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Fichtelgebirge

Der Ehrenbürger ist ständig auf Achse

Aktuelles Wunsiedler Geschehen, evangelische Kirche, Forschen in der Stadtgeschichte: Altlandrat Dr. Peter Seißer wird es auch im 75. Lebensjahr nicht langweilig.



"Mir wird sicher nie der Stoff ausgehen", sagt Altlandrat Dr. Peter Seißer über seine große Leidenschaft, die Wunsiedler Stadtgeschichte. Heute wird der Lokalhistoriker und allseits geschätzte Kommunalpolitiker außer Dienst 75 Jahre alt. Foto: Rainer Maier
"Mir wird sicher nie der Stoff ausgehen", sagt Altlandrat Dr. Peter Seißer über seine große Leidenschaft, die Wunsiedler Stadtgeschichte. Heute wird der Lokalhistoriker und allseits geschätzte Kommunalpolitiker außer Dienst 75 Jahre alt. Foto: Rainer Maier  

Wunsiedel - Groß feiern will Dr. Peter Seißer seinen 75. Geburtstag heute nicht. "Es ist ja kein runder", sagt er. Kein Grund also, den bewährten Tagesablauf erheblich zu verändern. Seißer wird wie jeden Morgen im Bad Alexandersbader Weiher eine große Runde schwimmen. Täglich ein halber Kilometer im kalten Wasser, das ist das Gesundheitsgeheimnis des Altlandrats und Wunsiedler Ehrenbürgers. Seit Mitte April macht Seißer das, bei jedem Wetter und unfreundlichen Wassertemperaturen zum Trotz. Bis Allerheiligen will er sein Wassersport-Fitnessprogramm draußen durchziehen, dann wieder in die Hallenbäder der Region wechseln, vorzugsweise in die Weißenstädter Therme.

Stationen

1962 bis 1967: Studium der

Rechts- und Politischen Wissenschaften in Erlangen, Berlin und

München

1969: Seißer promoviert zum

Dr. jur.

1971 bis 1990: Jurist bei der

Regierung von Oberfranken und beim Landratsamt Bayreuth, zuletzt als Sachgebietsleiter der Bezirksregierung

1972: Stadtrat in Wunsiedel

1978: Kreisrat

1984: stellvertretender Landrat

1990 bis 2008: Landrat des Landkreises Wunsiedel


Am Wochenende hat er den Badeweiher gegen die Ostsee getauscht. Für die Synode der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern ist er seit Langem Kontaktmann zur Partnersynode in Mecklenburg. Jetzt wurde in Kühlungsborn das 70. Jubiläum dieser Partnerschaft gefeiert. Natürlich war Seißer dabei. "Ich habe über die Jahre viele persönliche Kontakte aufgebaut", sagt er. Und natürlich hat er auch auf "Dienstreise" nicht aufs tägliche Schwimmen verzichtet.

Auf den Tisch vor sich hat Seißer sein Notiz- und Terminbuch gelegt. Man sieht dem Büchlein an, dass es oft konsultiert wird. Kaum ein Tag ist ohne Eintragung. Seißer ist nach wie vor viel unterwegs, macht Stadtführungen, hält historische Vorträge, ist Mitglied des Kirchenvorstands, sitzt in fünf Stiftungsräten und gehört vier Stammtischen an. Sein Vereinsengagement hat er zurückgefahren. Als Landrat war er gleichzeitig Vorsitzender von zwölf Vereinen. Diese Ämter hat er nach und nach abgegeben. Hinzugekommen ist nur ein neues: der Posten des stellvertretenden Vorsitzenden des historischen Vereins für Oberfranken. Es lag ihm am Herzen, den Vereinschef, Ex-Regierungspräsident Wilhelm Wenning, zu unterstützen.

Seit 2014 hat Dr. Peter Seißer kein Amt mehr in der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland). Bei der bayerischen Landessynode wird er nächstes Jahr nicht mehr kandidieren. "Nach 18 Jahren reicht's", sagt er.

Aber dem Wunsiedler Kirchenvorstand will er treu bleiben. "Der Dekan hat mich überredet: Ich kandidiere noch mal." 42 Jahre lang sitzt Seißer schon in diesem Gremium. "Zwölf Jahre lang war ich das jüngste Kirchenvorstandsmitglied. Seit sechs Jahren bin ich das älteste."

