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Interview

Schiller: "Alle Musiker fühlen ähnlich"

Schiller ist Deutschlands erfolgreichster Ambient-und Elektro-Pop-Musiker. Bald ist er mit, mit seinem neuen Album „Morgenstund“ im Gepäck, wieder live zu erleben.



Schiller
  Foto: Thomas Rabsch

Ihr Album heißt „Morgenstund“. Steht die Platte im Mittelpunkt des neuen Live-Programms?
 Ja, weil es darauf viele Stücke gibt, die sich dazu eignen, live gespielt zu werden. Über meinen letzten Tour-Schlagzeuger ist Doug Wimbish in die Schiller-Welt gekommen. Er hat für einen Bassisten eine außergewöhnliche Auffassung. Normalerweise bildet der Bass eine Rhythmuseinheit mit dem Schlagzeug. Bei Doug hingegen hört er sich teilweise an wie ein Synthesizer oder sogar eine Gitarre. Der Klang ist Doug sehr wichtig, weshalb er ein sehr großes Effektboard vor sich stehen hat.

Sind Sie Frühaufsteher?
Ja, und zwar im doppelten Sinne. Ich mag den Tagesanbruch, weil man in dem Moment sehr nah bei sich ist. Das kann ich morgens besser als nachts. Ich habe jahrelang bis vier Uhr morgens gearbeitet, aber es war nicht besonders ergiebig. Das Albumcover erzählt davon, dass uns die Zeit unweigerlich zwischen den Fingern zerrinnt. Gleichzeitig kann das auch etwas Erhabenes haben, weil einem ein ganzer Tag bleibt, einmal etwas anders zu machen oder zu denken. Man nimmt sich immer seltener die Zeit, sich zu überlegen, was man eigentlich möchte.

Macht Ihnen Ihre Arbeit immer Spaß?
Ich möchte gar nicht mehr zwischen Arbeit und Leben unterscheiden. Das ist vielmehr eine Leidenschaft, mit der ich morgens aufstehe und am Abend schlafen gehe.

Ihr Album führte Sie über die Stationen Deutschland, England, Italien, USA, Kanada, Kasachstan und Iran. Wie viel Zeit hat das gekostet?
Sehr viel, aber es war jede Sekunde des Reisens wert. Gewisse Orte tragen eine Energie in sich, die man nur spüren kann, wenn man dort hinfährt. Rein technisch gesehen könnte man eine Platte auch im Wohnzimmer machen, aber es macht einen großen Unterschied, Menschen im Internet oder persönlich zu treffen.

Das Stück „Harmonia“ ist entstanden im legendären Genesis-Studio „The Farm“ in der Grafschaft Surrey – mit Genesis-Gründungsmitglied Mike Rutherford an der Gitarre. Wie fühlt sich dieser Ort an?
The Farm ist in erster Linie nur ein Tonstudio. Aber die Tatsache, dass dort Phil Collins, Mike Rutherford und Tony Banks zusammen Musik gemacht haben, hat etwas mit diesem Ort gemacht. Ich werde aber niemals herausfinden, wie die Musik klingen würde, wenn ich sie woanders aufgenommen hätte. Ähnliches erlebte ich in Teheran in einem toll ausgerüstetet Studio mit persischen Künstlern. Der Dolmetscher hatte nach kurzer Zeit gar nichts mehr zu tun, weil wir uns tatsächlich nur über die Musik verständigt haben. Das kannte ich noch nicht.

Warum wollten Sie ausgerechnet im The Farm-Studio arbeiten?
Es war wie so oft eine Verkettung von Zufällen. Ich habe mit Gary Wallis, dem ehemaligen Tourschlagzeuger von Pink Floyd und aktuellem Schlagzeuger von Phil Collins vereinbart, dass wir diese Tour zusammen machen. Er erzählte mir beiläufig von seinem Vorhaben, etwas mit Mike & The Mechanics im The-Farm-Studio aufzunehmen. Mike Rutherford, der Schiller ganz toll findet, hat uns dann erlaubt, dort zwei Tage lang zu arbeiten.

Waren Sie darauf vorbereitet?
Nein, weil es zu Anfang überhaupt keine Überlegung gab, etwas mit einem echten Schlagzeuger zu machen. Aber wir haben es dann einfach mal ausprobiert. Am letzten Tag kam Mike Rutherford persönlich vorbei und sagte, er würde gerne zu unserem improvisierten Stück „Harmonia“ Gitarre spielen. Ich hätte mir wahrscheinlich nicht getraut, ihn darum zu bitten. Solche Momente, in denen Dinge um der Musik willen geschehen, werden in der heutigen Zeit immer wichtiger. Ich habe den vielleicht größenwahnsinnigen Wunsch, etwas für die Ewigkeit zu machen.

