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Interview

Thomas Lindner von Schandmaul: "Wir entführen in andere Zeiten"

Schandmaul ist eine der erfolgreichsten deutsche Mittelalter-Folkrock-Bands. Vor 20 Jahren hat sie sich bei München gegründet. Wir sprachen mit Frontmann Thomas Lindner.



Schandmaul
  Foto: Universal Music

Mit „Artus“ legen Sie Ihr zehntes Studioalbum in 20 Jahren vor. Wie kommen die Ideen zu Ihnen?
Sie kommen bei mir immer aus dem Bauch heraus. Ich mache mir im Vorfeld keine Gedanken, wie ein Album klingen sollte. Es kommt wie es kommt.

Haben Sie sich im Lauf der Zeit bestimmte Kreativitätstechniken angeeignet?
Der Muse muss man Platz geben. Ich fahre nahezu täglich in mein Studio und bleibe da erstmal in freudiger Erwartung, dass Madame vorbei guckt. Wenn Ideen kommen, habe ich gleich alles zur Hand. Oft ist das Liederschreiben mit Recherche verbunden, und ich lese im Laufe des Prozesses ganze Bücher, bevor ich alles wieder auf eine DinA4-Seite zusammenkürze.

Gleich mehrere Songs auf dem Album sind der britischen Sagengestalt König Artus gewidmet: „Die Tafelrunde“, „Der Gral“ und „Die Insel – Ynys Yr Afallon“. Wollten Sie die Saga von König Artus so nacherzählen, wie sie ursprünglich geschrieben wurde, aber in einer unserer Zeit entsprechenden verständlichen Sprache?
Nein. Das Thema hat mich persönlich interessiert und ich habe dazu aus Spaß mehrere Bücher gelesen, um mir einen Überblick zu verschaffen. Dann habe ich die Texte verfasst. Ich habe keinen Anspruch auf Vollständigkeit, ich habe mir bestimmte Personen oder Begebenheiten herausgepflückt. Wer sich davon angefixt fühlt, muss sich ein Buch schnappen und tiefer in die Artus-Welt eintauchen. Ich bin nur der Teaser.

Die Artus-Sage spielt im „Dark age“, einem frühen, finsteren Zeitalter voller Not und Elend. Was fasziniert Sie daran?
Es ist eine der größten Sagen Europas. Artus ist bis runter zu den Römern ein Begriff. Aber das ist nur ein Ausdruck für Großkönig. Kein Mensch weiß, wer das genau war. Für mich ist diese ganze Sage Abbild eines mittelalterlichen Zeitgeistes. Die Religionen haben sich auf der Insel Britannien abgewechselt, die Christianisierung schritt voran, die alten Götterkulte wurden verdrängt. Zeitweise gab es eine reale Bedrohung durch die Angelsachsen, die auf die Insel strömten. Aber die einheimischen Stämme haben sich auch gegenseitig die Köpfe eingeschlagen. Es hätte eigentlich Einigkeit herrschen müssen, um der Eroberung zu begegnen. Man hat sich aber zumindest zusammengerissen und die Flut der Angelsachsen vorerst aufgehalten. Das ist für mich das Interessante an der Sage.

Sind diese Themen noch immer aktuell?
Man kann sie durchaus auf jede Zeit übertragen. Man weiß ja, dass Geschichte sich wiederholt. Nicht, dass wir jetzt nach einem Großkönig schreien, aber wenn man weder vor noch zurück weiß, wünscht man sich zumindest jemanden, der alles wieder gut macht. Deswegen schläft König Artus laut der Sage bis heute auf der Insel Avalon und wartet, bis sein Volk ihn wieder braucht.

Sind Sie schon mal nach England gereist, um sich ein Bild von den Schauplätzen der Artus-Sage zu machen?
Das wäre ein bisschen übertrieben, ich lese eher. Man weiß ja nicht sicher, ob Artus eine einzige Person war. In der Abtei von Glastonbury Abbey deklarierten Mönche das Artus-Grab für sich. Das ist genauso Blödsinn wie die Behauptung, er liege auf einer Insel, die man nur erreicht, wenn man ganz fest daran glaubt.

Was ist an der Sage überhaupt historisch belegt?
Belegt ist, dass die Angelsachsen rüber gekommen sind, um zu morden und zu plündern. Belegt ist, dass die Römer sich aus England wieder zurückgezogen haben und es schutzlos den Engländern überlassen haben. Irgendwann, als sie sich mal nicht gegenseitig die Köpfe eingeschlagen haben, wurden sie von den Normannen überrannt. Es gibt nur Eckdaten, alles dazwischen ist Fantasie.

Wer ist für Sie ein Artus unserer Zeit – jemand, der nach einer gerechteren, besseren Welt strebt?
Den gibt es hundertprozentig, aber er liegt noch auf der Insel Avalon. Er muss erst noch geweckt werden.

Gilt das Ideal vom Ehrenmann, romantischen Liebhaber und unbesiegbaren Kämpfer auch für Sie persönlich?
Das sind romantisierte Ideale, die sich auf einen Menschen wahrhafter Natur nicht vereinen können. Darauf steht man vor allem in seiner Jugend. Aber wenn es einen guten König gäbe, wäre es unfassbar schön! Dann gäbe es keine Probleme. Aber es gibt leider keinen.

