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Fichtelgebirge

Mit vier Jahren zurück nach Afghanistan

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge schickt einem kleinen Mädchen einen negativen Bescheid. Jetzt droht die Abschiebung.



Sie gehen in eine ungewisse Zukunft: Die vierjährige Malia und ihr Vater Arman (Namen von der Redaktion geändert) sollen nach Afghanistan ausreisen. Foto: Christl Schemm
Sie gehen in eine ungewisse Zukunft: Die vierjährige Malia und ihr Vater Arman (Namen von der Redaktion geändert) sollen nach Afghanistan ausreisen. Foto: Christl Schemm  

Wunsiedel - Noch hat Malia nicht bemerkt, dass ihre "deutsche Mama" gekommen ist. Das Kind spielt auf der anderen Seite des Hauses. Doch als es die Stimme der Betreuerin hört, läuft es los, wirft sich der Frau in die Arme und ruft laut deren Namen. So sieht ein bisschen Glück aus für ein Kind, das seit seiner Geburt im Ausnahmezustand lebt. Die Chance, in Ruhe und Frieden zusammen mit ihrer Familie in das Leben zu starten, hatte die kleine Afghanin bislang nicht. Seit Ende vergangenen Jahres wohnt Malia mit ihrem Vater Arman in einer der sechs Gemeinschaftsunterkünfte (GU) im Landkreis Wunsiedel. Die Zukunft der Familie ist ungewiss. Um sie zu schützen, sollen das Kind und der Vater in diesem Artikel anders heißen als in Wirklichkeit.

Malia ist eines von Millionen Flüchtlingskindern, die derzeit durch die Welt irren. Geboren wurde sie Ende Mai 2015 in Teheran. Vor einigen Tagen feierte sie ihren vierten Geburtstag mit anderen Asylbewerbern und einigen Betreuerinnen in der Gemeinschaftsunterkunft. Ein kleines Fest mit bunten Luftballons, Geschenken und Kuchen, bei dem das Kind es genießt, im Mittelpunkt zu stehen. Noch ahnt es nicht, auf welch brüchigem Boden diese paar Stunden Freude begründet sind.

Denn das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) hat Malias Asylantrag abgelehnt. "Die Antragstellerin wird aufgefordert, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb von 30 Tagen nach Bekanntgabe dieser Entscheidung zu verlassen", heißt es in dem Bescheid.

Ohne eine Entbindung von der Schweigepflicht kann das Bamf keine Auskunft zu Einzelfällen im Asylverfahren geben. Um Fragen über den Bescheid für Malia stellen zu können, hätte es eine Vollmacht von Malias Vater gebraucht, außerdem eine Kopie des Presse-Ausweises der Autorin des Artikels und eine Kopie des Ausweises des Antragstellers. Im Hinblick darauf, dass die Auskunft aus dem Bamf Malia letztlich auch nicht weiterhelfen würde, haben die Beteiligten allerdings darauf verzichtet.

Die Geschichte der kleinen Afghanin ist ein Paradebeispiel dafür, in welchem Spannungsfeld sich das Asylgeschehen in Deutschland abspielt. Es ist ein Drahtseilakt zwischen dem erklärten Ziel der Bundesregierung, Menschen, die sich laut der Entscheidung über ihren Asylantrag ungerechtfertigterweise in der Bundesrepublik aufhalten, so schnell wie möglich wieder außer Landes zu schicken, und pragmatischem Handeln mit Vernunft, Menschenwürde und Menschlichkeit.

Das ist ein Spagat, der schwer hinzubekommen ist und dessen Folgen die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer auch im Landkreis Wunsiedel immer wieder aufs Neue empören. Denn sie sind es schließlich, die tagein und tagaus den Asylbewerbern begegnen. Für die Betreuer haben Geflüchtete Gesichter, Gefühle und Geschichten. Sie sind nicht nur Namen und Nummern auf einem Stück Behörden-Papier.

In Malias Fall ist es nicht nur die Entscheidung an sich, die den professionellen und ehrenamtlichen Helferinnen die Zornesröte ins Gesicht treibt. Ablehnungsbescheide sind in ihrer Arbeit an der Tagesordnung. Ebenso wie die Betroffenen selbst müssen die Betreuerinnen und Betreuer lernen, damit umzugehen und die rechtliche Situation zu akzeptieren. Das fällt oft sehr schwer. Vieles, was den behördlichen Umgang mit Flüchtlingen und Asylbewerbern betrifft, ist nach Meinung der Betreuer kritikwürdig. Das Besondere in Malias Fall ist, dass das Asylverfahren des Kindes unabhängig von jenem ihres Vaters läuft. Deswegen bekam das Kind vom Bamf einen eigenen Bescheid, in dem die Behörde aber mit keinem Wort auf die spezielle Situation des kleinen Mädchens eingeht. Und das bringt die Helferinnen, die sich um Vater und Kind kümmern, in Rage.

