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Kunst und Kultur

Talentesucher im Jagdfieber

Wie geht's der Popkultur? Und wer wird das nächste große Ding? Fragen, die zentral sind, bei Europas größtem Event für die Zukunft populärer Musik: dem Reeperbahn-Festival.



Der Spielbudenplatz auf der Reeperbahn ist zentraler Anlaufpunkt für Festival-Besucher und Hamburg-Touristen. Dort steigen auf mehreren Bühnen auch kostenlose Konzerte mit hoffnungsvollen Nachwuchs-Acts, wie hier Blond, aber auch mit gestandenen Berühmtheiten. Foto: Florian Trykowski/Reeperbahn-Festival
Der Spielbudenplatz auf der Reeperbahn ist zentraler Anlaufpunkt für Festival-Besucher und Hamburg-Touristen. Dort steigen auf mehreren Bühnen auch kostenlose Konzerte mit hoffnungsvollen Nachwuchs-Acts, wie hier Blond, aber auch mit gestandenen Berühmtheiten. Foto: Florian Trykowski/Reeperbahn-Festival  

Hamburg - Schlicht unmöglich, das Gespräch am Nachbartisch zu überhören, beim Brunch in einem beliebten veganen Restaurant auf St. Pauli. In lauter, selbstbewusster Tonlage verkündet eine Stimme: "Rob, du musst da zwingend mehr ,schwarze' Komponenten in deinen Mix einbringen. Ohne R'n'B wird das Ganze nicht funktionieren. Gelingt dir das, kannst du gern wieder bei mir anklopfen." Ein A&R-Manager suchte offenbar nach "Frischfleisch" für seine Plattenfirma. So geht eben Netzwerken - ein nicht genug hervor zu hebender Part, bei Europas größtem Indoor-Festival für neue Pop-Musik jeglicher Art. Allerorten sitzen und stehen Grüppchen zusammen - schließlich hatten sich 5500 Fachbesucher aus 65 Nationen akkreditiert. Gerade erklärt ein englisch sprechender Studiobetreiber Mitarbeitern einer internationalen Plattenfirma, dass man für das offerierte Album geschlagene zwei Jahre am Sound gefeilt habe. Drei Meter entfernt wird der Vizechef eines weltweit operierenden US-amerikanischen Metal-Labels gesichtet - obwohl seine Musik eine der wenigen Rock- und Pop-Richtungen darstellt, die zum Festival in St. Pauli nur geringe Beachtung findet. Networking überwindet halt spielend Genre-Grenzen. Und fand in 300 Workshops und Konferenzen sowie ungezählten Gesprächen von Mittwoch bis Sonntag früh in Hamburg seine Bestimmung.

Bands unter Beobachtung

600 Konzerte an vier Tagen - niemand kann auch nur annähernd behaupten, alles gesehen zu haben. Diese Künstler fielen uns unter den zahlreichen erlebten Acts auf dem diesjährigen Reeperbahn-Festival auf.

Amyl & The Sniffers: Die Frontfrau der australischen Punk-Band schlägt in ihrer Bühnendarstellung alles. Gleichzeitig aggressiv und niedlich kommt sie einfach umwerfend rüber.

Swedish Dead Candy: Ein Trio aus England, das die Beatles und schweren Psychedelic-Rock kongenial verbindet und mit dem Bassisten einen schauspielerisch begnadeten Selbstdarsteller in seinen Reihen hat.

Bad Nerves: Punk-Rock alter Schule aus dem Osten Londons. Nicht neu, doch grell und kernig dargeboten.

Ecca Vandal: Die australische Sängerin erinnert mit ihrer Musik aus Grime, Hip-Hop, Electro und ihrer ziemlich punkigen Attitüde an M.I.A., die Vorreiterin des "Genres". Selten ein solch überhitztes Konzert gesehen.

Decibelles und Petrol Girls: Frauenpower, einmal aus Frankreich, einmal aus England/Österreich und mit vergleichbaren Konzept: Vorwärts drängender Indie-Rock, der sich live in Punk verwandelt. Frontfrauen, die beweisen, dass wütendes Gebaren nicht Männersache bleiben muss.

