Topthemen: Hof-GalerieWaldschratDie Bilder vom WochenendeFall Peggy KnoblochSelber Wölfe

Kunst und Kultur

Absteige mit Niveau

Zwei Kabarettisten verwandeln den Bad Stebener Kurhaussaal in ein Hotel. Mal kalauernd, mal philosophisch geizen sie nicht mit Kritik an Politik und Gesellschaft.



Unfug im Verzug: Meigl Hoffmann und Bernard Paschke vom Kabarett "Leipziger Pfeffermühle" wetteifern im Großen Kurhaussaal Bad Steben als Hotelangestellte um die Aufmerksamkeit ihrer Gäste.	Foto: Köhler
Unfug im Verzug: Meigl Hoffmann und Bernard Paschke vom Kabarett "Leipziger Pfeffermühle" wetteifern im Großen Kurhaussaal Bad Steben als Hotelangestellte um die Aufmerksamkeit ihrer Gäste. Foto: Köhler  

Bad Steben - Wer mag in einem Hotel wohl der Wichtigere sein, Portier oder Liftboy? Beide Berufe haben im Stück "Der führerlose Aufzug" überzeugende Argumente: der Portier als "Vorposten des Hauses", betraut mit der sensiblen Aufgabe, "Gäste von Ungebetenen zu unterscheiden" - und der Fahrstuhlführer als Herr über "das Herzstück des ganzen Hotels", der einen bedeutenden Beitrag zum Weltfrieden leisten könnte, wenn nur mal zwei Herren namens Trump und Kim bei ihm steckenbleiben würden.

Den zweiten Weihnachtsfeiertagsabend lang hatten Meigl Hoffmann und Bernard Paschke vom Kabarett "Leipziger Pfeffermühle" den Großen Kurhaussaal in Bad Steben zum Hotel erklärt und sich selbst zu "Kofferträgern des feinen Humors". Dabei ging es natürlich auch um Politik und genau zweimal um eine gewisse Frau Merkel: "Ich werde oft gefragt, ob ich auch ihr die Tür aufhalten würde", ereiferte sich Hoffmann alias Portier La-Kai. "Natürlich! Aber hinter ihr würde ich zusperren."

"Politiker und andere Schauspieler" waren dann aber eher die Minderheiten im "führerlosen Aufzug" des Kabarett-Hotels. So mancher Jux erhob sich zum geistreichen Wortspiel und schließlich zum philosophischen Exkurs. Kam Meigl Hoffmann als betrunkener Hotelgast anfangs noch kalauernd dahergestolpert, geriet sein Lallen bald zum Sinnieren: "Früher war man, was man tat, heute ist man, was man hat. Das Anwesen bestimmt über die Höhe des Ansehens, auch wenn man durch Unvermögen zu seinem Vermögen gekommen ist."

Wie man mit dem Wechselspiel zwischen Ulk und Hintersinn, Schäkerei und Provokation das Publikum einfängt, das hat Meigl Hoffmann bei Tausenden von Auftritten verinnerlicht. Seit 1987 agiert er als Darsteller und Sänger, von Anfang an auch als Schreiber. Als Mitglieder der rund 20-köpfigen Stammbesetzung der Pfeffermühle gehören er und Bernard Paschke zu den drei Ensembles, die mit unterschiedlichen Programmen auf Tournee sind - aber regelmäßig auch bei den sogenannten Jubiläumsabenden "60+4" im heimatlichen Leipzig auf der Bühne stehen.

"60+4" steht für die 64 Jahre seit Gründung der Leipziger Pfeffermühle im März 1954. Sowohl der erfahrene Hoffmann als auch Paschke als jüngster "Pfeffermüller" sehen sich weniger in der Verantwortung einer ganzen Generation von Kabarettisten vor ihnen, sondern betrachten es als ihre Pflicht, neue Aspekte einzubringen. Früher seien die Leute aus der Vorstellung geflüchtet, wenn man zu sehr auf Kirche und Politik herumgehackt habe - heute dürfe man sich im Ton vergreifen, müsse vor allem aber darauf achten, dass sein Publikum gut zu unterhalten.

Und so balancieren die Kabarettisten durch die von ihnen geschaffene Welt einer "Absteige mit Niveau" zwischen Kunst und Krawall. Und das in den unterschiedlichsten Rollen und zu den verschiedensten Themen. Als Stubenmädchen "Antje aus Holland" wettert Paschke gegen zu hohen Zuckerkonsum und rät: "Trinken Sie Ihren Kaffee doch mal, wie Sie Ihre Putzfrau beschäftigen: schwarz." Und Hoffmann überbringt als Taktgeber auf der Sklavengaleere eine gute und eine schlechte Nachricht: "Zu Mittag gibt es heute doppelte Ration. Aber danach will der Kapitän Wasserski fahren."

