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Interview

Ok Kid: "Es ist wichtig, Stellung zu beziehen"

Ok Kid hat 2018 das vierte Album „Sensation“ veröffentlicht, ein politisches Album. Es geht zum Beispiel um Konsumwahn. Wir sprachen mit Sänger Jonas Schubert.



Ok Kid
  Foto: PR

„Lügenhits“ prangert die Musik in Deutschland an. Was läuft falsch mit dem hiesigen Schlager und Pop?
Das ist vorrangig ein Spaßsong, der mit Zitaten herumjongliert. Man darf ihn nicht falsch verstehen als ein Großreinemachen mit der deutschen Musik. Der Text umfasst genrefremde Leute wie Pe Werner und Helene Fischer, aber genauso Die Ärzte, Marteria und uns. Wir schwingen absichtlich die Pauschalkeule und verwursten den Populismus mit, gegen den wir selbst oft wettern. „Lügenhits“ und „Wir sind die Fans“ sind Analogien zu Pegida. Der Song versucht herauszufinden, was passieren würde, wenn man den Jargon und die Prinzipien der Wutbürger auf Musiker münzen würde. Im dazugehörigen Video gehen Wutfans auf uns los, weil sie glauben, dass wir nicht mehr Musik vom Volk fürs Volk machen. Wir wollen damit aber nicht die Musikbranche verurteilen, das hat Jan Böhmermann schon zur Genüge getan. Der Song soll eher allen Spaß machen und kommt mit einem Augenzwinkern daher.

Was finden Sie an deutschem Mainstreampop schwierig?
Deutsche Popmusik kommt nicht selten einer Verdrängungskultur gleich. Die meisten Leute haben keine Lust, sich inhaltlich groß mit Musik auseinanderzusetzen. Sie dient dann doch in erster Linie zur Unterhaltung oder als Beiwerk zum Bügeln. Sie tut nicht weh und soll einfach so durchrauschen. Aber dann ist es halt so. Man muss nicht immer auf die Abgründe des Lebens aufmerksam gemacht werden, wenn man Musik hört. Wir als Band sind aber für etwas anderes angetreten. Wer OK Kid hört, sollte sich zumindest die Zeit nehmen, zwei- oder dreimal hinzuhören, damit man ansatzweise versteht, was wir wollen.

Finden Sie es schade, dass die meisten Leute nicht auf die Texte hören, wo doch heute so viel in der Muttersprache gesungen wird?
Es ist eine verpasste Chance, weil man ja eigentlich hinhört. Bei englischer Musik kannst du viel mehr weghören. Deutsche Musik hat mich nie geprägt außer vielleicht früher Hip-Hop. Es gibt für mich keine deutschen Idole, bei denen ich sprachlich etwas gelernt habe. Der moderne deutschsprachige Trap-Rap schafft es sogar, komplett auf Inhalte zu verzichten und einfach nur den Vibe sprechen zu lassen. Das Gefühl ist da der absolute Mittelpunkt.

Gibt es wirklich keine Lieder anderer Künstler, die Sie selbst gern geschrieben hätten?
Aus finanzieller oder aus inhaltlicher Sicht? (lacht) Natürlich gibt es deutschsprachige Lieder, die für mich in der Vergangenheit wichtig waren. Ich hatte deutsche Musik zwar nie als Vorbild, aber ich konnte nie anders texten als auf Deutsch.

Mit welchen Schlagern sind Sie aufgewachsen?
Meine Eltern und Großeltern haben nie Schlager gehört, sondern eher Klassik und Jazz. Aber auf unseren Dorffesten lief natürlich Schlagermusik. Die Melodien bleiben bei einem schon hängen und unser Album hat durchaus Schlageranleihen in den Hooklines von „Pattaya“ und „Sensation“, dem trashigsten Song, den wir je gemacht haben. Es gibt furchtbare Mucke, die faszinierend ist in ihrer Übertriebenheit, so dass man daran hängen bleibt. So ist es auch bei Schlagern und eben bei dem Song „Sensation“.