Woran liegt das?
Es liegt wahrscheinlich in der menschlichen Natur, dass man im Besitz von Macht andere Prioritäten setzt. Ich weiß nicht, ob ein Mensch zu viel Macht haben dürfte. Ich glaube, dafür sind wir gar nicht geschaffen.

Wie kam es zu dem Song „Die Oboe“?
In den Nachrichten sieht man nur Mord und Totschlag. Wie wäre es da schön, wenn es ein Instrument gäbe, das derart schön klingt, dass alle vergessen, gegeneinander zu kämpfen und allenthalben Frieden herrscht. Ist das nicht eine schöne Vorstellung?

Wird Kunst wichtiger in politisch turbulenten Zeiten?

Lindner: So gesehen ist Kunst immer wichtig. Wenn es mal nichts zu Motzen gibt, macht sie darauf aufmerksam, dass es gerade langweilig ist. Seit der Mensch auf zwei Beinen steht, haut er mit einem Stock irgendwo drauf oder pustet irgendwo rein. Die Kommunikationsform Musik ist älter als die Sprache. Sie ist dazu da, auch zwischen den Zeilen Botschaften zu senden.

Hören Sie auch privat mittelalterliche Musik?
Nein, das muss ich auch nicht. Wir machen Rock- und Folkmusik mit Instrumenten, die auch damals schon so oder ähnlich erklangen. Aber wir übernehmen nichts Authentisches aus dem Mittelalter, das würde uns zu sehr einschränken. Wir haben nun mal eine E-Gitarre, einen knackigen Knorzbass und ein Schlagzeug. Solche Instrumente hatte man im Mittelalter nicht.

Was wollen Sie mit Ihrer Musik erreichen?
Wir entführen die Hörer in andere Zeiten und Fantasiewelten. Wir geben ihnen für die Dauer einer CD oder eines Konzertes eine Auszeit vom Alltag. Unsere Geschichten sind wie Märchen.

Früher war der Hofnarr der einzige, der die Wahrheit sagen durfte. Hätten Sie im Mittelalter gelebt, wären Sie dann Ritter oder Hofnarr gewesen?
Vielleicht Tischler. So wie mein Rücken mir zu schaffen macht, wäre ich nicht der ideale Kämpfer. Und als Hofnarr hätte ich mir wahrscheinlich eine Spitze Zunge gegenüber der Obrigkeit erlauben können.

Sind Rückenschmerzen ein typisches Musikerleiden?
Das weiß ich nicht. Ich glaube eher, es ist ein Leiden von großen Menschen. Ich mache viel Gymnastik, aber ich bin kein Fan von Muckibuden.

Sind Sie süchtig nach dem Bühnen-Rausch?
Nein, das Bühnendasein gehört für mich dazu. Aber darüber gibt es in unserer Kapelle sechs unterschiedliche Meinungen. Rauschhaft ist für mich eher das Schreiben.

Welches ist Ihre Kreativdroge?
Zigaretten und Kaffee sind wichtig. Bevor mein Sprössling da war, habe ich oft nachts geschrieben. Wenn ein Kind neben dir sitzt, kommt die Muse nicht ins Zimmer. Das ist bei mir zumindest so.

Schreiben Sie bei Tageslicht anders als bei Dunkelheit?
Nein, außer dass ich früher abends gern mal zu einem oder zwei Bierchen gegriffen habe. Tags drauf musste ich oft feststellen, dass das, was ich am Vorabend noch so genial fand, eigentlich scheiße ist. Der Kopf sollte klar sein, wenn man Songs schreibt.

Leben Sie gesünder, seit Sie Vater sind?
Naja, ich sprach gerade von Kaffee und Kippen.

Warum verhalten sich viele Künstler so selbstzerstörerisch?
Ich kann nur für mich selber antworten. Man macht sich in dem Moment keine Gedanken über die Folgen seines Tuns. Wenn ich am Klavier sitze und etwas ausprobiere, merke ich gar nicht, dass ich eine Kippe im Mund habe und eine zweite derweil im Aschenbecher liegt und vor sich hin qualmt. Und am Ende des Tages wundere ich mich, dass die Schachtel leer ist, wobei ich die Hälfte davon in fünf verschiedenen Aschenbechern habe verglimmen lassen. Und dann flucht man und sagt sich: „Das muss morgen aber anders werden!“ Doch am nächsten Tag ist man wieder im Schreibrausch und macht es genauso.

Schandmaul auf Tour

Die Mittelalter- und Folk-Rock-Band geht auf „Artus Tour 2019“ und tritt am 29. November um 20 Uhr im Löwensaal in Nürnberg auf.  Karten dafür gibt es bei uns.

   

Autor

Das Gespräch führte Olaf Neumann
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
28. 10. 2019
06:00 Uhr

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Das Gespräch führte Olaf Neumann

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Veröffentlicht am:
28. 10. 2019
06:00 Uhr



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