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Fichtelgebirge

Einsamkeit am Eisernen Vorhang

Bei einer Trauerfeier in Washington nehmen die Vereinigten Staaten an diesem Mittwoch Abschied von ihrem 41. Präsidenten. George H. W. Bush hat 1983 auch das Fichtelgebirge und Mödlareuth besucht.



US-Vizepräsident George Bush begrüßt im Februar 1983 eine Panzerbesatzung im "Camp Gates" in Haingrün bei Marktredwitz. Mit im Bild (vorne, von links): General Frederick J. Kroesen, der Oberkommandierende der US-Streitkräfte in Europa, und Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner. Foto: Archiv
US-Vizepräsident George Bush begrüßt im Februar 1983 eine Panzerbesatzung im "Camp Gates" in Haingrün bei Marktredwitz. Mit im Bild (vorne, von links): General Frederick J. Kroesen, der Oberkommandierende der US-Streitkräfte in Europa, und Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner. Foto: Archiv  

Haingrün - Der Presseoffizier der US-Armee nutzt das schlechte Wetter, um seine Männer in ein günstiges Licht zu rücken. "Der Vizepräsident soll sehen, wie die Soldaten hier leben und arbeiten. Und wie einsam und kalt es hier ist." Es ist der 5. Februar 1983: Der zweitwichtigste Mann der USA ist in Oberfranken zu Gast. Noch ist George Herbert Walker Bush Vizepräsident unter Ronald Reagan. Erst knapp sechs Jahre später wird er zum Chef im Weißen Haus aufsteigen.

Es ist bitterkalt an diesem Februar-Samstag. Eisig bläst der Wind durch den Haingrüner Forst. Die Soldaten der "Gates Forward Sector Base" sind bei Temperaturen von zehn Grad unter Null angetreten, um Bush zu demonstrieren, was sie hier tun, keine zwanzig Kilometer vom Eisernen Vorhang entfernt, der Europa in zwei Blöcke teilt. Ausdrücklich hatte sich der Vizepräsident einen Truppenbesuch bei den vorgeschobenen Posten der US-Armee gewünscht für diesen laut offiziellem Programm eigentlich freien Tag seiner Europa-Reise. Neben dem "Camp Gates" bei Marktredwitz wird er am Nachmittag noch Mödlareuth nahe Hof besuchen, das durch eine Mauer geteilte Dorf, das die Amerikaner "Little Berlin" nennen. Kurz vor 10.30 Uhr setzt die aus Genf kommende "Air Force Two" auf der Landebahn des Nürnberger Flughafens auf. Bushs Dienstflugzeug, eine Boeing 707, ist wie Reagans "Air Force One" in weiß und blau lackiert. Eilig ist für den Vizepräsidenten ein olivfarbener Parka mit weiß-verbrämter Pelz-Kapuze besorgt worden, um ihn vor der Kälte zu schützen. Bushs Frau Barbara, die ihren Mann begleitet, trägt einen dunkelbraunen Nerzmantel. Das berichtet der damalige Frankenpost-Chefreporter Siegfried Woldert in einem Artikel in der Montagszeitung über den Besuch des Vizepräsidenten in Franken. Woldert begleitet Bush den ganzen Tag.

Schon kurz nach der Begrüßung durch den Nürnberger Oberbürgermeister Andreas Urschlechter starten die Bushs, einige hohe Militärs und der in Nürnberg dazugestoßene Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner wieder. Der Flug geht in Richtung Nordosten. Die vier Black-Hawk-Düsenhubschrauber halten auf die tschechoslowakische Grenze zu. Der Tross aus rund achtzig Presse-, Fernseh- und Rundfunkjournalisten aus aller Welt folgt in zwei Chinook-Mannschaftshelikoptern. Eine halbe Stunde später wirbeln sie Schneewolken auf, als sie auf einem Wald-Acker bei Marktredwitz landen. Hier befindet sich das "Camp Gates", das von der in Bindlach stationierten Einheit des zweiten US-Panzeraufklärungsregiments betrieben wird. Ein Dutzend Panzer vom Typ M 60 steht zur Besichtigung bereit. Daneben in Alarmbereitschaft ein Aufgebot der Marktredwitzer Feuerwehr mit ihrem Kommandanten Rudi Greger an der Spitze.

