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Kunst und Kultur

Mord und Totschlag

Bücher, aus denen das Blut tropft: Krimis in allen nur erdenklichen Varianten dürfen die Freunde des Genres in diesem Frühjahr erwarten – das Interesse an der Spannungsliteratur bleibt ungebrochen. Von Zeit zu Zeit ändern sich allerdings die Vorlieben der Leser.



Mord und Totschlag
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Es scheint so, als ob sich der Mensch an Mord erfreue, so lange er nicht selbst das Opfer ist - die Erkenntnis von Krimi-Altmeister Alfred Hitchcock (1899-1980) ist so aktuell wie eh und je. Das noch junge Jahr 2020 hält denn auch wieder eine kaum überschaubare Schwemme an Spannungsliteratur bereit. Allein im Printbereich werden es bis in den Frühsommer wieder Hunderte Neuerscheinungen und -auflagen von fiktiven oder wahren Kriminalfällen oder einer Mischung aus beiden sein. Das Interesse daran ist ungebrochen.

Was sich von Zeit zu Zeit ändert, sind die Trends: Standen unlängst noch Regional-Krimis ganz hoch im Kurs, waren es davor lange Zeit Skandinavien-Krimis. Momentan scheint sogenannter True Crime, der auf wahren Kriminalfällen beruht, besonders beliebt zu sein. Das hat, so der Literaturwissenschaftler Thomas Wörtche im aktuellen "buchreport", seine Ursache im Trost verheißenden Abschluss durch Autoritäten. "In Zeiten der großen sozialen Verunsicherung bietet True Crime eine einfache Botschaft: Wir kriegen euch alle!"

Mitunter sind die Autoren solcher Sachbücher oder Belletristik Experten und berichten aus ihrer Berufspraxis. Wie der Gerichtsmediziner Michael Tsokos. Vor acht Jahren debütierte er - damals noch gemeinsam mit Thrillerautor Sebastian Fitzek - mit dem Roman "Abgeschnitten", dem im vergangenen Jahr sein Solo "Abgeschlagen" folgte. Nun kommt im Februar der nächste Band um den Rechtsmediziner Paul Herzfeld mit dem Titel "Abgefackelt" bei Knaur heraus. Im jüngsten Teil geht es um ein abgebranntes Klinikum-Archiv, bei dem nicht nur Akten und Gewebeproben den Flammen zum Opfer fielen, sondern auch Herzfelds Vorgänger.

Im März bringt der Münchner Droemer-Knaur-Verlag Band zwei der Vanitas-Serie um die Wiener Blumenhändlerin Carolin heraus. Nach "Schwarz wie Erde" hat Autorin Ursula Poznanski mit "Grau wie Asche" erneut ein schauriges Szenarium um die mysteriöse Carolin geschaffen - mit zünftigen Gruseleffekten. Der Brite Chris McGeorge hat in dem Thriller "Der Tunnel" (Mai) seiner Vorliebe für verwinkelte Plots freien Lauf gelassen und einen beklemmenden Schauplatz gefunden. Im Mai bringt Marc Hofmann bei Knaur Krimi-Freunde zum Schmunzeln. "Der Mathelehrer und der Tod" ist der erste Band einer humorigen Reihe. Hofmann - selbst Pädagoge - lässt den kauzigen Deutschlehrer Gregor Horvath seinen ersten Fall lösen. "Das Dezernat für heikle Fälle" von Alexander McCall Smith, das ab Juli in den Verkauf geht, gehört ebenfalls in die Kategorie Wohlfühl-Krimis (Cosy Crime).

Cosy Crime liegt im Aufwind - weg von bluttriefenden Thrillern und grauenvollen Horrorszenarien, wenn auch die ihre Fans haben und ebenfalls reichlich im Angebot sind. Im Unterschied zu diesen stolpern im Cosy Crime häufig "Normalos" über Verbrechen, wie Cathy Callaghan, Betreiberin eines kleinen Bed&Breakfast im südenglischen Plymouth. Sie findet eine Leiche in ihrem Garten und macht sich selbst auf Verbrecherjagd. Nachzulesen ab März im Krimi "Der Gin des Lebens" von Carsten Sebastian Henn bei DuMont. Klassische Cosy Crime à la Agatha Christie findet der Leser bei Goldmann und Martha Grimes´ 25. Fall ihres "Inspektor Jury und die Tote am Strand" (April).

