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Künstler rettet Leben auf der "Lifeline"

Hannes Neubauer kehrt für die Wasserspiele in seine Heimatstadt Wunsiedel zurück. Die Installation des Leipzigers thematisiert seinen Einsatz als Seenotretter für Flüchtlinge.



Bei Wind und Wellen halten die Seenotretter, darunter Hannes Neubauer (vorne links), Flüchtlingsboote zunächst auf Position, damit sie nicht in libysche Gewässer abtreiben. Nach und nach bringen die Helfer dann jeweils sechs bis acht Schiffbrüchige mit ihrem Schlauchboot auf die große "Lifeline". Foto: Rene Greiner
Bei Wind und Wellen halten die Seenotretter, darunter Hannes Neubauer (vorne links), Flüchtlingsboote zunächst auf Position, damit sie nicht in libysche Gewässer abtreiben. Nach und nach bringen die Helfer dann jeweils sechs bis acht Schiffbrüchige mit ihrem Schlauchboot auf die große "Lifeline". Foto: Rene Greiner   » zu den Bildern

Wunsiedel - Eigentlich hätte Hannes Neubauer längst den dritten Einsatz auf See hinter sich. Doch nach dem Auslaufverbot für die "Lifeline" und weitere Seenotrettungsschiffe blieb der 39 Jahre alte Künstler in seiner ehemaligen Heimatstadt Wunsiedel. Während er sich hier an den Wasserspielen beteiligt, verfolgt er erschüttert, wie im offenen Mittelmeer Hunderte Flüchtlinge ertrinken. Bis vor wenigen Wochen ersparten Neubauer ebenso wie andere Ehrenamtliche aus Non-Government-Organisations (NGOs) vielen Schiffbrüchigen dieses Schicksal.

Filmfragmente mit dramatischen Szenen brechen sich in einer Mauer aus leeren Wasserflaschen

"33°04'North, 12°17'East" nennt Hannes Neubauer seine Installation. Der Leipziger ist einer von 20 Künstlern bei den Wunsiedler Wasserspielen, die bis 16. September dauern. Aus 1400 leeren Plastik-Wasserflaschen hat der Stahlbildhauer mit Kunst-Masterabschluss eine Wand errichtet, auf die er Filmfragmente über die Seenotrettung projiziert. Neubauer, der als Kind in Wunsiedel lebte, nennt es "gute Fügung", dass seine Installation am Bocksberg auf städtischen Grundmauern steht. Durch das Schaufenster des Altbaus verfolgen Betrachter seine Video-Fetzen.

"Wasser spielt in der Search-and-rescue-Zone eine sehr ambivalente Rolle: Einerseits bedeutet es den sicheren Tod durch Ertrinken, wenn die überfüllten seeuntüchtigen Boote kentern oder untergehen. Gleichzeitig rettet Wasser bei der unsäglichen Hitze als Trinkwasser das Leben", erklärt der Künstler. Statt objektiver Beobachtung bietet er emotionale Wahrnehmung - Rettungs-Dramen brechen sich in der Wasserflaschen-Mauer.

Nach seinem ersten Einsatz 2017 sei er nicht fähig gewesen, das Erlebte bildnerisch zu verarbeiten. "Ich hatte Angst, ob es klappt." Erst nach dem zweiten Einsatz über ein Jahr später wagte er die kulturelle Umwandlung.

Neubauers Installation thematisiert Orientierungsverluste auf dem Meer ebenso wie Erinnerungsverluste in Extremsituationen. "Wenn du versuchst, bei Wind und Wetter stundenlang Position zu halten, um nicht in libysche Gewässer zu treiben, weißt du nicht mehr, wo Norden und Süden sind - außerdem hast du nachmittags vergessen, was vormittags passiert ist." Um dieses Durcheinander künstlerisch zu übersetzen, zerstückelte der 39-Jährige seine Filme in Fragmente. Wichtig ist ihm, das Geschehen nicht zu ästhetisieren sowie die Bereiche Kunst und Rettung zu trennen. Auf dem Meer, erklärt Neubauer, funktioniere er ausschließlich als Helfer: "Seenotrettung ist kein Kunstwerk."

 

Noch im Juni arbeitete der Künstler als Communicator auf der "Lifeline". Mit Hilfe dieses großen Schiffes näherten er und zwei Helfer sich in einem RIB, einem Schlauchboot mit festem Rumpf und starkem Motor, den überfüllten Nussschalen. 120 bis 150 Flüchtlinge kauerten meist darauf - dehydriert vom Flüssigkeitsmangel, verätzt vom Salzwasser und Benzin. Fast alle Frauen seien nach Vergewaltigungen schwanger, fast alle Männer geschwächt von Folter und libyschen Arbeitslagern.

