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Interview

Peter Maffay: "Jung sein ist keine Frage des Alters"

Peter Maffay geht mit neuen Songs und Klassikern auf Jubiläumstour. 2019 hat er sein 50. Bühnenjubiläum und den 70. Geburtstag gefeiert.



Peter Maffay
  Foto: Wolfgang Köhler

Peter, war es mal wieder Zeit für Lederjackenmusik?
Absolut. Das deutete sich ja schon länger so an. Wir haben das letzte Rock ’n’ Roll-Album „Wenn das so ist“ vor fünf Jahren gemacht. Dann kam „Tabaluga“, dann kam „MTV Unplugged“, und dann wurde es Zeit. Das Album ist, abgesehen von einigen schönen Balladen, schon recht kantig, und deswegen auch interessant zu spielen. Ich übe gerade und merke, dass ich die Songs wirklich alle sehr gern spiele.

In „1000 Wege“ singen Sie „Wir müssen nicht immer bloß geradeaus laufen.“ Wie würdesn Sie den Weg Ihre bisherigen 70 Lebensjahre beschreiben?
Da war wirklich alles dabei. Ich bin gesprungen, untergetaucht, gestolpert, auf die Schnauze gefallen, Kurven waren dabei, manche Strecken verliefen auch durchaus schön gerade. Ich habe vieles gesucht, einiges auch gefunden und weiß, dass die Suche nicht wirklich aufhört. Die ersten tausend Wege kenne ich. Die nächsten Wege kenne ich nicht, ich weiß auch nicht, wie viele es sein werden. Wenn ich aus der zurückgelegten Strecke ein paar Rückschlüsse ziehe, werde ich es vermeiden, einen allzu kurvigen Weg zu laufen.

„Jetzt!“ ist ein ziemlich ernstes Album. Das Video zu „Morgen“ mit seinen Schreckensbildern könnte zarten Gemütern geradezu Angst machen.
Die Realität macht noch mehr Angst als das Video. Weil man ja weiß, dass die 25 oder 30 Situationen aus dem Video locker durch tausend andere ebenso entsetzliche Szenen ersetzt werden könnten. Am Anfang haben einige gesagt, so weit könne man in einem Video nicht gehen. Und ich: „In der Wirklichkeit dann schon?“ Steckt man den Kopf in den Sand und tut so, als gäbe es das nicht? Wir hier in einem relativ geschützten Europa haben noch gar nicht richtig erspürt, was draußen in der Welt passiert. Das ist zum Teil viel, viel heftiger als wir uns das vorstellen können. Als Vater von zwei Kindern wird mir mulmig. Was man tun kann, um die Zukunft der Kinder abzusichern? Man muss versuchen, einen globalen Konsens zu finden. Von dem wir wissen, dass er gerade nicht stattfindet.

Im Gegenteil.
Genau. Diese Schere ist das Erschreckende. “Eiszeit“ ist 1982 entstanden, in dem Lied geht es um atomare Bedrohung. Und wo sind wir heute mit Trump, den Iranern, den Nordkoreanern und den Russen? Nicht viel weiter. Oder doch: Heute stehen wir am Abgrund, und morgen sind wir schon einen Schritt weiter.

Sind Sie Pessimist?
Nein, das kann ich mir nicht leisten. Mein Sohn will keinen Pessimisten als Vater. Meine kleine Tochter kann es noch nicht erfassen, aber in ein paar Jahren wird sie vielleicht sagen „Willst du wieder warten, bis der Morgen kommt?“ Mir rennt die Zeit davon, uns rennt die Zeit davon. Ich glaube immer noch, dass es Möglichkeiten gibt, einige Entwicklungen zu reparieren, andere auch komplett zum Guten zu werden. Aber, und das ist ja der Hintergrund des Liedes, dann müssen wir jetzt was tun – nicht morgen.

Ihr Sohn Yaris ist 16. Kommt er sehr nach Ihnen?
Nicht wirklich. Er ist einen halben Kopf größer als ich (lacht).

