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Von Sinn bis Unsinn beim Frühjahrsputz

Die Tradition des Frühjahrsputzes ist aktuell wie nie. Mal ordentlich die Wohnung zu reinigen, macht angesichts der Corona-Krise viel Sinn. In Putzwahn muss aber niemand verfallen.



Frühjahrsputz in der Corona-Krise
Die Tradition des Frühjahrsputzes hat auch heute noch ihren Sinn - besonders angesichts der Corona-Krise.   Foto: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa

Im Moment verbringen wir gezwungenermaßen viel Zeit zuhause - und plötzlich fällt manchem auf, wie schmutzig alles ist. In den Ecken hängen Spinnenweben, Türen und Fenster sind von schmierigen Fingerabdrücken übersät, unter den Betten sammeln sich die Staubmäuse und in der Sofaritze Chipsreste.

Es ist höchste Zeit für einen gründlichen Frühjahrsputz: Möglichst schön und heimelig wollen wir es jetzt in unserer Umgebung haben. Und auch die Gesundheit profitiert davon. Doch wieso pflegen wir eigentlich den Brauch des Frühjahrsputzes? Eine Spurensuche:

- Sinn: «Ein sauberes Heim ist immer wichtig, für Allergiker und abwehrgeschwächte Personen sowieso, aber auch für Gesunde», sagt Heinz-Jörn Moriske vom Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau. An den Staub können sich seinen Angaben nach Giftstoffe und Mikroorganismen wie Pilze und Bakterien heften. Wegen der Corona-Pandemie sei es zurzeit besonders wichtig, Türgriffe und häufig angefasste Oberflächen regelmäßig abzuwischen und täglich zu lüften . «Es ist ein Irrglaube zu meinen, dass man beim Lüften etwa Viren von außen in die Wohnung trüge, im Gegenteil, das Lüften hilft, eventuell beim Niesen freigewordene Viren gleich nach draußen abzutransportieren, bevor sich andere im Haushalt anstecken», betont der Umwelthygieniker.

- Stress: Im normalen Alltag kommen wir nicht so oft zum Putzen wie eigentlich nötig - und schämen uns dann, wenn Besuch kommt, für die Staubschicht auf dem Bücherregal und die vielen Krümel unter dem Esstisch. «Der Druck von außen ist vielfach da», sagt Brigitte Weniger vom Bundesverband hauswirtschaftlicher Berufe in Bad Schmiedeberg in Sachsen-Anhalt. Was sollen die Nachbarn sagen, was die Schwiegermutter? In letzter Zeit hört man von Verwandten immer wieder, wie praktisch ein Staubsaugerroboter ist. Ein Wink mit dem Zaunpfahl?

- Hilfsmittel: 4 Prozent der deutschen Haushalte ließen im vergangenen Jahr bereits ihre Böden von intelligenten Robotern saugen, wie eine repräsentative Umfrage des Digitalverbands Bitkom ergab. Im Jahr zuvor waren es noch 2 Prozent. Und auch die Ausgaben für Putz- und Reinigungsmittel stiegen im vergangenen Jahr nach Angaben des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK leicht auf im Schnitt rund 34,18 Euro. Wie im Vorjahr waren die größten Umsätze in den ersten drei Monaten zu verzeichnen. Ob ein Zusammenhang mit dem Frühjahrsputz besteht, können die Experten allerdings nicht sagen.

- Brauch: Das große Reinemachen nach dem Winter hat nach Angaben der Autorin Linda Thomas eine lange Tradition in vielen Kulturen. Bei den Juden und den Christen sei dies vor dem Osterfest ein Symbol des Neuanfangs. «Die Chinesen pflegen aber auch seit Jahrtausenden ihre Häuser im Frühling gründlich zu putzen, um es von den Dämonen, die im Staub leben, zu befreien», sagt Thomas, die mehrere Bücher übers Putzen geschrieben hat. Auch heute verspürten noch viele in den ersten sonnigen Tagen den Impuls, sich von Spinnweben, Staub und Schmutz zu befreien. «Entrümpeln, Aufräumen und Putzen sind altbewährte Mittel, um auch innerlich wieder ins Lot zu kommen.»

- Geschlechterverteilung: Über die Monate häuft sich eine Menge Hausarbeit an, vor allem in Familien mit kleinen Kindern. Da kann Putzen zum puren Stress werden: Kaum sind die Böden gesaugt und gewischt, tragen die Kleinen wieder Sandberge vom Spielplatz rein. «Frühjahrsputz kann eine psychische Belastung sein», weiß Weniger. Für die Frauen. Denn der Frühjahrsputz - wie der Haushalt insgesamt - bleibt nach ihrer Erfahrung meist an den Frauen hängen, obwohl viele von ihnen ebenso arbeiten wie der Mann. «Da herrscht immer noch das traditionelle Rollenbild», sagt sie.

Die Psychologin Cornelia van den Hout betreut in ihrer Praxis im hessischen Bad Nauheim viele junge Frauen, die von ihrem Alltag überlastet sind. «Die Frauen stehen heute viel mehr unter Druck. Sie wollen perfekt sein, das wird aber auch von ihnen erwartet», sagt sie. «Sie stellen ihre Bedürfnisse hinten an, sie funktionieren nur noch.» Die Psychologin hilft ihnen vor allem dabei, aus dem Hamsterrad von Arbeit, Haushalt und Kinderbetreuung auszubrechen und Prioritäten zu setzen. Sprich: den Wischmopp in der Ecke stehen zu lassen und dafür lieber die Zeit für sich zu nutzen.

- Lieber selbst: Nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln im Auftrag der Minijob-Zentrale aus dem vergangenen Herbst steht gerade die Generation X, also die der zwischen 1965 und 1980 Geborenen, unter Druck. 11,5 Stunden verbringen diese täglich mit Arbeit, Haushalt und Kindern. Obwohl sie dadurch kaum Freizeit haben, beschäftigen der Untersuchung zufolge nur 7 Prozent eine Haushaltshilfe . Die Dunkelziffer in dem Bereich ist allerdings hoch. Rund 300.000 Haushaltshilfen seien derzeit bei der Minijob-Zentrale gemeldet, sagt Wolfgang Buschfort von der Deutschen Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See, zu der die Minijob-Zentrale gehört. Dazu kämen etwa 500.000 gewerblich Angemeldete. «Schätzungsweise 80 bis 90 Prozent arbeiten schwarz», sagt er.

- Unsinn: Wegen der Corona-Pandemie muss niemand aus hygienischen Gründen in Putzwahn verfallen. «Die ganze Wohnung regelmäßig und flächendecken mit Desinfektionsmitteln zu reinigen, ist auch bei der aktuellen Corona-Diskussion nicht erforderlich, ja sogar schädlich für Mensch und Umwelt», warnt Umweltbundesamt-Experte Moriske.

Veröffentlicht am:
06. 04. 2020
13:48 Uhr

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Autor

dpa

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06. 04. 2020
13:48 Uhr



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