Wie haben Sie Genesis-Mitbegründer Mike Rutherford erlebt?
Er ist durchdrungen von einer britischen Noblesse (lacht). Selbstbewusst und gleichzeitig zurückhaltend. Er ist sich seiner Bedeutung bewusst, ohne sie mit jeder Geste neu behaupten zu müssen. Das habe ich immer wieder bei weltbekannten Künstlern erlebt. Rutherford hat mir sechs verschiedene Gitarrenspuren geschickt, die ich dann zu dem zusammengeführt habe, was man jetzt auf der Platte hört.

Abgemischt wurde der Titel vom langjährigen Genesis-Produzenten Nick Davis. Wie kam es dazu?
Ich war fassungslos vor Glück, als Nick Davis sich mir vorstellte. Als Teenager habe ich immer das Kleingedruckte auf Genesis-Platten seziert und sein Name tauchte dort immer wieder auf.

Sie sind der erste westliche Pop-Musiker seit 39 Jahren, der im Iran auftreten durfte. Auf welchem Weg kam die Einladung zu Ihnen?
Ich bekomme immer wieder Anfragen per Mail aus z.B. Afrika oder Südamerika. Oft sind diese ein bisschen obskur. Der iranische Veranstalter klang aber anders. Ich habe ihm geantwortet, dachte aber, es wird vermutlich ohnehin nicht zustande kommen. Nach fast drei Jahren kam 2018 wieder eine Mail aus Teheran: Sie hätten jetzt alle Genehmigungen bekommen und wollten gern kurzfristig die Konzerte machen. So ist das alles wie eine Lawine ins Laufen gekommen.

Wie viele Konzerte waren geplant?
Fünf vor jeweils 4000 Leuten. Damit hatte ich nicht gerechnet, aber der Veranstalter war überzeugt davon. Eh ich mich versah, sind wir mit der Klangwelten-Besetzung nach Teheran geflogen.

Wie kommt es, dass Sie dort so bekannt sind?
Wieso man dort jedes Lied von Schiller kennt, weiß ich bis heute nicht. Im Iran gibt es auch Instagram-Influencer, SoundCloud und meine Platten, wobei ich die Cover nicht kannte. (lacht) Auf der Autobahn habe ich riesige Schiller-Billboards gesehen. Für manche Stücke in unseren Konzerten bekamen wir an sehr ungewöhnlichen Stellen Szenenapplaus. Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben (lacht).

Wie haben Sie als Westler den Iran erlebt?
Wenn man glaubt, gut informiert zu sein, dann hat das, was man vor Ort erlebt, überhaupt nichts mit dem zu tun, was man sich vorgestellt hat. Ich wusste das vorher schon durch eine lange Reise durch den Iran vor zehn Jahren. Aber man kann es nicht mit Worten beschreiben, man muss es selbst erlebt haben. Und wir werden dieses Jahr wieder im Iran Konzerte spielen. Man steht dort auf der Bühne vor offenen, glücklichen Gesichtern und denkt sich: „Das ist vermutlich der Grund, weswegen ich all das tue, was ich tue“.

Konnten Sie sich im Iran frei bewegen?
Ja. Bei einem dritten, reinen Schaffensaufenthalt war ich im Studio und habe Filmaufnahmen für mein neues Album in der Wüste Lut gemacht. Neu war für mich, dass ich in einer 14-Millionen-Stadt wie Teheran nach wenigen Minuten auf der Straße erkannt und um ein Selfie gebeten wurde. In den fast acht Wochen im Iran wurde ich öfter angesprochen als in den 20 Jahren davor in Deutschland (lacht).

Mit wem haben Sie in Teheran Musik gemacht?
Mit einigen Stars der traditionellen Musik: dem Santur-Spieler Pouya Sarai, der Dota-Spielerin und Sängerin Yalda Abbasi und dem Darf-Trommler und Musikwissenschaftler Dr. Pirooz Arjmand. Diese Art von akustischen Instrumenten brauchen eine besondere Art der Mikrofonierung. Im Persian Sound City gab es mehr Mikrofone, als ich jemals in einem Studio gesehen habe. Der Iran ist ja gar nicht so weit entfernt von Deutschland, aber kulturell hat er eben doch eine ganze andere Einflugschneise. Sehr spannend.

Hat der iranische Staat diese Künstler ausgesucht?
Nein, die habe ich ausgesucht. Ich habe zu keinem Zeitpunkt irgendetwas vom Staat bemerkt. Im Iran werden sehr vorbehaltlos Kontakte gemacht oder weitergegeben. Es geht allen darum, ein möglichst schönes Ergebnis zu erzielen. Die Melodien dort sind uns übrigens nicht so fremd, weil es in der iranischen Musik sehr wenige Vierteltöne gibt. Für mich klingt traditionelle persische Musik zwar exotisch, aber nicht so fremd wie z.B. arabische.