Belächeln Sie das Schlagergenre aus einer verkopften, elitär-arroganten Haltung heraus?
Das wäre schlimm, dann würde ich mich selbst bremsen. Dass es im Schlager nicht ans Eingemachte geht, ist ja klar. Ich bin keine 17 mehr, dass ich mich darüber aufregen muss. Es ist extrem erfolgreiches deutsches Liedgut, also hat es eine Relevanz. Ich versuche eher zu verstehen, was den Reiz am Schlager ausmacht. Ich habe eher ein Problem mit Popmusik, die cool sein will, aber eigentlich Schlager ist.

Warum ist die heile Welt des Schlagers heute so besonders gefragt?
Schaut man sich die deutsche Musikkulturtradition an, muss man leider sagen, dass in den zwölf dunkelsten Jahren unserer jüngsten Geschichte einfach alles auf links gedreht worden ist. Danach war ein Nullpunkt. Ab 1945 war Musik erfolgreich, die zur Verdrängung beigetragen und sich nicht mit einer gewissen Schuld auseinandergesetzt hat. Es war alles sehr auf gute Laune gemacht à la „Ich habe ein knallrotes Gummiboot“. Es brauchte lange, bis deutsche Musik subkulturell anerkannt war. Die erste Band, die mir einfällt, waren Ton Steine Scherben.

Waren Sie mal auf einem Konzert von Helene Fischer?
Ja, als Bandausflug im Olympiastadion in Berlin. Das war etwas völlig anderes. Mein Anspruch an Musik ist viel zu idealistisch gedacht. Die Leute bei Helene Fischer hatten einfach nur eine gute Zeit und wollten sich eine schöne Revue angucken. Auch das kann ein Sinn von Musik sein.

Kann man sich von Helene Fischer etwas abschauen?
Ich bin kein Fan ihrer Musik und ihrer Inszenierung, aber ich fand die Menschen sehr spannend. Viele Klischees wurden dort komplett widerlegt. Da waren Kids mit einem AnnenMayKantereit-Jutebeutel, viele Homosexuelle und viele Ältere. Mithin ein Durchschnitt Deutschlands. Allerdings habe ich dort niemand mit Migrationshintergrund gesehen.

Schlager macht es dem Hörer leicht. Wollen Sie es ihm bewusst schwer machen?
Beides. „Sensation“ ist unser bisher poppigstes Album mit sehr leichten Arrangements. Ein Song wie das Titelstück funktioniert aber nur über eine Metaebene. Er kann ein Köder sein, damit die Leute auf uns aufmerksam werden und tiefer einsteigen. Wenn man sich weiter damit auseinandersetzt, wird man viele Subebenen entdecken. Nicht nur unsere Texte, auch die Musik hat eine gewisse Ironie. Bei „Pattaya“ ist es ähnlich.

Worum geht es in dem Song?
Um Sextourismus. Der Song kommt mit einer Schlagerhookline daher. Auch davor haben wir keine Angst. In unserem Alter einen Song über Sextourismus zu machen, ist wahrscheinlich eher ungewöhnlich. Ich war eine Zeitlang in Bangkok und habe dort unglaublich Ekelhaftes gesehen. Und in Ulrich Seidls Film „Paradies: Liebe“ geht es um Sextourismus bei Frauen. Das ist ein krasses Phänomen. Ein ernsthafter Song über Sextourismus wäre furchtbar dröge, deswegen haben wir die Charaktere überspitzt. Ich fand es schön, beide Seiten zu erklären und einen Trashfaktor mit hineinzubringen. Auf dieser Platte versuchen wir, große Themen leicht daherkommenzulassen.