Im weiteren Sinne gehören auch Regionalkrimis zum Cosy Crime, weil diese meist durch Lokalkolorit ein wenig schrullig, wenn nicht komisch und in jedem Fall heimelig wirken. Zwei Beispiele aus dem österreichischen Servus Verlag, der zur Benevento Group gehört: In "Feuertaufe" von Heidi Troi ermittelt ab Februar der geschasste Polizist Lorenz Lovis gegen einen Uhu-Mörder - bis dann auch noch eine menschliche Leiche auftaucht. Die Münchnerin Kreizkruzefix grantelt sich mit Wortwitz und Humor durch ihren Krimi "Kreizkruzefix" (März). Hier hat eine junge Metzgerin ihr Kreuz mit der Passion, denn just vor der Eröffnung der Passionsspiele in Oberammergau werden auf ihrem Hof zwei Gin-Produzenten ermordet.

Wirtschafts- und Wissenschaftsthriller kommen an der Digitalisierung natürlich nicht vorbei. Daher auch noch explizit ein Buchtipp zu diesem Komplex: Der Suhrkamp Verlag schickt im Juni Zoë Beck mit ihrem apokalyptischen Titel "Paradise City" ins Rennen. Hierin geht es um den Handel mit Gesundheitsdaten und eine Gesellschaft, die immer mehr von Algorithmen geprägt wird, nicht zuletzt auch um fatale Auswirkungen des Klimawandels.

Unterhaltsame Krimikost bringt in diesem Jahr auch wieder der Schweizer Diogenes-Verlag heraus. Natürlich mit "den üblichen Verdächtigen" Martin Walker und Donna Leon. Während Walkers Chef de Police Bruno seinen 12. Fall in "Connaisseur" im April löst, geht Leons Commissario Brunetti ab Mai in "Geheime Quellen" auf Verbrecherjagd (29. Fall). Eine Neuauflage erlebt im April "Astas Tagebuch" von Barbara Vine (alias Ruth Rendell), das als einer der besten Thriller der 2015 gestorbenen Britin gilt.

Akustische Forensik und ein entführtes Baby sind die Zutaten zur rasanten Fortsetzung des Thrillers "Auris" von Vincent Kliesch, nach einer Idee von Sebastian Fitzek, mit dem Titel "Die Frequenz des Todes" (Droemer-Knaur). Hauptfiguren sind wie gehabt: der forensische Phonetiker Matthias Hegel und Bloggerin Jula Ansorge, die den verzwickten Fall ab Mai lösen.

Längst aus der Nische heraus hat sich der historische Krimi mehr Raum verschafft. Bei Gmeiner bildet er einen Programmschwerpunkt: "Die Krypta des Satans" von Uwe Klausner ist der siebte Teil um einen detektivisch begabten Mönch, der hier im Februar erscheint. Mit "Eisenblut" von Axel Simon startet der zu Rowohlt gehörende Kindler Verlag im März eine historische Krimiserie aus der Kaiserzeit. Und Piper legte bereits zu Jahresbeginn den Roman "1794" des Schweden Niklas Natt och Dag auf - ein Nachfolger des Bestsellers "1793" aus dem Vorjahr. Eine Mischung aus True Crime und historischem Thriller ist die Geschichte um den deutschen Massenmörder Fritz Haarmann von Dirk Kurbjuweit. Penguin bringt den realen Kriminalfall aus den 1920er Jahren im Februar heraus.

Zwei weitere Hochkaräter hat der Limes Verlag in petto: Die in den Staaten lebende Tess Gerritsen bringt im April mit "Das Schattenhaus" einen neuen Stand-alone-Krimi heraus, der die "New York Times" an Daphne du Maurier erinnert: "unheimlich, prickelnd, sinnlich!". Und der deutsche Autor Eric Berg stellt ab März seinen neuen Roman "Die Mörderinsel" vor. Im Schwesternverlag Blanvalet meldet sich Lee Child mit einem neuen Jack-Reacher-Abenteuer zurück: "Der Bluthund" ist Teil des Juliprogramms. Um eine Mordserie, die die junge BRD erschüttert, dreht sich der Roman "1965". Autor ist der Sohn eines griechischen Gastarbeiters, Thomas Christos (März).

Auch HarperCollins bietet wieder einiges an Spannung, angefangen bei Don Winslows "Broken" (März) über Greg Iles‘ "Verratenes Land" (Juli) und Camilla Stens "Das Dorf der toten Seelen" (April) bis hin zu Mark Griffins Thrillerdebüt "Call" (Mai).

Die aufgeführten Titel sind natürlich nur ein Bruchteil dessen, was in den nächsten Monaten auf dem Krimimarkt zu erwarten ist, aber sie bestätigen durchweg eine weitere Hitchcock-Erkenntnis: "Das Drama ist ein Leben, aus dem man die langweiligen Momente herausgeschnitten hat."

Fotos: Verlage, Illustration: vectortatu

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Frauke Kaberka
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Veröffentlicht am:
29. 01. 2020
00:00 Uhr

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Autor

Frauke Kaberka

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Veröffentlicht am:
29. 01. 2020
00:00 Uhr



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