Ist er in der Musik involviert?
Er fängt damit an. Er lebt in Spanien, und wir verbringen nur limitiert Zeit zusammen. Wenn er bei mir ist, dann nehme ich ihn mit ins Studio. Er hat auch mit seinen Kumpels eine Band. Ich pushe ihn aber nicht, er muss seine Entscheidungen selber treffen. Aber er bekommt von mir, wenn er will, Möglichkeiten. Ich habe schon den Eindruck, dass ihn das interessiert.

Ihre Tochter ist neun Monate alt. Ist es eine Überlegung gewesen, in eine Welt, die so grausam ist wie im „Morgen“-Video gezeigt, einen jungen Menschen zu setzen?
Sie haben mich gefragt, ob ich Pessimist bin. Nein! Ich bin eher Optimist. Ich glaube, dass es eine positive Perspektive gibt. Aber ich weiß, dass es sie nicht gibt, wenn wir uns nicht bewegen.

Sind Sie als Vater entspannter geworden?
Das glaube ich schon. Weil vieles, worauf ich Zeit verwandt habe, erledigt ist. Im Grunde genommen entsteht da ein Freiraum, den ich gern mit den beiden ausfülle. Die Kinder haben so viel Power, die inspirieren mich extrem.

Sie haben Ihre Partnerin Hendrikje als die „Frau deines Lebens“ bezeichnet. Wie meinen Sie das?
Wir sind uns begegnet. Wir haben uns sehr schnell gefunden, was jetzt ja auch schon wieder vier Jahre her ist. Und es ist so spannend wie am ersten Tag – nein, noch spannender. Ich fühle mich in dieser Beziehung total richtig und wohl. Und ich hoffe, dass es ihr auch so geht.

Wir sprachen am Anfang über Ihren Lebensweg. Würden Sie gerne wissen, wie der von hier ab weiter verläuft?
In mancher Hinsicht wohl. Wenn ich wüsste, auf welchem Weg zum Beispiel Gesundheit zu finden ist, oder Kraft, Zuversicht und Hoffnung, dann würde ich diesen Weg nehmen. Ich kann nur hoffen, dass auf dem Weg, für den ich mich entscheide, diese Qualitäten liegen. Wenn irgendwo ein Schild stünde „Langes Leben“, dann würde ich den Weg wählen. Auf der anderen Seite: Wenn ich das Ergebnis bereits kennen würde, würde ich mich nicht mehr so anstrengen. Den Weg nicht zu kennen, ist also auch ein Ansporn. Also mache ich ordentlich Liegestützen und Kniebeugen.

Was tun Sie für die Gesundheit?
Ich lebe nicht militant nach Plan. Ich versuche, nicht zu viel und einigermaßen gesund zu essen, und ich weiß, was mir nicht bekommt.

Was wäre das?
Naja, ich habe meine Erfahrungen mit Alkohol und Zigaretten gemacht. Die waren heftig. Also lasse ich das.

Fehlt Ihnen der Exzess von früher manchmal?
Nein. Gar nicht. Ich hau mir manchmal so ein fettes Eis rein oder Schokolade. Das merke ich sofort. Ansonsten halte ich mich relativ zurück. Ich treibe ein bisschen Sport, aber auch nicht exzessiv.

Was für Sport machen Sie?
Zuhause fahre ich leidenschaftlich gern E-Mountainbike. Auf Tour das, was halt geht. Gymnastik, und manchmal bekomme ich ein paar Hanteln aufs Zimmer. Ich habe oft zwei Stöcke dabei, für Escrima, eine Kampftechnik, ähnlich wie Tai Chi, nur mit Stöcken. Das ist eine superschöne Art, sich zu bewegen, du lernst Koordination, und sie erhöht schön gleichmäßig die Beweglichkeit der Fingermuskulatur. Die Stöcke kann ich überall mit hinnehmen. Du kannst mit ihnen auch Gewichte simulieren, indem du sie zusammendrückst oder auseinanderziehst. Also, ich brauche nicht viel, um ein bisschen was für meine Fitness zu tun.

