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Kunst und Kultur

Parfüm, Peitsche und die Pudding-Kuh

Superlustig und blitzgescheit: Philipp Weber bespaßt das Publikum in Schwarzenbach mit Kabarett von deftiger und feiner und jedenfalls fundierter Art.



Ein Schlitzohr: Philipp Weber auf der Kleinkunstbühne Hinterhalt in Schwarzenbach an der Saale.	Foto: Harald Dietz
Ein Schlitzohr: Philipp Weber auf der Kleinkunstbühne Hinterhalt in Schwarzenbach an der Saale. Foto: Harald Dietz  

Schwarzenbach an der Saale - Sporttaucher, sagt er in Schwarzenbach, sei er auch. Auf seiner Website aber empfiehlt sich Philipp Weber vor allem als "Verbraucherschützer". Eifernd beinah wie ein Missionar warnte er am Sonntag in der voll besetzten Kleinkunstbühne Hinterhalt die Konsumenten davor, den abgefeimten Methoden modernen Marketings aufzusitzen. Und freilich räumt er ein, dass Werbung, ungeachtet ihrer allbekannten Verlogenheit, ausnahmslos jeden manipuliert. Tief taucht Weber darum ein in ihre Tricks und entlarvt sie, ohne Punkt und Komma phasenweise, scheinbar ohne Luft zu holen: der Apnoe-Taucher unter den politischen Komikern.

Auch sein Erscheinen in Schwarzenbach hat einen politischen Hintergrund: Auf Einladung der SPD reist er an und wiederholt den Triumph am selben Ort aus dem vergangenen Jahr. So sehr mag er die Gegend, dass ihm, wär er selbst als Werbefachmann tätig, umstandslos ein Slogan fürs Städtchen einfiele: "Wenn das der Arsch der Welt ist, können Fürze nicht schöner wohnen", schwärmt er deftig und mag sich grundsätzlich keinen Zwang antun ("Sie müssen sich für meine Witze nicht schämen"). Als Ikone für Eierlikör empfiehlt er Uli Hoeneß und die Parole: "Ohne Advocaat würde ich heute noch sitzen." Und für Saudi-Arabien legt er sich mit Tourismus-Marketing ins Zeug: "Erleben Sie die Kombination von Parfüm und Peitsche auf der Haut."

"Image-Design" in eigener Sache betreibt er auf seiner Website: Unverhofft als Ausdruckstänzer schwebt er durch ein kurzes Video, um sein neues Programm "Weber Nr. 5: Ich liebe ihn" zu bewerben. Im weißen Tutu und in Zeitlupe überquert er mit weiten, federleichten Sprüngen das Parkett eines Prunksaals. Zwar, weitaus weniger Freiraum lässt ihm das Schwarzenbacher Podium, aber er bewegt sich doch, und wie: in fast rastloser Hast, an der Lehne eines rohen Holzstuhls tänzelnd oder unaufhaltsam mit Riesenschritten drumherum, nervös bis aufgekratzt, frenetisch lachend oder zorngeladen lästernd mit funkelnden Augen.

"Hyperaktiv" sei er, sagt er von sich selbst und bestätigt die Behauptung wie ein ADHSler, bei dem kein Ritalin mehr hilft. Man könnte meinen, der 44-Jährige aus dem unterfränkischen Odenwald sei der Kasper des bayerischen Kabaretts, und wirklich hängt er, rhetorisch knallig und gestisch exaltiert wie ein Faxenmacher, eine furiose Pointe an die andere, dass des Lachens kein Ende wird. Aber kein Hofnarr ist er, sondern Eulenspiegel, Schlitzohr, Schalk - superlustig und blitzgescheit, ein wandelnder, nein: wuselnder, flitzender, flackernder Geistesblitz. Obendrein versiert in puncto Dramaturgie: Frei zwar scheint er von der Leber weg zu reden, über die ihm viele Läuse laufen. Doch dem feineren Ohr, sobald es sich an Webers unerhörtes Sprechtempo und das unberechenbare Hakenschlagen seiner bipolaren Stimmungslagen gewöhnt hat, enthüllt sich die wohldurchdacht geformte Machart der Suaden und ihr unnachgiebiges Fakten-Fundament.

Denn Weber kennt sich aus, in Chemie sowieso, weil er sie studiert hat, und desgleichen in Psychologie, Pädagogik, Neurobiologie. Lug und Trug des hochmanipulativen Konsumkapitalismus offenbart er, als wär's ein Witz; es steht aber immer auch Wissenschaft dahinter. Einen "Intellektuellen", einen "Geistesmenschen" nennt er sich, so ironisch, als ob er es gar nicht so meinte. Er ist aber einer, nur dass er's nicht gleich merken lassen will wie seine Kollegen Vince Ebert oder Eckart von Hirschhausen.

Dafür steckt dann doch zu viel Clown in ihm. Den lässt er ungestört heraus, etwa wenn er sich ausrastend als Küchengeräte-Fetischist outet und den größten Grill der namensgleichen Marke Weber, "Genesis", in den Himmel rühmt: "Die Schöpfung: Es werde Wurst"; oder wenn er sein vollautomatisches Auto, "das alles selber macht", stinkbeleidigt fragt: "Wer hat den Führerschein gemacht, ich oder du?"; oder wenn er rappt wie Paula, Dr. Oetkers Pudding-Kuh. Die wirbt übrigens ebenfalls im Internet für sich, gerade dort, wo sich auch Philipp Weber tummelt: in einer "verrückten Welt".

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Michael Thumser

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Veröffentlicht am:
30. 07. 2018
20:02 Uhr

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Michael Thumser

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Veröffentlicht am:
30. 07. 2018
20:02 Uhr



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