Die Soldaten von Camp Gates sollen Grenzbewegungen in der CSSR beobachten, den Funkverkehr überwachen und im Ernstfall aufklärend tätig werden. Einen Angriff des Warschauer Paktes aufhalten können sie nicht, wie Offiziere George Bush erläutern. Dazu ist das Camp im Haingrüner Forst zu schwach besetzt.

Bei der anschließenden Alarmübung sollen Bush und Wörner vor laufenden Fernsehkameras einen M 60-A 3-Panzer erklimmen. Doch die zu diesem Zweck dort platzierte fünfstufige gelbe Eisenleiter rutscht weg, als ein Sergeant den Besichtigungspanzer nochmals überprüft. Der Soldat fällt und schlägt rücklings auf den hartgefrorenen Boden auf. Schnell wird standfesterer Ersatz beschafft, und Bush und Wörner klettern unfallfrei auf den Tank. Sie schütteln Hände, unterhalten sich mit Soldaten und begrüßen auch deutsche Ehrengäste, etwa den Hofer Polizeichef Martin Oester und den Leiter des Hauptzollamts Hof, Franz Kraus aus Schirnding.

Nach Shrimps und Steaks in einer der "Camp Gates"-Baracken fliegen der Vizepräsident und sein Tross weiter nach Mödlareuth. Vom Betonwachturm hinter der Mauer beobachten DDR-Grenzer mit Ferngläsern und Kameras das Riesenaufgebot auf bayerischer Seite. Hauptkommissar Hans Jakob von der Grenzpolizei Hof und der Kommandeur der Bayreuther Grenzschutzabteilung, Hilmar Dingelreiter, erläutern dem Gast aus den USA die Situation an der deutsch-deutschen Grenze. Der Vizepräsident deutet auf die Sperranlagen und sagt: "Welch ein Widerspruch klafft zwischen den Friedensbeteuerungen von Politikern im Osten und dieser grausamen Grenze."

Der Bürgermeister von Töpen, Arnold Friedrich, überreicht dem Vizepräsidenten ein Buch über den Landkreis Hof und eine Broschüre über das Dorf Mödlareuth. Dann trägt sich George Bush ins Goldene Buch der Gemeinde ein. Alle 27 Bewohner von Mödlareuth-West wohnen diesem Augenblick bei. Die Sicherheitsleute drängen zum Aufbruch. Das Wetter ist schlechter geworden, das Schneetreiben verdichtet sich, wird zum Schneesturm. Bushs Hubschrauber schaffen es nicht mehr bis nach Nürnberg, wo die "Air Force Two" zum Weiterflug nach Rom bereit steht. Sie müssen bei der US-Panzereinheit auf dem Bindlacher Berg notlanden. Die Autobahn von Bayreuth nach Nürnberg ist durch einige Unfälle im Schneechaos zeitweise blockiert. Die Secret-Service-Agenten haben Sicherheitsbedenken, wollen ihren Vizepräsidenten diese Route nicht nehmen lassen.

George Bush entscheidet sich, den Eilzug um 16.38 Uhr von Bayreuth nach Nürnberg zu nehmen. Mit einigen Minuten Verspätung kommt der Zug gegen 18 Uhr in Nürnberg an. Bereits 33 Minuten später hebt das Flugzeug des US-Vizepräsidenten mit vierstündiger Verspätung vom Flughafen ab. George Herbert Walker Bushs oberfränkisches Winter-Abenteuer ist zu Ende.

Lesen Sie dazu auch, wie zwei Marktredwitzer 1983 unverhofft zu einer Begegnung mit dem zweitmächtigsten Mann der Welt gekommen sind. Sie schwärmen noch heute davon >>>

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Rainer Maier
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Veröffentlicht am:
04. 12. 2018
16:02 Uhr

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04. 12. 2018
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