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Kunst und Kultur

Das Alte neu gedacht

In diesem Jahr erklimmen Wiederveröffentlichungen einen neuen Gipfel. Doch ist dies nicht allein der gigantischen Menge vieler nochmals aufgelegter Langspielplatten geschuldet.



Logisch, die imposante Welle von Wiederveröffentlichungen, Reissues, auf dem guten alten Vinyl belebt den Markt. Schließlich werden mittlerweile wirtschaftlich relevante Margen erreicht, um den offenbar immer größer werdenden Hunger von Schallplatten-wieder-Liebhabern befriedigen zu können. Sogar ausschließlich darauf haben sich nunmehr Labels spezialisiert: So "Music on Vinyl", eine Plattenfirma, die sich labelübergreifend nur mit Reissues der großen schwarzen Scheiben befasst. Doch auch nochmals aufgelegte und erweiterte Compact-Disks - und dabei vor allem CD-Boxsets - feiern fröhliche Wiederauferstehung, während der Verkauf von CD-Neuveröffentlichungen zurückgeht, da alle Welt nur noch streamt ...

Über Sinn und Unsinn einiger Veröffentlichungen - gerade auf Vinyl - ließe sich trefflich streiten: Ins Angebot aufgenommen werden so manches Mal lieblos hergestellte, oft fehlerhafte Platten aus hoffnungslos überlasteten Presswerken. Einige davon sind nicht einmal von den originalen Masterbändern gezogen worden, sondern von CD oder, schlimmer, von einer noch "makellos" vorhandenen Original-LP. Doch kommen durchaus Aufnahmen heraus, die in einwandfreier Qualität, liebevoll verpackt und mit hohem Zusatznutzen auf den Markt gebracht werden.

Mehrwert in gleich mehrfacher Hinsicht: Zum einen können die Alben neu abgemischt worden sein, um sie klanglich zu verbessern. Zum andern kann, gerade bei den Boxsets, Gebrauchswertzuwachs durch die Dreingabe von Büchern, Postkarten, Postern, Stickern etc. generiert werden. Und nicht zuletzt spielen in Sachen Zusatznutzen sogenannte Outtakes eine Rolle. Diese, in der ersten Veröffentlichung nicht verwendeten Stücke können Songs sein, die man damals für nicht gut genug befand. Sie können aber auch bislang nur auf Singles erschienene Tracks sein und nicht zuletzt Demos oder Liveaufnahmen. Und manches davon lagerte bis heute zu Unrecht in den Archiven der Plattenfirmen, wie sich immer wieder herausstellt. So auch die in diesem November erstmals das Licht der Öffentlichkeit erblickt habenden "Esher-Demos" der Beatles.

The Beatles

"The Beatles (White Album)"

(Apple Corps/Universal Music)

Während der letzten Maiwoche des Jahres 1968 - sie kamen soeben von einem längeren Indien-Aufenthalt zurück - fanden sich die Beatles in Georges Harrisons Anwesen im Örtchen Esher im englischen Surrey zusammen und nahmen die Akustik-Demos von 27 Songs auf. Gleich anschließend ging’s in die erlauchten Abbey-Road-Studios, um mit ebendiesen Demos eines der berühmtesten Doppelalben aller Zeiten einzuspielen - sowohl reich an Umfang als auch an den darauf zu findenden Genres und Ideen: "The Beatles", das ob seinem nur mit einem Prägedruck und einer Nummer versehenen faktisch weißen Cover schon kurz darauf nur das "White Album" genannt wurde. Der Rest ist bekanntlich (Musik-)Geschichte ... Für diesen Markstein, der nun in diversen Formaten und Größen wiederveröffentlicht worden ist, sind die "Esher Demos" von den original Vier-Spur-Bändern gezogen worden. 21 aller 27 auf der Reissue zu hörenden Songs nahmen die Beatles in den sich direkt anschließenden Studiosessions auf. Und 19 davon schafften es schlussendlich auf das "White Album". Die Drei-CD-Deluxe-Edition besitzt diese Demos komplett - und zudem einen neuen Stereo-Mix des Haupt-Albums, abgemischt übrigens vom Sohn des Beatles-Produzenten George Martin, Giles Martin. Mit "Dear Prudence", "While My Guitar Gently Weeps" oder auch "Happiness Is A Warm Gun" und "Good Night" besitzt das Weiße Album neben hinlänglich bekannten Hits wie "Back in the U.S.S.R." oder "Ob-La-Di, Ob-La-Da" einige der bedeutendsten "unbekannten" Beatles-Stücke, die auch heute noch zeitlos klingen. Der Stereo-Sound des remasterten Albums in der Drei-CD-Deluxe-Edition ist schlicht eine Offenbarung.

Metallica

"... And Justice For All"

(Blackened Records)

Vor 30 Jahren erschien mit ...And Justice For All" das den Verfall der Gesellschaft thematisierende vierte Studioalbum der Thrash-Metal-Überflieger Metallica. Mit diesem Werk sollte die Band aus der Bay Area den musikalischen Untergrund endgültig verlassen und ihren weltweiten Durchbruch antreten. Anlass genug, um die Neuauflage des Longplayers als Remastered-Edition auf Metallicas eigenem Label Blackened Recordings zu begehen. Auch wenn der Fokus der Wiederveröffentlichung laut diversen Mitteilungen auf dem Klang liegt: Der Sound des neu abgemischten Albums ist dennoch knochentrocken, der Bass wieder kaum zu hören. Und doch kann das den Tracks dieses komplexen und ambitionierten Werkes nicht wirklich schaden. Der Mehrwert dieser in diversen Konfigurationen herauskommenden Neuauflage liegt natürlich nicht in den leichten klanglichen Verbesserungen. Die wohl preiswerteste Variante, die Drei-CD-Deluxe-Edition bietet neben dem regulären Album noch neun Tracks im Demo-Stadium und zwölf bislang nicht zu hörende Stücke von diversen Live-Mitschnitten zur damaligen Tour.