 

Um Panik zu vermeiden, stellt Neubauer den Bootsinsassen sich und seine Kollegen beim Näherkommen als Europäer vor, die sie retten wollten - bevor Verzweifelte in suizidaler Absicht ins Meer sprängen, um nicht erneut in die Fänge der gefürchteten Libyer zu geraten. Dann verteilten die Helfer Wasserflaschen und brachten nach und nach jeweils sechs bis acht Schiffbrüchige - beginnend mit den Schwächsten - auf die "Lifeline", wo Arzt und Versorgung warteten. "In Todesangst reagiert niemand rational und kontrolliert", weiß der Retter. Umso wichtiger sei, freundlich, aber bestimmt klarzumachen, dass alle nur überleben, wenn sich jeder an die Anweisungen halte.

Künstlerische Arbeit allein war dem gelernten Metallbauer vor rund zwei Jahren "zu zahnlos" geworden. Er wollte neue Räume erfassen und suchte sich das Meer aus. Ende 2016 half er, ein Schiff des Regensburger Vereins "Sea Eye" auf Sizilien zusammenzuschweißen, bevor er selbst auf der "Seefuchs" als Helfer in See stach.

Ein gutes Jahr später, im Juni 2018, leitete Neubauer als Communicator den letzten regulären Einsatz der "Lifeline". Danach rettete eine andere Crew der Dresdner Hilfsorganisation zwar weitere 234 Flüchtlinge vor der libyschen Küste, irrte dann jedoch tagelang über das Mittelmeer, weil Italien und Malta das Anlegen verweigerten. Schließlich durfte das Schiff Malta zwar ansteuern, wurde im Hafen aber sofort von den Behörden beschlagnahmt.

Kapitän Claus-Peter Reisch wird nun vorgeworfen, bei der Flüchtlings-Rettung gegen internationales Recht verstoßen zu haben; am Montag, 30. Juli, geht seine Verhandlung in Malta weiter. "Kollege Claus-Peter" sei zur Symbolfigur gegen unmenschliche Flüchtlingspolitik geworden, sagt Neubauer und kritisiert die Kriminalisierung der Seenotretter: "2016 galten wir als Helden - 2018 stehen wir vor Gericht."

Nach Hetzkampagnen des ultrarechten Rands schwand das Mitleid mit den Schiffbrüchigen; inzwischen beteiligten sich europäische Politiker wie Horst Seehofer, Sebastian Kurz und Matteo Salvini ungeniert an der Stimmungsmache gegen Flüchtlinge. Energisch wehrt sich Neubauer gegen den Vorwurf, Seenotretter beförderten das Geschäft der Schlepper. "Diesen Verbrechern ist völlig egal, was passiert. Sie kassieren ihr Geld und schicken die Flüchtlinge aufs offene Meer hinaus - ob sie überleben oder nicht."

Lebensgefährlich seien Wind und Wellen jedoch nicht nur für die Geflüchteten, sondern auch für die Retter - vor allem, wenn Panik ausbreche. Daher brauchten alle Crewmitglieder vom 20 Jahre alten Studenten bis zum 70 Jahre alten Berufskapitän Soft Skills und Teamfähigkeit.

Die Argumentation, alle Flüchtlinge seien ohnehin nicht zu retten, sei kein Freibrief für unterlassene Hilfeleistung - deshalb will Neubauer sich weiter engagieren. " Seenotretter sind der Sanka des Meeres. Nach einer Massenkarambolage auf der A 9 sagt auch keiner: Wir fahren gar nicht erst los, weil es zu viele Verletzte gibt." Seitdem die NGOs nicht mehr aufs offene Mittelmeer dürften, seien allein im Juni 600 Flüchtlinge ertrunken - die Dunkelziffer liegt Neubauers Schätzungen zufolge viel höher. "Wenn sich nichts ändert, wird es im Juli noch viel schlimmer."

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Am Samstag, 18. August, berichtet Hannes Neubauer um 20 Uhr in seiner eigenen Taufkirche Sankt Veit in Wunsiedel über die Arbeit als Seenotrettungshelfer. Der Künstler zeigt auch Filmausschnitte und lädt das Publikum zur Diskussion ein.

Autor

Brigitte Gschwendtner
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
27. 07. 2018
17:32 Uhr

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27. 07. 2018
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