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Fichtelgebirge

Der späte Vogel fängt mehr Würmer

Auch im Fichtelgebirge denken Pädagogen und Psychologen über einen späteren Unterrichtsbeginn nach. Denn müde Schulkinder sind gestresst und unstrukturierter.



Lehrer blicken in Klassenzimmern immer häufiger in müde Gesichter - Schlafforscher plädieren längst für einen späteren Schulbeginn. Foto:Patrick Pleul/dpa
Lehrer blicken in Klassenzimmern immer häufiger in müde Gesichter - Schlafforscher plädieren längst für einen späteren Schulbeginn. Foto:Patrick Pleul/dpa  

Marktredwitz/Selb - "Jetzt schon Mathe...", stöhnen etliche Kinder, wenn sie sich morgens aus dem Bett quälen. Vor allem die Mädchen und Jungen, die mit dem Bus oder Zug zur Schule kommen, müssen besonders früh raus. Im Marktredwitzer Gymnasium beginnt der Unterricht um 7.45 Uhr. "Ich persönlich finde das zu früh", sagt Schulleiter Stefan Niedermeier. Denn um sieben Uhr befänden sich die Kinder Schlafforschungen zufolge noch in der Tiefschlafphase. Auch Tabea-Stephanie Amtmann, Schulleiterin des Walter-Gropius-Gymnasiums in Selb, ordnet sich selbst in die Kategorie "Nachteule" ein und versteht die Probleme ihrer Schüler. Das Schlafdefizit der Jugendlichen habe mehrere Gründe - unter anderem das Verkehrsnetz der Region.

"Abends werden Online-Bekanntschaften gepflegt - Hausaufgaben werden oft erst nachts erledigt", sagt Ronya Semrau, Schulpsychologin am Marktredwitzer Gymnasium. Hinzu komme, dass sich bei Eintritt der Pubertät der Tages- und Nacht-Zyklus verschiebe. "Diese Verschiebung ist meist nicht kompatibel mit dem Schulsystem", weiß Semrau. Zu wenig Schlaf mache die Kinder nicht nur früh am Morgen müde, sondern auch tagsüber. Das führe zu Konzentrationsschwächen während des Unterrichts.

Das Kultusministerium in Hannover hat auf diese Erkenntnisse reagiert: Seit vergangenem Jahr ist es in Niedersachsen den Schulen überlassen, wann sie mit dem Unterricht beginnen: Früher als 7.30 Uhr soll es nicht sein, nach hinten aber gibt es keine Grenze. Damit wird das möglich, was Schlafforscher in Deutschland wie in den USA seit Jahren fordern: den Schulbeginn nach hinten zu verschieben, um den Jugendlichen mehr Schlaf zu gönnen.

Großbritannien geht sogar noch weiter: Bereits jetzt gibt es das Unterrichtsfach "Personal, Social, Health and Economic Education", kurz PSHE, in einigen Schulen, ab 2020 wird es für alle verpflichtend. Hauptziel ist, die physische und psychische Gesundheit der Kinder anzukurbeln. Die "PSHE Association" will Wissen, Fähigkeiten und Eigenschaften vermitteln, die Schüler benötigen, um gesund und sicher im Leben zu stehen. Zudem sollen die Schüler lernen, wie sie sich in kritischen Situationen verhalten können. Es gebe Beweise, dass das Fach Probleme wie Teenagerschwangerschaften, Drogenmissbrauch und ungesunde Essgewohnheiten verringere, argumentiert die "PSHE Association".

In Marktredwitz hat die Schulpsychologin des OHGs beobachtet, dass die Verschiebung der Schlaf-Zyklen auch die jüngeren Schüler betrifft. "Diese wirken extrem müde", sagt Semrau. PSHE zeige den Schülern, wie sie genügend Schlaf bekommen, ohne soziale Bekanntschaften und Schule zu vernachlässigen: Sie müssten ihre Freizeit und Lernzeit anders einteilen.

Semrau ist außerdem der Meinung, dass ein solches Unterrichtsfach Stress und Konflikte auffangen würde. Es wirke präventiv - die Schulkinder müssten gar nicht in die Sprechstunde der Schulpsychologin kommen. "Der Fokus sollte größtenteils auf der Stressprävention liegen", fügt Semrau hinzu. Vor allem in Prüfungsphasen könnten Entspannungstechniken nützlich sein.

"Ich persönlich finde unser Schulsystem nicht schlecht. Es wäre jedoch sinnvoll, den Schülern von Anfang an dabei zu helfen, ihren Alltag zu strukturieren", sagt Semrau.

Ständig müde, vor allem in der Prüfungsphase, fühlt sich auch Madleine Schneider, Schülerin der Q 11 im Otto-Hahn-Gymnasium. "Ich würde mich freuen, wenn man Unterstützung bekäme." Magdalena Waldmann aus derselben Klasse fände es sogar sinnvoll, wenn so ein Fach schon in der Unterstufe angeboten würde.

Nicht abgeneigt steht Schulleiter Stefan Niedermeier diesen Gedanken gegenüber: "Warum nicht?", lautet seine kurze und knappe Antwort. Schwierigkeiten bei der Verwirklichung sieht seine Selber Kollegin: "So ein Fach könnten wir nur außerhalb des bayerischen Lehrplans unterrichten."

Autor

Esra Tugci
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Veröffentlicht am:
21. 03. 2019
16:22 Uhr

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