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Ein anspruchsvolles Programm präsentiert das Jugendsinfonieorchester in Naila. Hauptwerk ist eine streitbare Sinfonie von Schostakowitsch.



Horn-Solistin Sophia Reuter spielt ihr Instrument mit traumwandlerischer Sicherheit. Sie glänzt mit dem Solo-Part des Hornkonzerts Nr. 8 von Franz Strauss.	Foto: Frank Mertel
Horn-Solistin Sophia Reuter spielt ihr Instrument mit traumwandlerischer Sicherheit. Sie glänzt mit dem Solo-Part des Hornkonzerts Nr. 8 von Franz Strauss. Foto: Frank Mertel  

Naila - Die 85 jungen Musiker des Jugendsinfonieorchesters des Bezirks Oberfranken haben am Karsamstag in der Nailaer Frankenhalle bei über 400 Zuhörern Glücksmomente geweckt. In einer Probenwoche im Weißenstädter Schullandheim hat sich der großartige Klangkörper auf das Programm vorbereitet. Das war auch nötig: Die ausgewählte Musikliteratur erforderte höchste Konzentration des Ensembles, das unter der Leitung Till Fabian Wesers ein Höchstmaß an Spielfreude an den Tag legte. Das Publikum belohnte die jungen Tonkünstler für ihre großartigen Darbietungen selten gehörter klassischer Musik am Schluss mit tosendem Applaus.

20.04.2019 - Jugendsinfonieorchester in Naila - Foto: Frank Mertel

Jugendsinfonieorchester
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Bereits beim Einstieg in den Konzertabend war die Lust am Musizieren spürbar. Denn an erster Stelle des Programms stand eine klingende "Steppenskizze aus Mittelasien". Es handelt sich dabei um die einzige Programmmusik Alexander Borodins, komponiert anlässlich des 25. Jubiläums der Regierung Zar Alexanders II. Dieses "Bild für Orchester" schildert Begegnungen russischer und asiatischer Kultur mit tonmalerischen Mitteln. Das facettenreiche Werk blieb eine künstlerische Utopie angesichts der Kolonisierungen des damaligen Zarenreiches. Das Jugendorchester agierte unpathetisch, suchte die klare Linienführung und den strukturerhellenden Klang.

Wesers anspruchsvolles Programm setzte danach einen ersten Glanzpunkt: das Hornkonzert Nr. 8 von Franz Strauss, bei dem die 17-jährige Sophia Reuter den Solopart spielte, dessen schöne Klangfarben und romantisch angehauchte Musikalität sie in den Vordergrund stellte. Franz Strauss, Vater des berühmten Sohnes Richard, war ein sehr bekannter Horn-Virtuose im Königlich Bayerischen Hoforchester, Kammermusiker und später Professor an der Münchner Akademie. Der Fokus im straussschen Hornkonzert, dem Lieblingswerk der jungen Solistin, liegt weniger auf kompositorischer Komplexität, sondern hauptsächlich auf eingängiger Melodik. Reuter, zu Hause in Gundesheim bei Bamberg, besitzt schon jetzt eine nahezu perfekte Spieltechnik mit reichlich virtuosen Spielräumen, die sie in warmem, weichem Bläserklang beim Nailaer Konzertabend weidlich vernehmbar machte.

Nach der Pause erklang das komplexe Hauptwerk des Abends: die Sinfonie Nr. 12 von Dmitri Schostakowitsch mit dem Untertitel "Das Jahr 1917". Es handelt sich um ein imposantes, selten gehörtes Werk. Till Fabian Weser erachtete eine textliche Einführung durch zwei Orchestermitglieder als erforderlich. Für die Zuhörer sollte sich das als äußerst hilfreich erweisen. "Denn kaum ein anderer Komponist zeigte sich in der kulturhistorischen Interpretation seines Schaffens so janusköpfig wie Schostakowitsch", schreibt Carolin Wiede im Programmheft. "Denn Parteikonfrontation und Ideologiekritik stehen vermeintlich unvereinbar nebeneinander."

Anhand der 12. Sinfonie in der Interpretation des Jugendsinfonieorchesters zeigte sich das sehr gut. Die künstlerisch großartige Auseinandersetzung mit dem Sozialismus wurde zu einem beeindruckenden Hör-
erlebnis, das zum Nachdenken anregte. "Chaos statt Musik" warf die sowjetische Regierungszeitung "Prawda" Schostakowitsch damals vor. Der Komponist musste Diffamierung erdulden und nach eigener Aussage in ständiger Angst leben. Dennoch widmete er seine 12. Sinfonie dem "Andenken an Wladimir Iljtsch Lenin". Die beeindruckende Tonschöpfung, die das Jugendsinfonieorchester grandios in 50 Minuten in Szene setzte, verweist auf die Oktoberrevolution im Jahr 1917, in deren Folge die zaristische Autokratie in Russland beendet wurde. Das Werk hat vier patriotisch-plakative Sätze, die allerdings ohne Pause ineinander übergehen. Verherrlichung einer Revolution oder musikalische Darstellung rohen, kriegerischen Grauens?

Mit dieser Frage wurden die beeindruckten Zuhörer konfrontiert. Die kräftige Intonation und das akzentuierte Spiel der Musiker zog sie in den Bann. Intensive Gesten entwickelten sich klangvoll und nachdrücklich. Das Finale mit dem Satz "Morgenröte der Menschheit" wirft bei Trommel- und Paukenwirbel die Frage auf, ob sich hinter der Fassade eine gewisse Doppelbödigkeit verbirgt. Hier lässt das Ensemble aber kein falsches Pathos aufkommen: Qualvolle Dissonanzen erinnern an die rohe Gewalt am Ende der Oktoberrevolution. Ein Ende mit Schrecken und gewaltigen Klangaufschwüngen.

Der Nailaer Bürgermeister Frank Stumpf schien die Klasse des Konzerts schon bei der Begrüßung vorauszuahnen: "Freuen wir uns auf einen sicher großartigen Konzertabend", sagte er. Regierungspräsident Dr. Erwin Specht dankte der Stadt für ihre Gastfreundschaft.

Autor

Reinhold Singer
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
22. 04. 2019
17:30 Uhr

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22. 04. 2019
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