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Kunst und Kultur

Lieder vom letzten Gang des Lebens

In der Marlesreuther Kirche sind "Sterbelieder fürs Leben" zu hören. Gedichte aus verschiedenen Kulturen zeigen: Der Tod hat viele Gesichter. Er trägt auch Trost in sich.



Gänsehaut-Feeling in der Simon-und-Judas-Kirche: Marianne Sägebrecht, Andreas Arnold und Josef Brustmann (von links) erzählen von den vielen Facetten des Sterbens: bewegend, aber nicht hoffnungslos.	Foto: Michael Spindler
Gänsehaut-Feeling in der Simon-und-Judas-Kirche: Marianne Sägebrecht, Andreas Arnold und Josef Brustmann (von links) erzählen von den vielen Facetten des Sterbens: bewegend, aber nicht hoffnungslos. Foto: Michael Spindler  

19.04.2019 - Marianne Sägebrecht in Marlesreuth - Foto: Michael Spindler

Marianne Sägebrecht in Marlesreuth Marlesreuth
Marianne Sägebrecht in Marlesreuth Marlesreuth
Marianne Sägebrecht in Marlesreuth Marlesreuth
Marianne Sägebrecht in Marlesreuth Marlesreuth
Marianne Sägebrecht in Marlesreuth Marlesreuth
Marianne Sägebrecht in Marlesreuth Marlesreuth
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Marianne Sägebrecht in Marlesreuth Marlesreuth
Marianne Sägebrecht in Marlesreuth Marlesreuth
Marianne Sägebrecht in Marlesreuth Marlesreuth

Naila - Zu keiner anderen Jahreszeit sind Leben und Tod so eng miteinander verknüpft wie im Frühling, besonders zur Osterzeit, wo die christliche Opfertod-Mystik auf sprießende, blühende Natur trifft. Schon sind die Rasenmäher im Einsatz, überlebt nicht jeder Vogel, der aus dem Ei geschlüpft. Dichter hat dieses Werden und Vergehen in allen Kulturen stets fasziniert. Oft haben sie darüber ihre besten Zeilen geschrieben.

"Sterbelieder fürs Leben" hat Josef Brustmann, Kabarettist, Musiker und Lyriker, gesammelt und teilweise vertont. Er versteht sich darauf, ihre Intensität durch sein Klavier- und Zitherspiel noch zu steigern. Wo Worte vielleicht ungehört bleiben, dringt die Musik nachhaltig ein. Brustmann hat sich mit der Schauspielerin Marianne Sägebrecht und dem Saxofonisten Andreas Arnold zusammengetan. Gemeinsam präsentieren sie ein anrührendes, dichtes Programm. Sie wollen Menschen damit ermuntern, lustvoll und verantwortungsbewusst dem Tod entgegenzuleben und setzen sich ein für die Hospizarbeit. Mit ein Grund für das Forum Naila, das Trio einzuladen.

"Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen", zitiert Marianne Sägebrecht mit weicher, klangvoller Stimme aus einem alten Kirchenlied, während sie drei Kerzlein anzündet in der Marlesreuther Simon-und-Judas-Kirche, die an diesem Karfreitag-Nachmittag voll besetzt ist. Das schmucke, barock ausgestaltete Kirchlein steht schon seit mehreren Jahrhunderten hoch über dem Nailaer Land. Generationen Gläubiger gingen hier ein und aus.

Die Natur lebt ihren Kreislauf - und der Mensch, kehrt er nicht wieder? Diese Angst treibt viele um. Aber: Wer Angst hat vor dem Sterben, fängt nie zu leben an, gibt Sägebrecht zu bedenken. Sterben sei ein ernstes Thema. Wir sollten es nicht verdrängen. Sie, die schon als 13-Jährige einen Kaplan zu Sterbenden begleitet hat, hält nichts von den alten Geschichten um Hölle und Teufel. Viel mehr davon, Menschen, die den Tod vor Augen haben, die Hand zu halten, wenn sie es wünschen, mit ihnen zu singen, ihnen zuzuhören. "Wir werden mithilfe von Hebammen geboren", sagt sie. "Wir brauchen das Entsprechende für einen guten Übergang am Lebensende."

Der Autor und Kabarettist Hans-Dieter Hüsch schreibt: "Lasset den Himmel hoch oben und die Hölle in Ruh." Bertolt Brecht steht ganz im Diesseits: "Lasst Moder den Erlösten! Das Leben ist am größten. Es steht nicht mehr bereit." Und der Dichter Heinrich Heine bittet: "O Herr, gib jedem seinen eigenen Tod." Mit starken Worten beschreibt Werner Bergengruen den Einschnitt, den der Tod in pralles Leben setzt. Khalil Gibran tröstet: "Der Samen bleibt." Alter und Krankheit machen den Abschied oft leichter. Robert Gernhardt zieht Bilanz: "War einst viel Glück. Ist jetzt viel Not. Bist jetzt viel schwach. Wirst bald viel tot."

Manchen quält die Sorge um die Hinterbliebenen: "Ich werde fortgeh’n, Kind, und Du wirst leben ..." Philosophien vom Weiterleben nach dem Tod versuchen, Trost zu spenden. Joachim Ringelnatz etwa hegte die Hoffnung, der Geliebten in anderen Menschen zu begegnen. Lieb‘, Leid und Zeit und Ewigkeit - wie eng gehören die zusammen! Mascha Kaléko spricht vom Tod der Liebe, der beim ersten Mal unendlich schmerze, bis man nach dem dritten tod unsterblich sei.

In Zeiten, zu denen Menschen Krieg und große Not leiden müssen, ändert sich die Beziehung zu Leben und Tod. "Vadder, kumm, erzähl‘ ma vom Krieg", heißt es eindringlich in einem Lied. Und Friedrich Holländer lässt das Waisenkind Lieschen Hullebach froh und trotzig sagen: "Wenn ick mal tot bin, mach‘ ick, wat ich will."

Leben heiße, ein-, aus- und umzupacken, philosophiert Brustmann. Am Ende trete der Mensch dann selbst gut verpackt in einer Kiste seine letzte Reise an. Er trage zeitlebens schwer an seiner Last - nicht ohne Grund hätten einige Philosophen Besitz von sich gewiesen. Arnolds Saxofon, das ebenso wie die Klarinette an diesem Abend einfühlsam Stimmungen spiegelte, schnarrt jazzig.

Am Ende stimmt der Sänger noch das alte Volkslied von den zwei Königskindern an. Marianne Sägebrecht setzt den Schlusspunkt - nicht ohne ein Lachen. Gänsehaut-Feeling, das kennt auch sie, gerade, wenn es ihr um Herzensangelegenheiten geht. Der letzte Ton ist verklungen. Sie bläst die Lichter aus.

Autor

Lisbeth Kaupenjohann
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
22. 04. 2019
17:30 Uhr

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22. 04. 2019
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