Sie haben ungefähr den Körper eines Mittdreißigers, oder?
Ich komme für mein Alter ganz gut zurecht. Ich fahre zum Beispiel gern Fahrrad. Ich liebe ja Motorräder, doch die stehen von Jahr zu Jahr länger in der Garage. Mir ist das Fahrrad inzwischen viel wichtiger, auch weil es meditativer ist. Ich bin Frühaufsteher. Wenn ich um 6 Uhr aus den Federn komme, sitze ich um Viertelnach auf dem Rad und fahre 10 bis 15 Kilometer. Anschließend hole ich Brötchen beim Bäcker, wir frühstücken zu Hause zusammen, und dann gehe ich arbeiten.

„Für immer jung“ heißt eines der neuen Lieder.
Hoffentlich. Jung sein ist für mich keine Frage des Alters. Sondern eine Frage der Einstellung.

Nochmal zur Politik. Uns in Deutschland geht es überwiegend gut, und trotzdem…
…machen wir uns ins Hemd.

Woran liegt das?
Ich hasse es, mit erhobenem Zeigefinger daherzukommen und anderen Ratschläge zu geben, aber wir haben es nicht nötig, etwa vor den Rechtsextremen zu zittern. Wir haben in Deutschland eine Demokratie und ein Grundgesetz. Also tun sich die zusammen, die dafür sind, dass das so bleibt. Und das ist die große Mehrheit. Diese Larmoyanz, die bringt uns nicht weiter. Wir müssen vor allem wollen. Wenn es einer Gesellschaft so gut geht wie uns, dann sollte man so viel Selbstbewusstsein und auch Entspanntheit haben, mit solchen Dingen wie der AfD in irgendeiner Form zurechtzukommen. Ich will das gar nicht bagatellisieren. Es ist erschreckend, mit welchen wiederaufbrechenden Geschwüren man es zu tun hat, mit Vorurteilen und Diskriminierung. Wir sollten uns gegenseitig bestärken, nicht schwächen, ehrlich und offen miteinander umgehen, niemandem etwas vorgaukeln. Wir haben es in der Hand: Aufklärung, Bildung, wählen gehen.

Ihre Partnerin kommt aus Halle an der Saale. Hat das Ihren Blick auf Ostdeutschland geschärft?
Die ewigen Argumente, dass der Osten dem Westen hinterherhinkt und die Gleichheit nicht da ist – ich finde, damit muss man aufhören. Es gibt andere Brennpunkte: Der Radikalismus, der überall Fuß fasst. Die Isolation, in die sich manche flüchten. Der europäische Gedanke, der auseinanderzubrechen droht, weil Politiker teilweise nur ihren persönlichen Vorteil und nicht den der Gesamtheit im Blick haben. Das muss man erkennen, gegensteuern und zuversichtlich bleiben, dass wir die Kurve kriegen.

Peter, Sie wären auch ein guter Bundespräsident.
Ach nein. Das ist nichts für mich. Ich bewundere die Menschen in der Politik, wie sie gegen Windmühlen und Gummiwände ankämpfen. Wir haben gute Politiker. Meine Erfahrung ist, dass viele durch unser System ausgebremst werden, in dem es um Meinungsführerschaft und um maximale Aufmerksamkeit geht Du hast einen guten Ansatz, eine gute Meinung, und sofort kommt einer daher und zersägt deine Ideen Am Ende kommt davon nur noch ein Bruchteil an, wenn überhaupt. Und weil das so mühselig ist, habe ich keinen Bock drauf. Ich mache Musik, da kann ich in fünf Minuten Dampf ablassen. Und im Grunde gehen wir ähnlich wie andere, die in der Gesellschaft arbeiten, raus in die Öffentlichkeit, multiplizieren Meinungen und Impulse und versuchen eine Mehrheit zu finden für einen guten Gedanken. Udo Lindenberg, Rock gegen rechts, das sind alles Ansätze, die mit Politik sehr viel zu tun haben. Vielleicht sind wir ja doch nur eine andere Art von Politikern.

Peter Maffay auf Tour

Der Sänger geht auf große Jubiläumstour und gibt am 19. März um 20 Uhr ein Konzert in der Arena in Nürnberg. Karten gibt es im Ticketshop unserer Zeitung.

 

Autor

Das Gespräch führte Steffen Rüth
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
13. 01. 2020
06:00 Uhr

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Das Gespräch führte Steffen Rüth

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13. 01. 2020
06:00 Uhr



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