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Fichtelgebirge

Experte: Fichtelgebirge als Atommüll-Endlager ungeeignet

Der Granit ist zu spröde und anfällig für Brüche und tiefe Risse, sagt der Geologe Dr. Andreas Peterek. Auch viele andere Anforderungen werden in der Region nicht erfüllt.



Experte hält Fichtelgebirge für ungeeignet
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Marktredwitz - "Ich kann Ihnen die Sorge nehmen, dass diese Region ein Endlager bekommen wird." Mit diesem Satz beginnt Dr. Andreas Peterek am Dienstagabend seinen Vortrag. Die rund siebzig Interessierten im Saal des "Meister Bär"-Hotels in Marktredwitz atmen tief durch. Petereks Vorredner, Helge Bauer von der Anti-Atom-Organisation "Ausgestrahlt", hatte offengelassen, ob es zur langfristigen Lagerung von hoch radioaktiven Abfällen im Fichtelgebirge kommen kann. Peterek dagegen ist glasklar in seiner Analyse, beantwortet mit einem eindeutigen "Nein!" die Frage, ob das nordostbayerische Kristallin-Gestein für ein Endlager geeignet ist.

Bei dem derzeit laufenden Verfahren zur bundesweiten Standortsuche, das Bauer ausführlich erläutert hat, bestimmen ausschließlich wissenschaftliche Aspekte die ersten beiden Phasen. Erst beim dritten Schritt kommt eine politische Abwägung ins Spiel. Peterek, Diplom-Geologe mit Lehrauftrag an der Uni Bayreuth und derzeit auch Geschäftsführer des Geoparks Bayern-Böhmen, hat an den vorbereitenden Workshops der Atommüll-Kommission teilgenommen. Er zählt auf, dass es im Fichtelgebirge geologische Ausschlusskriterien für ein Endlager gibt und dass zusätzlich geologische Mindestanforderungen hier nicht erfüllt werden.

Ausgeschlossen ist die Endlagerung in aktiven tektonischen Störungszonen. Das Fichtelgebirge sowie der nahe Egerer Graben sind seit 35 Millionen Jahren seismisch aktiv. In jüngster Vergangenheit gab es hier deutlich wahrnehmbare Schwarmbeben, aber auch starke Erdbeben haben Paläoseismologen aus Tschechien jüngst nachgewiesen. Etwa ein Beben der Stärke 6,5 um das Jahr 1200 vor Christus, also in geologischen Dimensionen nur einen Wimpernschlag von unserer Zeit entfernt. Dieses Beben, bei dem etwa die zweitausendfache Energie der Hiroshima-Bombe freigesetzt wurde, hatte zu massiven Verschiebungen der Gesteine geführt. "Stellen Sie sich vor, was da mit hier eingelagerten Castor-Behältern passiert wäre", sagt Peterek. Zudem ist das Fichtelgebirge - neben der Eifel - als vulkanisch gefährdetes Risikogebiet Deutschlands klassifiziert. Das jüngste derartige Ereignis bei Neualbenreuth liegt erst 280 000 Jahre zurück, wie der Wissenschaftler weiter sagt.

Auch Mindestanforderungen an ein künftiges Endlager erfülle das Fichtelgebirge nicht. So sei im zerklüfteten Granit das Kriterium der Wasserundurchlässigkeit nicht zu garantieren. "Seit fünfzig Millionen Jahren hebt sich die Region und reißt dabei auf wie ein Brotlaib", sagt Peterek. Es gebe viele tiefe Brüche und damit zirkulierendes Wasser bis in vier, fünf Kilometern Tiefe. Ein vier Quadratkilometer großes stabiles und wasserundurchlässiges Areal sei nirgendwo im Fichtelgebirge zu finden.

Helge Bauer hatte zuvor über die Suche nach einem sicheren Lagerort für die derzeit rund 17 000 Tonnen hoch radioaktiven Mülls berichtet. Seit September 2017 läuft demnach das Verfahren. Der Atommüll soll in Salz-, Ton- oder Kristallin-Gestein für eine Million Jahre sicher eingelagert werden. Unter Aufsicht des Bundesumweltministeriums suchen zwei neugegründete Behörden nach dem Standort: das Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit und die Bundesgesellschaft für Endlagerung. Sie gehen nach im Standortauswahlgesetz festgelegten Phasen vor und sollen sich bis 2031 festlegen. Die Endlagerung soll 2050 beginnen. Die Organisation "Ausgestrahlt" kritisiert mangelnde Transparenz und fehlende Mitspracherechte von Betroffenen.

 

Aufmerksame Beobachter

Das Landratsamt Wunsiedel beobachtet den Prozess der Standortsuche seit Jahren aufmerksam. Das hat der Leiter der Entwicklungsagentur Fichtelgebirge, Thomas Edelmann, am Dienstagabend betont. Der Landkreis war – neben dem Fichtelgebirgsverein und den Kreisverbänden Wunsiedel und Bayreuth des Bundes Naturschutz – einer der Ausrichter der Informationsveranstaltung. Edelmann riet: „Bleiben Sie relaxed.“ Wie Dr. Peterek gingen auch die Fachleute im Landratsamt davon aus, dass das Fichtelgebirge „sicher aus dem Auswahlprozess herausfällt“. Die wissenschaftlichen Ausschlusskriterien und Mindestanforderungen seien schließlich Kern des Gesetzes. „Wir werden die erforderlichen Daten rechtzeitig ins Verfahren einspeisen“, sagte Edelmann.

 

Skepsis gegenüber Politik

Nach den Kriterien, die im Standortauswahlgesetz festgelegt sind, muss das Fichtelgebirge als möglicher Endlager-Ort ausscheiden. Die 2017 vom Bundestag verabschiedete Vorschrift soll – ein Novum in der Gesetzgebung – selbsthinterfragend und lernend sein. „Ein schöner Ansatz“, sagte Helge Bauer von „Ausgestrahlt“. Seine positive Bewertung dieses Verfahrensaspekts zog Udo Benker-Wienands von der Ökologischen Bildungsstätte Burg Hohenberg in Zweifel: „Es wird eine politische Entscheidung bleiben.“ Finde sich kein geeigneter Standort, „lerne“ der Gesetzgeber vielleicht, dass man die Standards senken müsse. Raimund Rauch brachte es auf den Punkt: „Ich vertraue nicht darauf, dass die Politik nach rein wissenschaftlichen Kriterien entscheidet.“

 

Was machen die anderen?

Bei der Informationsveranstaltung wollten die Teilnehmer wissen, wie andere Staaten mit ihrem Atommüll umgingen. Helge Bauer sagte, in der Schweiz zeichne sich keine Protestkultur wie in Deutschland ab. Dort werde man wohl ein Endlager in Ton-Gestein nahe dem Bodensee bauen. In Frankreich sei das Felslabor Bure im Département Meuse an der belgischen Grenze der favorisierte Standort. In Schweden konkurrierten sogar Orte darum, mit ihren Granit-Gesteinen Endlager-Standort zu werden. In China zähle Atomkraft zu den „sauberen Energien“. Eine Antwort auf die Lagerung des radioaktiven Mülls habe man dort aber nicht. Tschechien sei ebenfalls auf Standort-Suche. Unter anderem sei ein Endlager in der Nähe von Karlovy Vary (Karlsbad) angedacht.

 

Autor

Rainer Maier
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Veröffentlicht am:
27. 03. 2019
17:52 Uhr

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27. 03. 2019
17:52 Uhr



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