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Kunst und Kultur

"Musik muss ehrlich sein"

Von der Straße auf die großen Bühnen: Die Geschichte von Light in Babylon ist außergewöhnlich.



Weltmusik aus dem Herzen Istanbuls. Zu Light in Babylon gehören (von links): Metehan Çifçi, Julien Demarque und Michal Elia Kamal. Foto: Band
Weltmusik aus dem Herzen Istanbuls. Zu Light in Babylon gehören (von links): Metehan Çifçi, Julien Demarque und Michal Elia Kamal. Foto: Band  

Frau Kamal, die Geschichte von Light in Babylon kann nicht ohne die berühmte Einkaufsstraße Istiklal in Istanbul erzählt werden. Dort spielten Sie als Straßenband. Was bedeutet diese Straße heute für Sie?

Sie bedeutet uns viel. Sie hat uns mit unseren Fans verbunden. Fans, die uns dann auf unserem Weg unterstützt haben. Mittlerweile ist es für uns unmöglich, dort zu spielen. Wir sind in der Türkei so bekannt, dass es lange dauern würde, nur auf der Straße entlangzulaufen - so viele Menschen würden uns aufhalten, um ein Foto mit uns zu schießen.

 

Vermissen Sie diese Zeit?

Ja und Nein. Wir hatten dort kraftvolle Momente - und ich mag auch die Interaktion mit den Menschen. Du siehst sofort die Reaktionen der Zuhörer und lernst viel für deine Musik daraus. Das vermisse ich. Andererseits ist das Leben als Straßenband - trotz aller Romantik - hart. Es kostet viel Kraft und ist chaotisch. Daher bin ich froh, dass wir gewachsen sind.

 

Der direkte Kontakt zu den Fans war auf der Straße sicherlich ein anderer als heute, oder?

Ja, er ist direkter. Auf der Istiklal Straße haben wir nur unsere kraftvollen Songs, unsere Hits, gespielt. Die Menschen gehen nur vorbei. Dir bleibt keine Möglichkeit, deine Geschichte zu erzählen. In einem Konzert ist das anders: Du kannst zwischen den Songs deine Story erzählen, Zusammenhänge erklären. Dadurch entsteht eine Intimität, die es auf der Straße nicht geben würde.

 

Inwieweit hat die Istiklal-Straße, die täglich bis zu drei Millionen Menschen passieren, Ihre Musik geprägt?

Es nicht allein die Istiklal-Straße, sondern ganz Istanbul! Musik ist zunächst einmal vieles: Sie ist multikulturell, sie ist die Erzählung unserer eigenen persönlichen Geschichte, die Vision unserer Welt. Istanbul hat uns dabei geholfen, unsere Musik zu formen. Denn unsere Musik handelt von Menschen. In einem Schmelztiegel wie Istanbul zu spielen, ließ uns Menschen aus unterschiedlichen Kulturen treffen: von der Hijab tragenden Frau aus Saudi Arabien, die nie eines unserer Konzerte in einer Bar besuchen würde, bis zum Transgender.

 

Dieser Mix spiegelt sich auch in Light in Babylon wider: Mit Einflüssen aus dem Iran, aus Israel, Frankreich, der Türkei. Inwiefern profitieren Sie davon?

Wir sind sehr unterschiedlich. Aber unsere Zusammensetzung ist nur ein Beispiel für diese neue Generation. Gerade meine Generation ist nicht mehr nur auf das Bild von anderen, das in Zeitungen oder im Fernsehen gezeichnet wird, angewiesen. Wir haben die Chance, überall hinzureisen, Menschen zu treffen und uns ein eigenes Bild zu machen. Je öfter du Menschen aus anderen Kulturen triffst, desto schwerer hat es der Hass.

 

Sind Sie persönlich - als Israeli mit iranischen Wurzeln - dafür das beste Beispiel?

Ja. Ich habe viele Iraner getroffen - und dadurch haben sie erfahren, dass Israelis anders sind, als ihnen vermittelt wird. Aber das ist nur ein Beispiel: Auch auf der Istiklal Straße habe ich auf Hebräisch gesungen - und die Reaktionen waren zu 99 Prozent positiv. Unsere Musik wird in Ägypten gehört, wir haben viele Fans in Syrien.

 

Die Musik verbindet also Getrenntes?

Natürlich gibt es Unterschiede, denn jede Kultur ist anders. Wir erkennen an, dass es diese Unterschiede gibt, aber wir sehen auch das Verbindende: In jeder Kultur lieben sich Menschen, jeder hat Emotionen, liebt Musik. Schlussendlich sind wir alle Menschen.

 

Gibt es denn unterschiedliche Reaktionen des Publikums in den verschiedenen Ländern?

Nein. Die Zuhörer reagieren gleich, weil die Musik die Emotionen anspricht. Überall haben die Besucher dieselben leuchtenden Augen. Überall erhalte ich dieselbe Reaktion. Sie sagen: "Obwohl ich die Liedtexte nicht verstehen, kann ich jedes Wort fühlen." Das ist eine wunderschöne Erfahrung - und hat mich überrascht.

 

Das zeigt doch die Energie Ihrer Musik? Oder gilt das allgemein für Musik?

Heutzutage ist die meiste Musik aus der Musikindustrie zynisch. Sie manipuliert die Gefühle. Unser Ziel ist nicht die Manipulation, sondern Ehrlichkeit. Die Musik soll dir erlauben, ohne Wertung zu fühlen. Deshalb nenne ich sie ‚ehrliche Musik‘. Also Musik, die aufrichtig vom Herzen kommt. Weniger Fast Food, mehr Reinheit.

 

Wie halten Sie den Abstand zur Musik-Industrie?

Wenn du etwas ehrlich aus deinem Herzen heraus tust, hast du einen starken Willen. Wir vergessen nicht, warum wir mit der Musik angefangen haben. Wir werden unseren Stil nicht ändern, nur um kommerziell erfolgreich zu sein. Das würde unsere Freiheit einschränken. Die Freiheit, unsere wahren Träume zu teilen, nicht die gefälschten Träume.

 

Die Türkei hat sich in den letzten Jahren politisch geändert. Die Regierung ist autoritärer geworden. Wie gehen Sie damit um?

Seit ich denken kann, ist der Nahe Osten kein friedlicher Ort. Das ist eine Schande, weil es eine wunderschöne Region ist. Der Ausweg ist, Ruhe zu bewahren. Unsere Band hat entschieden, den Kreislauf des künstlichen Hasses zu verlassen. Viele Kulturschaffende leiden unter der aktuellen Regierung. Aber wenn ich anfangen würde, Menschen aufgrund ihrer politischen Ausrichtung zu beurteilen, würde ich verloren gehen.

 

Stimmt der Eindruck, dass die türkische Kulturszene gerade boomt?

In der Türkei gab es schon immer eine lebendige Kulturszene. Für mich es, wie in einem Meer der Kultur zu schwimmen. Eines ändert sich aber: Allmählich werden alle Subkulturen auch nach außen stärker sichtbar und wahrgenommen.

 

—————

Light in Babylon - einmal als "Botschafter des Friedens" bezeichnet - spielt am Freitag beim Kulturhammer in Thierstein. Beginn des Konzerts ist 20 Uhr.

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Marcus Schädlich

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Veröffentlicht am:
13. 11. 2019
18:32 Uhr

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Marcus Schädlich

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13. 11. 2019
18:32 Uhr



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