Asylums: Indie-Gitarren-Rock mit ordentlich Wumms hat sich der Virer aus Southend-on-Sea auf die Fahnen geschrieben - live perfekt umgesetzt.

LIFE: Mit reichlich Vorschuss-Lob bedacht trat die Band aus Hull an. Kompromisslos in den Texten und der Bearbeitung der Instrumente, konnte man das Publikum überzeugen.

Psychedelic Porn Crumpets: Die Jungs aus Perth führen den psychedelischen Gitarrenrock eines Jimi Hendrix fort.

Jaguwar: Das deutsche Trio, das sein mit Spannung erwartetes Debütalbum in Hof aufgenommen hat, bietet live eine abgeklärte Show, die perfekt zu seinem Shoegaze-Pop mit einer gehörigen Wall of Sound passt. TL

 

Beim Reeperbahn-Festival werden die ganz großen Fragen behandelt. Stirbt das Format "Album" aus? Wäre es nicht besser, nur noch in Songs zu denken, da die meisten jungen Menschen sich eh fast ausschließlich Playlists auf Streamingdiensten reinziehen? Was für ein Genre liegt gerade im Trend? Und was für ein Sound wird wohl danach die internationalen Charts dominieren?

 

Doch ein guter Song muss erst einmal unabhängig vom Sound funktionieren. Sonst ist's eben kein guter. Außerdem benötigt ein potenzieller Hit Interpreten, die diesen wirklich performen können. Und so dient in Hamburg alles nur dem einen Zweck. Dem Rennen nach dem Act mit dem gewissen Etwas. Dem Künstler, der zukünftig richtig, richtig groß wird. Doch ganz so einfach ist das nicht, wie man exemplarisch am diesjährigen Überraschungsgast Muse sieht: Die Mega-Stars aus England wurden anfangs von der eigenen Platten-Industrie verkannt - und bekamen erst Gehör beim CMJ-Festival, einer dem Reeperbahn-Festival vergleichbaren Musikmesse in New York. Das heutige Superstar-Trio unterschrieb damals auf Madonnas Maverick-Label. Der Rest ist (Musik-)Geschichte.

Und so grassiert auf der "Sündenmeile" und in den rund 60 Locations auf St. Pauli ein ganz eigenes, hochgradig ansteckendes Fieber. 40 000 Fans bilden den Rahmen für von Nervosität geplagte Bands und die in den Jagd-Modus schaltenden Talent-Scouts und Fachbesucher.

Klar, dass bei 600 Konzerten von rund 450 Bands und Künstlern an vier Tagen niemand mehr den totalen Durchblick haben kann. Spezialisierung und die Gerüchteküche richten dies. Da werden Acts durch Mundpropaganda groß gemacht - und enttäuschen dann doch ein bisschen, weil sie die hohe Erwartungshaltung nicht befriedigen können. Und da spielen Bands in Kleinst-Clubs, die sich als Offenbarung herausstellen: Da sie diese berühmte Etwas im Blut haben. Talent und Können reichen schon lange nicht mehr - das wird ganz einfach vorausgesetzt. Es ist somit schon eine große Portion Glück im Spiel. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, solche Binsenweisheiten bewahrheiten sich letztlich. Die richtige Zeit und den richtigen Ort dürfte das Reeperbahnfestival definitiv bieten: Schließlich weilen extrem viele Menschen, die im Musikbusiness etwas zu sagen haben, vor Ort.

Erwähnter Rob schaute übrigens etwas bedröppelt drein, als er das harte Urteil des A & R-Managers vernahm. Wir wissen nicht, ob und wann er seinen Mix noch überdenkt. Zeit dafür bleibt ihm erst einmal.

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Das Reeperbahn Festival 2019 findet vom 18. bis 21. September statt.

Autor

Heike Kraske, Thoralf Lange
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Veröffentlicht am:
25. 09. 2018
00:00 Uhr

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Autor

Heike Kraske, Thoralf Lange

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Veröffentlicht am:
25. 09. 2018
00:00 Uhr



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