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Kunst und Kultur

Die absurden Seiten des Alltags

Martina Schwarzmann gastiert mit ihrem Programm "Gscheid gfreid" im Rosenthal-Theater. Locker vom Hocker erzählt sie wunderbar schräge Geschichten.



Vom Hocker herab lenkt Martina Schwarzmann ihren Blick auf die Fährnisse des Alltags. Sie entdeckt dabei allerhand Skurriles.	Foto: Matthias Kuhn
Vom Hocker herab lenkt Martina Schwarzmann ihren Blick auf die Fährnisse des Alltags. Sie entdeckt dabei allerhand Skurriles. Foto: Matthias Kuhn  

Selb - Ein Tisch, ein Hocker und ein Mikrofon. Mehr braucht es nicht. Martina Schwarzmann kommt auf die Bühne des Rosenthal-Theaters in Selb und gibt gleich einmal einen Einblick in ihre Familienverhältnisse. "Glück g'hobt, alle nackert". Nein, nicht im Zuschauersaal, sondern, als Martina Schwarzmann mit ihrer Tochter im Schwimmbad ist.

Daraufhin singt sie von den wahren Glücksmomenten im Leben. Dann kommen auch noch ihre persönlichen Verhältnisse, der Bewegungsdrang ihrer Kinder und ihr Verhältnis zu den anderen Müttern zur Sprache. "Multitasking is a rechter Scheißdreck", heißt es da. Gebügelte Unterhosen bleiben ihr bis heute ein Rätsel. Sie hätte auch gar nicht die Zeit für solche Tätigkeiten.

Ein Journalist hat sie gefragt, was sie für Träume habe. Als sie erzählt, dass sie sich nackt beim Einkaufen sieht, kann der das Lachen kaum halten und sagt, dass er über ihre beruflichen Pläne etwas wissen wollte. Früher hat sie davon geträumt, als Kabarettistin drei Auftritte im Monat zu haben. Wenn sie dann noch Zeitungen austrüge, dann würde es schon reichen. Und jetzt sitzt sie in Selb, und die Ränge sind komplett gefüllt. Dafür bedankt sie sich nochmal und bringt ihre neuen Träume dann zum Vortrag.

Bastelarbeiten mit den Kindern sind auch ein Thema. Dabei lehrt sie ihre Kinder, "dass ma aus jedem Scheiß noch was machen kann", und sei es, dass man aus dem im Wald gefundenen Hundswürstl, den Streichhölzern und dem leeren Schneckenhaus eine neue Spezies erfindet.

Die Gitarre auf den Knien und die Beine fröhlich baumeln lassend, schildert Martina Schwarzmann die Entstehung ihrer Nummern, bevor sie wieder ein Lied zum Besten gibt. Da sitzt sie auf dem Marktplatz, "wart auf a lila Auto" und berichtet, was ihr dabei alles an philosophischen Gedanken durch den Kopf geht.

Vor der Pause gibt es noch ein Gedicht und den Hinweis auf den Pausenverkauf. CDs, DVDs und Merchandising. Aber keine T-Shirts. Stattdessen G'schirrtücher, damit kann auch Porzellan geputzt werden, bevor es verkauft wird. Oder das Porzellan wird getauscht. Sie dürfe kein Porzellan mehr kaufen, aber von Tauschen hat ihr Mann nix gesagt. Und die G'schirrtücher eignen sich auch hervorragend, um den Abwasch abzudecken, steht doch "Mia glangt, dass i woaß, dass i kant, wann i woin dat" darauf.

Das Gedicht zum Ende des ersten Teils des Abends ist recht kurz, entstanden auf der Heimfahrt. Um die Idee festzuhalten, hat Martina Schwarzmann am Straßenrand gehalten. Dort hat sie es aufgeschrieben, und dann kam eine Polizeikontrolle.

Und seit dem Vorkommnis mit dem Kaugummiautomaten als Vierjährige hat sie ein gespanntes Verhältnis zu den Uniformierten. Damals wusste sie noch nicht, dass sie wegen Strafunmündigkeit für den aufgebrannten Automaten gar nicht belangt werden könne. Die Kontrolle galt gar nicht ihr, aber die Angst war da.

"Mit Gott um die Welt" heißt das Gedicht und zeigt, was passieren würde, wenn das "dein Wille geschehe" durch sie bestimmt werden würde. Da sehen sie die Mitarbeiter des Stromanbieters, die für ihre falschen Abrechnungen mit einem "Fick dich ins Knie" bedacht worden sind, und die Beerdigung betrifft den Chef von Monsanto, den hat "der Blitz beim Scheißen derschlogn", wie gewünscht. Soweit nur die ersten zwei Kilometer, das Gedicht wartet noch heute auf die Fertigstellung.

Kinder ohne Hennen sind für Martina Schwarzmann nicht denkbar. Wer soll den Brezenbatz oder die viele überflüssige Schokolade von den alten Tanten entsorgen? Da schmeckt das Frühstücksei dann auch schon mal nach Pfefferminz. After Eight ist nun mal nichts für Kinder.

Was da sonst noch in ihrem Kopf vorgeht, erzählt sie bei "Wenn's mir amal fad war." Dann führt sie in die Geheimnisse des Scharrens und Pickens der Hennen ein. Ein völlig durchschnittlicher Tag ohne Geschehen, und dann war es ganz still, und die Künstlerin erlebte den seltenen Moment eines Hühnerfurzes. Doch als der Puter kam, machte er den wunderbaren Moment kaputt.

Martina Schwarzmann wohnt jetzt zwanzig Kilometer von ihrem Geburtsort entfernt. Sogar in einem anderen Landkreis. Dort ist sie jetzt verheiratet, und hat damit auch die Grabpflege für die Schwiegerleit geerbt. Einen schönen Friedhof haben sie ja. In letzter Zeit ist sie immer wieder auf Grabinschriften gestoßen. Jetzt wartet sie auf ein Grab mit der Inschrift "I woar der Sepp, und do bin i begram."

"Heit dua i mol nix," heißt es dann, doch wie sie auch der Arbeit zu entfliehen versucht, immer ist die schon da. Mehr Toleranz fordert sie zwischen Dicken und Dünnen, sie hat das schon dreimal mitgemacht und kann also mitreden. Entscheidend ist doch, "was drin is im Hirn", und was Martina Schwarzmann an diesem Abend davon preisgibt, hat am Ende der Veranstaltung alle "g'scheid gfreid."

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Matthias Kuhn
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Veröffentlicht am:
28. 06. 2017
19:33 Uhr

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Matthias Kuhn

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Veröffentlicht am:
28. 06. 2017
19:33 Uhr



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