„Warten auf den starken Mann“ haben Sie bereits kurz vor der letzten Bundestagswahl veröffentlicht. Darin nehmen Sie die Perspektive eines Wutbürgers ein. Ist diese Wut für Sie nachvollziehbar?
Der Song hat eine Vorgeschichte. Als wir mit dem Schreiben anfingen, haben wir zehn Tage im sächsischen Heidenau Urlaub gemacht. Dort gab es 2016 fremdenfeindliche Übergriffe. In Freital kam es zu richtigen Straßenkämpfen, weil Menschen nicht wollten, dass dort Flüchtlinge hinkommen. Wir wollten uns das vor Ort angucken, damit wir wissen, über was wir reden. In der Sächsischen Schweiz lernten wir eine oberflächlich gesehen heile Welt kennen. In den zehn Tagen sahen wir im Straßenbild keine Flüchtlinge. Woher kommt also der Hass? Das ließ uns ratlos zurück. Die Schlussfolgerung lautet: Er kommt von der Angst, ein Verlierer zu sein. Der Song ist kein erhobener Zeigefinger gegen die Wutbürger, er soll eher zeigen, dass die Aggressionen ein Schrei nach Liebe sind. Die Frage ist, wie man jetzt mit 18,5 Prozent Wutwählern umgeht.

Für Campino ist Angela Merkel ein alternatives Bollwerk gegen rechtsextreme Tendenzen zum. Ist sie das auch für Sie?
Das Zitat kenne ich nicht, deswegen will ich mich auch nicht darauf berufen. Man kann Frau Merkel nicht für alles die Schuld geben. Das Thema ist sehr komplex, man muss aufpassen vor pauschalen Deutschlandverbesserungstheorien. In einem demokratischen Staat muss man auch Meinungen akzeptieren, die nicht der eigenen entsprechen und vielleicht etwas weiter rechts liegen. Innerhalb unserer Band hat ein Umdenken stattgefunden. Früher riefen wir auf unseren Konzerten noch „Fick die AfD!“ Man muss aber aufpassen, dass man verunsicherte Menschen nicht als rechtsradikal diffamiert. Je mehr man das tut, desto weniger trägt man dazu bei, dass sich unser Land vielleicht wieder eint. Man sollte die Leute besser argumentativ davon überzeugen, dass die AfD keine Alternative ist. Vielleicht hilft der Dialog mehr, als sich abzuspalten.

Was kann Musik bewirken? Hatten Sie da einen Schlüsselmoment?
„Warten auf den starken Mann“ haben wir zwei Tage nach der letzten Bundestagswahl veröffentlicht. Wir dachten, wir haben jetzt die Möglichkeit, mit einem politischen Statement gegen Rechts etwas zu erreichen. Aber wir mussten immer wieder feststellen, dass wir damit nur die eigenen Leute ansprechen. In unserem Umfeld gibt es niemanden, der die AfD wählen würde. Wir leben in einer Blase. Und da ist der Song auch dringeblieben. Hat es etwas gebracht? Nein, es ist eher noch schlimmer geworden! Trotzdem ist es wichtig, Stellung zu beziehen und offen für Debatten zu sein. Musik kann viel dazu beitragen, Themen auf eine Agenda zu bringen. Und wenn sich die ganz großen Künstler, die den Durchschnitt Deutschlands abbilden, politisch äußern, kann das dazu beitragen, dass AfD-Wähler und andere zusammen auf ein Konzert gehen. Das ist schon mal eine Schnittmenge.

Letzte Frage: Wird die neue Show dem Albumtitel „Sensation“ gerecht?
Wir hoffen es. Es ist auf jeden Fall unsere bisher größte, was die Zuschauerzahl angeht. Wir planen gerade sehr viel und nehmen mehr Licht und mehr Leute mit.

Kann man mit Artistik à la Helene Fischer rechnen?
Das wäre schön! Zum Beispiel mit Jetantrieb an den Füßen reinzufliegen oder mit einem Helikopter direkt auf der Bühne zu landen. Aber das wird schwierig, wir spielen ja indoor. (lacht)
 

Ok Kid auf Tour

Die Pop- und Hip-Hop-Gruppe kommt auf ihrer „Lügenhits & Happy Endings“-Tour am 19. März um 20 Uhr in den Z-Bau nach Nürnberg und am 20. März um 20 Uhr in die Posthalle nach Würzburg. Karten gibt es in unserem Ticketshop.

Autor

Das Gespräch führte Olaf Neumann
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
28. 01. 2019
06:00 Uhr

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Das Gespräch führte Olaf Neumann

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28. 01. 2019
06:00 Uhr



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