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Fichtelgebirge

Die Bedürftigen vor der eigenen Haustür

Im Fichtelgebirge gibt es weniger Arbeitslose und Hartz IV-Empfänger als noch vor einigen Jahren. Dennoch sind in der Region etliche Menschen auf Hilfe angewiesen.



Retten Lebensmittel und bescheren Hilfsbedürftigen damit ein gutes Essen: Ehrenamtliche der Tafel Marktredwitz um Vorsitzende Elsa Richter (vorne Mitte). Foto: Gertrud Pechmann
Retten Lebensmittel und bescheren Hilfsbedürftigen damit ein gutes Essen: Ehrenamtliche der Tafel Marktredwitz um Vorsitzende Elsa Richter (vorne Mitte). Foto: Gertrud Pechmann  

Landkreis Wunsiedel - Donnerstagmittag bildet sich in der Franz-Schubert-Straße in Marktredwitz vor dem Haus mit der Nummer 18 regelmäßig eine lange Schlange. Alte und junge Menschen, Männer und Frauen stehen dann geduldig an, um bei der Marktredwitzer Tafel günstig Lebensmittel abzuholen. Die ehemalige Metzgerei wirkt wie ein gut sortierter Tante-Emma-Laden: Da gibt es eine Theke mit frischem Obst und Gemüse, Wurst, Käse, Milchprodukte, Eier und Backwaren, Regale voller Konserven, Nudeln und Reis, Süßigkeiten und Hygieneartikeln. Ehrenamtliche Helfer verteilen hier Lebensmittel an die Kunden, die Supermärkte oder Fabriken nicht mehr verkaufen. Auch Serviceclubs und Pfarreien oder Kirchengemeinden tragen mit ihren Spenden dazu bei, Menschen, die wenig Geld haben das Leben zu erleichtern. "Wir danken unseren Spendern sehr herzlich, denn ohne sie wäre unsere Hilfe nicht möglich", sagt Elsa Richter, die Gründerin der Marktredwitzer Tafel. Sie kennt viele Schicksale, die Menschen zur Tafel kommen lässt. Da gibt es Ehepaare, die mit einer minimalen Rente über die Runden kommen müssen, Alleinstehende, die chronisch krank sind und deshalb nicht arbeiten können, Flüchtlinge, Alleinerziehende sowie Grundsicherungs- und Hartz IV-Empfänger. Während die Zahl der Flüchtlinge als Tafel-Kunden in Marktredwitz und Wunsiedel zunimmt, verringert sich die Zahl der einheimischen Abnehmer. "Ich kann nur hoffen, dass viele von ihnen in Lohn und Brot gekommen sind", sagt Peter Finsel, der die Tafel in Wunsiedel leitet. In Arzberg ist die Tendenz nicht ganz so ausgeprägt. "Zu uns kommen etwa 60 Prozent Deutsche und 40 Prozent Flüchtlinge", sagt Alexander Wagner von der Tafel in Arzberg. Aber egal, ob Einheimische oder Menschen mit Migrationshintergrund : "Zur Tafel gehen Menschen, die unsere Unterstützung brauchen, weil sie sonst nicht über die Runden kommen würden", sagt Sibylle Pruchnow von der Tafel Selb. Sie will mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit erreichen, "dass diese Menschen etwas besser leben können als ohne Tafel". Tatsächlich freuen sich viele Kunden über das Angebot ihrer örtlichen Tafel, weil diese ihnen manche gute Mahlzeit beschert. Und Raum für Gespräche bietet. "Viele Rentner sind ganz arm dran", weiß Elsa Richter von der Tafel Marktredwitz. "Das ist besonders für diejenigen bitter, die ihr Leben lang gearbeitet haben und jetzt merken, dass ihre Altersbezüge nicht ausreichen." Sie glaubt nicht, dass den Tafeln in Zukunft die Kunden ausgehen werden.

Elsa Richter beschreibt eine scheinbar widersprüchliche Situation: Denn obwohl die Wirtschaft floriert und in Bayern praktisch Vollbeschäftigung herrscht, gibt es Menschen, die auf staatliche oder ehrenamtliche Hilfe angewiesen sind. Die Mitarbeiter der Tafeln in Marktredwitz, Wunsiedel, Arzberg und Selb haben gut zu tun - ebenso wie das Jobcenter Fichtelgebirge. 22 Arbeitsvermittler kümmern sich an den Standorten Marktredwitz und Selb um Menschen ohne Arbeitsstelle. Die Situation ist vergleichsweise gut. So hat sich die Zahl der erwerbsfähigen Hilfsbedürftigen in den vergangenen zwölf Jahren von 4467 im Jahr 2006 auf 2947 im Jahr 2017 verringert, die Zahl der Langzeitarbeitslosen im selben Zeitraum praktisch halbiert. Die Zahl der Familien, die Hartz IV erhalten, ist von 3324 auf 2180 zurückgegangen.

Die verbleibenden Leistungsempfänger aber sind schwer zu vermitteln. "Momentan betreuen wir Menschen, die große Mühe erfordern", erklärt Jobcenter-Geschäftsführer Hans Plank. "Viele von ihnen müssen erst wieder an ein normales Erwerbsleben herangeführt werden, bevor sie eine Arbeit aufnehmen können." Als "Kunden mit vielfachen Problemlagen" gelten Menschen, die keine schulische oder berufliche Qualifikation haben, deren Leistungsfähigkeit aufgrund von Krankheiten eingeschränkt ist sowie Alleinerziehende. Und solche, die kein Auto haben - denn Mobilität ist im ländlichen Raum Trumpf. Auch Flüchtlinge verlangen nach einer speziellen Betreuung. Sie müssen erst Deutsch lernen, bevor sie eine Arbeit aufnehmen können. Bei den unter 25-jährigen Leistungsbeziehern sind nicht wenige drogenabhängig, notiert das Arbeitsmarkt- und Integrationsprogramm des Jobcenters.

Dennoch ist Hans Plank optimistisch gestimmt. "Mit der Region geht es aufwärts", ist er überzeugt. Im Jahr 2017 hat das Jobcenter 737 Personen in Arbeit vermittelt - das sind so viele wie nie zuvor. Oft stellten Zeitarbeitsfirmen sie ein oder sie sind in Gaststätten und Hotels oder auch im Baugewerbe tätig.

Bleiben noch knapp 3000 Menschen, für die Plank dasselbe anstrebt. Für das Jahr 2018 verfolgt der Jobcenter-Geschäftsführer mit seiner Einrichtung große Ziele: Langzeitarbeitslose sollen in Lohn und Brot gebracht, "Hartz IV-Karrieren" vermieden werden. Über 700 anerkannte Flüchtlinge will Plank auf dem Arbeitsmarkt in der Region integrieren. Und den Anstoß dafür geben, dass Minijobs in sozialversicherungspflichtige Stellen umgewandelt werden. Es gibt also viel zu tun. Die Tafeln suchen derzeit übrigens weitere ehrenamtliche Mitarbeiter.

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Gertrud Pechmann
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Veröffentlicht am:
03. 01. 2018
00:00 Uhr

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Gertrud Pechmann

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Veröffentlicht am:
03. 01. 2018
00:00 Uhr



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