Auch spart das Duo nicht mit Kritik an Kapitalismus und blindem Konsum, erntet Lacher, Beifall, aber manchmal auch nur Ratlosigkeit. So als es beim stets wiederkehrenden Thema Essen um Truthahnbrust in Aspik geht: Das sei die Angela Merkel der Fleischindustrie - farblos, aber undurchsichtig. Dieser zweite und letzte Gag des Abends über die Kanzlerin verursacht ein einzelnes, gekünsteltes Frauenlachen inmitten von 100 schweigenden Gästen. Da fällt Jungkabarettist Paschke, Jahrgang 2000, verblüfft aus seiner Rolle und verarbeitet die Reaktion: ganz auf Tuchfühlung mit dem Publikum. Ein schlitzohrig-witziger Moment im ansonsten makellos durchgepeitschten Programm zweier Vollprofis.

Trinken Sie Ihren Kaffee doch mal, wie Sie Ihre Putzfrau

beschäftigen: schwarz.


zitat

Stubenmädchen "Antje aus Holland"


Autor

Manfred Köhler
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
27. 12. 2018
18:52 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Bundeskanzlerin Angela Merkel Fleischbranche Gesellschaften Hotelgäste Kabarettistinnen und Kabarettisten Kritik Pfeffermühlen Philosophie
Bad Steben
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Kabarettist Michael Altinger (rechts) mit seiner grandiosen "Ein-Mann-Band" Martin Julius Faber.	Foto: Hüttner

10.03.2019

Von Getriebenen und Betrügern

Kabarettist Michael Altinger nimmt in Bad Steben die Ängste und Krankheiten unserer Zeit aufs Korn - und dabei kein Blatt vor den Mund. » mehr

In "Geh zu, bleib da!" schlüpft Kabarettist Wolfgang Krebs in verschiedene Rollen. Am 19. Januar kommt er nach Hof. Quelle: Agentur Streckenbach

23.12.2018

„Franken ist spitze!“

Landflucht ist das Hauptthema im neuen Programm von Wolfgang Krebs. Am 19. Januar kommt der Kabarettist in die Hofer Freiheitshalle. » mehr

"Ein Glücksfall für Bad Steben und die Kunst": Stefanie Barbara Schreiner, die kürzlich 70 Jahre alt gewordene Mitinitiatorin des Museums, vor der Abbildung eines von Christo 1963 verpackten VW-Käfers, englisch "Beetle". Foto: asz

30.07.2017

Zwischen Zwang und Freiheit

Das Grafikmuseum in Bad Steben würdigt das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude. So teuer war hier keine Ausstellung zuvor. » mehr

Bernd Gruber in seinem Bad Stebener Haus mit einem Bild, das Kevin Coyne für ihn malte. Es zeigt den Manager und zwei Frauen, die eine Rolle in seinem Leben spielten. Foto: asz

15.02.2019

Musik als Antidepressivum

Bernd Gruber war Manager des Rocksängers und Malers Kevin Coyne und als Produzent eine feste Größe im deutschen Musikbusiness. Heute lebt er in Bad Steben. » mehr

Wolfgang Krebs in seiner Paraderolle, Edmund Stoiber, in der er bei der "Watschenbaum Gala" durchs Progamm führte. Foto: Richter

27.04.2018

Politiker-Stelldichein in der Bürgergesellschaft

Der Kabarettist Wolfgang Krebs watscht in Hof die Promis ab. Seine Opfer: Stoiber, Söder, Seehofer, Merkel und - Trump. » mehr

Stefanie Barbara Schreiner vor zwei Farblithografien aus dem "Astrologie"-Zyklus von Georgi Trifonov. Foto: asz

21.01.2019

Vom Paradies zur Sintflut

Rund 80 Lithografien und Radierungen aus Bulgarien präsentiert seit Sonntag das Grafikmuseum. Die Arbeiten stammen aus einer Schenkung. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Demo gegen Artikel 13 in Hof

Demo gegen Artikel 13 in Hof | 23.03.2019 Hof
» 11 Bilder ansehen

Susi in Love - Die Flirtparty

Susi in Love - Die Flirtparty | 23.03.2019 Weißenstadt
» 31 Bilder ansehen

Testspiel: SpVgg Bayern Hof - 1. FC Nürnberg (U19-Bundesliga

Testspiel: SpVgg Bayern Hof - 1. FC Nürnberg (U19-Bundesliga) | 24.03.2019 Hof
» 84 Bilder ansehen

Autor

Manfred Köhler

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
27. 12. 2018
18:52 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".