Hat das Publikum im Konzertsaal des Innenministeriums auf Ihre elektronischen Rhythmen mit spontanen Tanzeinlagen reagiert?
Die Konzerte waren öffentlich und bestuhlt, aber das zumeist junge Publikum hat sehr lebhaft gesessen. Die Iraner fühlen sich dem Westen zugewandt, aber nicht um jeden Preis. Man beneidet uns nicht um alles. In der Musik liegt eine große Kraft. Ansonsten halte ich mich persönlich sehr zurück und inszeniere mich nicht absichtlich. Die Menschen hören Schiller ja nicht wegen mir, sondern wegen der Musik. Und das finde ich beruhigend. Wir haben dort unser „Klangwelten“-Programm gespielt, darin gibt es deutsche Segmente wie das Schiller-Gedicht von der Sehnsucht.

Der Album-Titelsong „Morgenstund“ wird von Nena gesungen. Macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie mit einer deutschen oder einer iranischen Künstlerin zusammenarbeiten?
Alle Musiker fühlen ähnlich. Ich bin sehr glücklich, dass ich bisher nur mit Menschen arbeiten konnte, denen es in erster Linie um die Musik geht. Alles andere kommt danach oder gar nicht. Wir haben ja nur eine Nena. Es wird nie eine neue Nena geben. Bei aller Neugierde auf das Unentdeckte ist mein Respekt vor Kontinuität sehr groß.

Haben Sie Nena gebeten, anders zu singen als sonst?
Nein. Ich wusste, dass nur sie dieses Stück singen konnte. Es klang genau so, wie ich es im Kopf hatte. Es gab nichts zu korrigieren oder zu kuratieren. Das Ergebnis ist 100 Prozent Nena, aber doch irgendwie anders.

Das Stück „Morgenstern“ entstand bei einer Session mit der Band Tangerine Dream, Pionieren der elektronischen Musik.
Das war ganz toll! Wir haben uns in Berlin getroffen und einen ganzen Raum mit analoger Elektronik vollgestopft. Ohne überhaupt etwas abgesprochen zu haben, haben wir eine Stunde lang drauflosgespielt, programmiert und in Echtzeit Sounds und Sequenzen verändert. Auf dem Standard-Album ist davon ein Extrakt zu hören, während es auf dem Boxset in voller Länge enthalten ist.

War der 2015 verstorbene Edgar Froese bei dieser Session noch dabei?
Leider nein. Ich kenne Tangerine Dream schon sehr lange. Mit zwölf Jahren hat mir ein Freund das Album „Exit“ vorgespielt. So etwas hatte ich vorher noch nie gehört! Es war der Grund, weswegen ich überhaupt angefangen habe, selbst Musik zu machen.

Um was geht es Ihnen beim Musikmachen?
Zuerst einmal darum, eine Stimmung zu transportieren, die den Hörer in eine Gefühlswelt versetzt. Es muss nicht immer eine Leistungsshow des Neuen sein. Manche Geschichten lassen sich in einem klassischen Songformat erzählen, andere eher in einem unkonventionellen. Aber auch ein klassisches Songformart kann ungewöhnliche Sounds haben.

Die 16 neuen Stücke gibt es auf einer begleitenden Blu-ray erstmals auch in Dolby Atmos. Wie wirkt sich dieses immersive Audioformat im Popbereich aus?
Dolby Atmos ist ein Zwölf-Kanal-Tonsystem. Theoretisch bräuchte man dafür zwölf Lautsprecher, aber man kann es auch mit einer Soundbar oder einem Surround-Kopfhörer anhören. Der Sound kommt von hinten und vorne, von der Seite und von oben. Als dieses Format vor ein paar Jahren mit der „Hobbit” Filmtrilogie eingeführt wurde, habe ich es noch belächelt. Aber als ich dann angefangen habe, das neue Album in Dolby Atmos zu mischen, war ich sehr erstaunt über den Klangeffekt. Der Ton kommt wirklich von überall. Immersiv ist ein anderes Wort für umhüllend.

Schiller auf Tour

Der Elektro-Pop-Musiker tritt am 11. Mai um 20 Uhr in der Arena in Nürnberg auf. Karten dafür gibt es im Ticketshop unserer Zeitung.

 

Autor

Das Gespräch führte Olaf Neumann
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
06. 05. 2019
06:00 Uhr

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Das Gespräch führte Olaf Neumann

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06. 05. 2019
06:00 Uhr



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