A Certain Ratio

"Acr:Mcr"/"I’d like to see you again"/"Good Together" / "Up In Downsville" / "Acr : Set"

(Mute Records)

Einmal mehr ... Vorhang auf für eine Band der Pop-Historie, die nie zum ihr gebührenden Ansehen gekommen ist: A Certain Ratio, 1977 gegründet und aus dem Umland von Manchester stammend, sind so etwas wie die Funk- und Dance-Variante von Joy Division. Die Gruppe wurde offiziell dem Postpunk zugerechnet, war aber wohl den Punk-Fans zu wenig und den Disco-Fans zu viel Punk. Der große Durchbruch blieb aus. Heute, mit einigem Abstand auf das Gesamtwerk der Engländer blickend, muss man konstatieren: der Promo-Zettel hat recht. A Certain Ratios Einfluss auf Künstler wie Talking Heads, LCD Soundsystem oder auch Franz Ferdinand ist kaum zu überschätzen. Anlass genug für die Macher des Mute-Labels (Nick Cave, Depeche Mode u. a.) die Werke Album für Album neu aufzulegen. Die Aktion läuft bereits seit einem reichlichen Jahr, in 2018 wurden unter anderem "Acr : Mcr", "I’d like to see you again", "Good Together" und "Up In Downsville" in Umlauf gebracht. Außerdem erschien jüngst die Best-of-Compilation "Acr : Set" mit den neuen Stücken "Dirty Boy" und "Make It Happen". Doch das ist noch nicht alles: Im kommenden Jahr soll dann sogar noch ein Boxset veröffentlicht werden, das jede Menge an rarem und bislang unveröffentlichtem Material enthält.

Superpunk

"Mehr ist mehr"

(Tapete Records)

Das hat die Welt gebraucht - auch, falls sie es nicht unbedingt (zu schätzen) weiß: Superpunks "Mehr ist mehr" mit mehr als 100 Songs aus den Jahren 1996 bis zur Bandauflösung in 2012. Das Sieben-CD/LP-Boxset enthält alle Studioaufnahmen und Zusätzliches dieser genial dilettantischen Mod-Typen aus Hamburg: sarkastisch-augenzwinkernde deutsche Proleten-Lyrik auf Garagenrock-Basis mit starkem Northern-Soul-Einschlag und dominanter Farfisa-Orgel. Punk, der immer mal Vergleiche zu Die Kassierer provoziert. Punk, der polarisiert. Punk, der eigentlich keiner ist, aber verdammt viel Spaß macht - Mod sei Dank.

Neil Young

"Roxy: Tonight‘s The Night Live"

(Reprise/Warner)

Okay, das hier ist nur sehr bedingt eine Reissue: Die erstmalige Veröffentlichung eines Großteils jener Songs, die später Neil Youngs bahnbrechendes Album "Tonight’s The Night" ausmachen sollten, das im Jahr 1975 erschien. Neil Young & The Santa Monica Flyers (mehr oder weniger seine Begleitband Crazy Horse in der Besetzung mit Nils Lofgren) weihten mit Konzerten vom 20. bis 22. September 1973 die Bühne eines der berühmtesten Rock-Clubs der Welt ein: The Roxy, auf dem wilden Sunset Strip in Los Angeles gelegen, der wohl berüchtigtsten Clubmeile überhaupt (Whisky A Go-Go, Rainbow Bar & Grill, Viper Room ...). Die rauchgeschwängerte Live-Atmosphäre der Aufnahmen kann man förmlich greifen. Die Mastertapes dieser Gigs wurden aufwendig remastered und geben, sozusagen, einen nachträglichen Vorgeschmack auf "Tonight’s The Night", ein Album, auf dem Youngs Plattenfirma übrigens wegen seiner düsteren Atmosphäre sitzen blieb. Trotzdem wurde das Werk vom Rolling Stone zu einem der "500 Greatest Albums Of All Time" geadelt.

Charles Bradley

"Black Velvet"

(Daptone Imprint Dunham Rec.)

Ein Zwitter aus "neuem" Album und "Wiederveröffentlichung" ist auch dieses Werk von einem der unterschätztesten Soul-Virtuosen unseres Planeten: Dem leider 2017 verstorbenen, stimmgewaltigen Spätzünder Charles Bradley. Posthum erschien jetzt sein erst viertes und letztes Album. "Black Velvet" besitzt zehn Studioaufnahmen, die noch nie zuvor auf einem Album zu finden waren; es ist eigentlich eine Compilation: Weil es Session-Songs enthält, die zu jedem seiner bisherigen Alben aufgenommen wurden. In ihrer Ursprünglichkeit vermitteln diese Stücke die Größe dieses Soul-Wunders: seine Wut, seine Verletzlichkeit und nicht zuletzt seine Würde.

Autor

Thoralf Lange
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
22. 12. 2018
00:00 Uhr

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Thoralf Lange

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22. 12. 2018
00:00 Uhr



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