Beethoven wusste ganz genau, was er da tut, das war ein Protest, der Song hatte eine Message. Ich empfinde Worte als sehr grobes Mittel, um Gefühle auszudrücken, in der Musik finde ich viel mehr Zwischentöne, um Dinge zu beschreiben, die jeglicher Beschreibung spotten. Und viel wichtiger noch: Mit Musik kann ich Gefühle erzeugen, für die es noch keine Wörter gibt.

Beethoven hatte eine Message – haben Sie auch eine?
Dass es sich lohnt, seinen eigenen Weg zu gehen. Mir gefällt die Tatsache, dass ich außerhalb der Akademien, jenseits von ausgetretenen Pfaden, durch viel Glück aber auch durch eine gewisse Unbestechlichkeit so überzeugend geworden bin, dass ich die Inhalte jetzt ansagen darf – und die Leute setzen sich dem aus. Eine Rolle spielt dabei auch, dass es mit viel Liebe und Fleiß passiert. Wenn ich mir jeden Tag dafür Zeit nehme, kann man so was auch schaffen. Dafür muss ich inkaufnehmen, dass ich nicht ständig im Internet hänge. Es gibt viele Tage an denen ich gar keinen Computer benutze.

Auf der Bühne benutzen Sie auch keine Computer, aber doch sehr viel Technik. Hängt Ihre Show manchmal am seidenen Faden?
Das ist ein bisschen wie Free-Climbing – und wenn du abrutschst, hast du trotzdem überlebt. Mir sind schon Sachen passiert, die unangenehm oder unpassend waren: Irgendetwas geht kaputt, ich verspiele mich ganz schlimm oder verheddere mich total. Aber witzigerweise gefällt das den Leuten, die feiern das viel mehr als ich. Ich habe es am liebsten, wenn alles klappt, doch die Leute finden es mittlerweile toll, wenn sie hören, dass das live ist. Mich beflügelt das noch mehr, Risiken einzugehen, weil ich verstanden habe: Wenn etwas schief geht, ist deswegen niemand traurig. Keiner hat je sein Geld bei mir zurückverlangt, weil irgendwas nicht geklappt hätte. Im Gegenteil, die Leute reden noch Jahre später drüber, dass ihnen das sympathisch war.

Nils Frahm auf Tour

Der deutsche Pianist geht auf Tour und gastiert am 7. Februar um 20 Uhr in der Heinrich-Lades-Halle in Erlangen. Karten gibt es in unserem Ticketshop.

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Veröffentlicht am:
10. 12. 2018
06:00 Uhr

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