Es ist dieses Pflichtbewusstsein, das viele an Seißer schätzen. Der Altlandrat tritt stets mit Stil auf, ist ein gefragter Gesprächspartner mit einem fundierten Wissen über seine Heimatstadt und den Landkreis - und das über Jahrhunderte zurück. Seißer kann Daten und historische Fakten abrufen, ohne groß nachdenken zu müssen. Die passenden Anekdoten dazu kennt er auch.

Kein Wunder, dass er für die Künstlerische Leiterin der Luisenburg-Festspiele, Birgit Simmler, ein wichtiger Ansprechpartner war bei ihrer Suche nach einem historischen Stoff aus der Region, aus dem sie ein Musical für die Felsenbühne machen kann. Einer von Seißers Tipps, der Zuckerschmuggel eines Wunsiedlers Anfang des 19. Jahrhunderts, wird jetzt Luisenburg-Stoff.

Zu den Festspielen hat Seißer eine besondere Beziehung. Beim Wiederbeginn nach dem Krieg war er als Achtjähriger bereits als Zuschauer dabei. Später, als Wunsiedler Stadtrat, durfte er über den Spielplan mitentscheiden. Er hat es sich nicht leicht gemacht und alle in Frage kommenden Textbücher gelesen.

Als Landrat hat er die Museums-Landschaft im Fichtelgebirge gefördert. "Das war meine Leidenschaft", sagt er heute. Dass das Porzellanikon inzwischen ein staatliches Museum ist, nennt Seißer einen "großen Wurf".

Auch in der örtlichen Geschichtsforschung, Seißers wichtigstem Steckenpferd, gibt es immer wieder Neues, wie er sagt. Derzeit schreibt er am Stadtgeschichte-Band von 1933 bis 1956. Er forscht nach politischen Ereignissen, sucht die Ergebnisse von Wahlen heraus, beleuchtet wirtschaftliche Entwicklung und Bautätigkeit im genannten Zeitraum, vergisst auch den kulturellen Bereich, die Vereine, Schulen und Kirchen nicht. Den Zeitungen und ihren Machern zollt er dabei höchsten Respekt, denn hier finde er oft Dinge, die er aus offiziellen Akten nicht hätte herauslesen können. "Mir wird sicher nie der Stoff ausgehen", sagt der Lokalhistoriker, der sich für die nächste Zukunft einen Kirchenführer für Wunsiedels Gotteshäuser vorgenommen hat.

Als eine seiner wichtigsten Leistungen sieht Seißer den seit 2005 geltenden vierten Absatz zum Paragrafen 130 Strafgesetzbuch ("Volksverhetzung"), der die Verherrlichung der nationalsozialistischen Gewalt- und Willkürherrschaft verbietet, wenn sie den öffentlichen Frieden in einer die Würde der Opfer verletzenden Weise stört. Die von ihm mit juristischer Raffinesse maßgeblich initiierte Gesetzesänderung bedeutete das Ende der alljährlichen Nazi-Aufmärsche zum Gedenken an den Hitler-Stellvertreter und verurteilten Kriegsverbrecher Rudolf Heß, der auf dem Wunsiedler Friedhof beerdigt war.

Ein Gesetz übrigens, dass man nach Seißers Meinung vor ein paar Tagen auch bei den rechten Demonstrationen in Spandau hätte anwenden können. Doch "da fehlt vielleicht die Erfahrung", sagt der Jurist, der mit seiner Frau Ursula eine 28-jährige Tochter und einen 29 Jahre alten Sohn hat. Auch sie sind, getreu der Seißer'schen Familientradition, Juristen geworden.

Wenige Wochen vor der Landtagswahl vielleicht noch ein Wort zu seiner Partei, der SPD? Der hoch dekorierte Sozialdemokrat lehnt sich zurück und seufzt. "Da muss ich's mit Friedrich Schiller halten", sagt er. Und zitiert des Dichters Wort: "Ertragen muss man, was der Himmel sendet."

Autor

Rainer Maier
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Veröffentlicht am:
10. 09. 2018
18:08 Uhr

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10. 09. 2018
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