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Fichtelgebirge

Hemmungslose Hetze im Netz

Auch in der Region toben viele Menschen in sozialen Medien ihren Hass auf Migranten aus. Eine Expertin empfiehlt, gegen Rassismus immer Stellung zu beziehen.



Manchmal driften Debatten in sozialen Netzwerken in regelrechte rassistische Hetzereien ab. Foto: Fabian Sommer/dpa
Manchmal driften Debatten in sozialen Netzwerken in regelrechte rassistische Hetzereien ab. Foto: Fabian Sommer/dpa  

Wunsiedel - Es sind genau 24 Zeilen, die die Frankenpost am Montag veröffentlicht hat: "Unbekannter bedroht drei Asylbewerber" lautete die Überschrift in der Printausgabe der Frankenpost. Die Reaktionen auf den kleinen Artikel, der in den sozialen Medien x-fach geteilt worden ist, waren verheerend. Weit über hundert Kommentare haben die wenigen Zeilen auf den verschiedenen Seiten provoziert. Das Erschreckende daran: Seitenweise tobten sich dabei auch Schreiber zum Teil offen rassistisch aus. "Dass der Unbekannte schon seinen Grund gehabt haben wird, auf die Asylbewerber loszugehen", ist eine der harmlosesten Reaktion gewesen. Ein anderer kommentierte mit einem Grinsegesicht-Emoji "Oha, kennt man ja sonst nur andersrum." Und einer brachte seine Meinung auf diesen Nenner: "Braun ist die Zukunft." Mittlerweile sind viele der Kommentare gelöscht. Dennoch: Wer sich durch all die Anmerkungen (es gab zum Glück auch viele, die gegen das stramm rechte Gedankengut argumentierten) durchgearbeitet hat, konnte nur den Kopf schütteln. Tickt die Gesellschaft wirklich so?

Eine Expertin, die sich mit derartigen Phänomen beschäftigt, ist die Pädagogin Sandra Windisch von der Projektstelle gegen Rechtsextremismus in Bad Alexandersbad. "Viele Studien haben gezeigt, dass sich die Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich gar nicht so sehr geändert hat. Rassistisches Gedankengut hat es schon immer gegeben. Und man täuscht sich, wenn man glaubt, dies sei vielleicht nur ein Randphänomen." Verändert hat sich nach Ansicht von Sandra Windisch die Härte der Sprache. "Im Internet schreiben viele Menschen wesentlich hemmungsloser."

Dass Flüchtlinge derart im Fokus stehen, sieht die Pädagogin als Ergebnis einer gezielten Kampagne bestimmter Parteien oder Kreise. "Die Flüchtlingspolitik ist zu einem Reizthema gemacht worden, weil damit gezielt Ängste geschürt werden können. Angst ist eine der stärksten Emotionen. Und wenn man diese zum Beispiel an Themen wie finanzielle Sorgen oder Kriminalität andockt, hat man schnell einen Schwarzen Peter gefunden."

Tatsächlich haben die Schreiber im Internet etliche Beispiele von kriminellen Asylbewerbern genannt. Dabei prangerten sie unter anderem an, dass die Medien über diese nicht berichten würden. Ja, sogar die Polizei interessiere sich angeblich nicht dafür.

"Quatsch", sagt dazu der Leiter der Polizeiinspektion Marktredwitz-Selb, Robert Roth, auf Nachfrage der Frankenpost . Die Beamten würden bei allen Delikten ermitteln, egal, wer Täter oder Opfer sei.

Zu den angeblich wegen der Asylbewerber laufend steigenden Kriminalität kann sich Roth zumindest bis zum Jahr 2017 äußern. "Die Statistik zeigt ganz klar, dass die Kriminalität sinkt. Selbst die Grenzöffnung konnte daran nichts ändern." Dass im Jahr 2017 rund 200 Fallzahlen mehr zu verzeichnen gewesen sind, begründet Roth mit den Erfolgen der damaligen Polizeiinspektion Fahndung. Meist handelt es sich um Drogendelikte in Zusammenhang mit dem grenzüberschreitenden Drogenhandel.

Zurück zur Hetze in den sozialen Netzwerken. Wie sollen Bürger auf derartige Kommentare reagieren? Sandra Windisch von der Projektstelle gegen Rechtsextremismus hat Verständnis dafür, dass nicht jeder seine Freizeit opfern will, um gegen Rassismus anzukämpfen. "Derartige Auseinandersetzungen können schnell entgleisen. Niemand ist gezwungen, sich damit auseinander zu setzen. Gut ist es aber, wenn man auf Hass-Kommentare zumindest antwortet, dass man anderer Ansicht ist." Es sei eben leider eine der Strategien rechter Gruppierungen, so zu tun, als vertreten sie die wahre Stimme des Volkes. Wenn dann niemand gegen rassistische Posts angehe, stütze dies eine derartige Argumentation.

Dass Menschen angesichts der gesellschaftlichen Umwälzungen, zu der auch die Migration gehört, Ängste entwickeln, will Sandra Windisch nicht verurteilen. "Nein, es ist nun mal eine Tatsache, dass die Asylpolitik eines der schwierigsten Themen ist. Auch ist klar, dass nicht jeder Flüchtling ein Unschuldslamm ist." Als beste "Therapie", die diffusen Ängste vor Migranten zu überwinden, hält die Pädagogin den persönlichen Kontakt.

Auch der Leiter der Polizeiinspektion Marktredwitz-Selb, Robert Roth, hält es für wichtig, einen klaren Kopf zu bewahren und sich zum Beispiel über die tatsächliche Kriminalitätsstatistik zu informieren. "Es gibt sicherlich das Phänomen, dass in den sozialen Medien immer wieder ein und derselbe Fall hochkocht. Irgendwann glaubt man, dass man regelrecht von Ausländerkriminalität umgeben ist, obwohl dies objektiv überhaupt nicht stimmt."

Natürlich wird es stets Stimmen geben, die sagen, dass die Medien politisch gesteuert sind und die Polizei ebenfalls Taten von Flüchtlingen absichtlich verschweigt. Sandra Windisch: "Es hat schon immer Verschwörungstheoretiker gegeben. Ich glaube, das müssen die Medien und die Polizei einfach aushalten."

Autor

Matthias Bäumler
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
31. 10. 2018
18:46 Uhr

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Matthias Bäumler

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31. 10. 2018
18:46 Uhr



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