Eigentlich kommt Malias Familie aus Afghanistan. Aus Kabul. Vor neun Jahren floh Vater Arman in den Iran und heiratete dort. Malia wurde in Teheran geboren, wie der Vater im Gespräch mit der Frankenpost berichtet. Die Flucht habe die Familie über die Türkei nach Griechenland geführt, wo Malias kleine Schwester geboren worden sei. Später ging der Vater weiter nach Deutschland, weil er dachte, hier gebe es nicht so viele Probleme wie in Griechenland. Malia kam nach. Mutter und Schwester sollten folgen, sind aber nach wie vor in Griechenland. Ebenso wie Malias Asylantrag hat das Bamf jenen ihres Vaters abgelehnt. Deswegen schlugen auch vielfache Bemühungen fehl, die Familie zusammenzuführen. Gegen die negativen Bescheide hat der Vater Klage erhoben.

Seit Mai 2017 betreut besonders eine ehrenamtliche Helferin den Vater. Seit Malia in der GU wohnt, kümmert die Frau sich auch um die Vierjährige. "Ich finde es unwürdig, Familien so lange getrennt zu lassen. Und ich kann es gar nicht in Worte fassen, was ich darüber denke, ein vierjähriges Kind mit so einem Wisch abschieben zu wollen", sagt sie. Hier werde das Wohl der Menschen vernachlässigt. Allen Familienmitgliedern gehe es nicht gut. Die Betreuerin findet, man müsse dem Vater die Chance geben, einen Deutschkurs zu besuchen und dann seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. "In welchem Land leben wir eigentlich? Das ist kein Zustand, Kinder in einer Unterkunft mit überwiegend Männern wohnen zu lassen. Außerdem gibt es für Malia zurzeit keinen Kindergartenplatz."

"Kopf kaputt." Nur mit zwei Worten kommentiert Arman zunächst seine Situation. Er könne nicht schlafen und habe starke Magenschmerzen, da er die ganze Zeit nur an die Probleme seiner Familie denke. Die Angst macht ihn krank.

Das kann Hanna Keding, hauptamtliche Mitarbeiterin der AWO und zuständig für die "Koordinierungsstelle bürgerschaftliches Engagement" im Landkreis Wunsiedel, sehr gut nachvollziehen. Sie stößt sich daran, dass nicht nur Gefährder, Identitätsverweigerer und Straftäter nach Afghanistan abgeschoben werden können, sondern mittlerweile auch wieder Familien, Frauen und Kinder, für die die allgemeine Rechtsprechung bislang ein Abschiebeverbot vorgesehen habe. Die Textbausteine, die das Bamf in den Bescheiden verwende, seien detaillierter als früher verfasst, um rechtlich auf der sicheren Seite zu sein. Aber letztlich seien es eben nur unpersönliche, vorgefasste Phrasen, die nicht auf die persönliche Situation eingingen.

Zwar heißt es auf Seite 13 im Ablehnungsbescheid des Bamf, dass minderjährige Kinder nicht getrennt von ihren Eltern abgeschoben würden und die Ausländerbehörde über die "vorübergehende Aussetzung der Abschiebung zur Ermöglichung einer gemeinsamen Ausreise zusammen mit den Eltern oder Personensorgeberechtigten" entscheide. Aber für Hanna Keding bedeutet das nichts weniger, als dass die Behörden warten wollen, "bis der Vater ins Unglück geschickt werden kann".

Die AWO-Beraterin pocht nicht darauf, dass Malia alleine deswegen, weil sie noch ein Kind ist, in Deutschland Asyl bekommen sollte. Jedoch richtet sich Hanna Kedings Kritik unter anderem dagegen, dass mit dem Bescheid einem vierjährigen Kind eine Abschiebung angedroht werde, die vor keinem Gericht Bestand haben werde. "Jeder, der den Asylantrag Malias sieht, weiß, dass das Mädchen vier Jahre alt ist. Da müssten doch die Mitarbeiter des Bamf, die über die Lebenswege der Menschen entscheiden, innehalten und überlegen, was sie verfassen, und nicht nur Textbausteine zusammenfügen", wünscht sich die Fachfrau. "Ein solcher Bescheid müsste den Gesamtzusammenhang widerspiegeln. So ist es nur ein herzloser Behördenwisch. Ich schäme mich dafür, dass eine deutsche Behörde solche Bescheide verschickt."

Die hauptamtliche Beraterin fragt sich zudem, was solche Briefe mit den Leuten machen, die ehrenamtlich helfen. "Wie sollen sie so einen Brief übersetzen, den sehr negativen Inhalt erklären und woher die Kraft nehmen, danach wieder in die GU zu gehen?", fragt sie sich. Die Betreuerinnen und Betreuer versuchten ständig, die Asylbewerber dabei zu unterstützen, die Schule zu besuchen, eine Ausbildung zu machen, sich zu integrieren. "Das wollen die meisten Asylbewerber auch. Aber mittlerweile werden Männer aus der Ausbildung oder einem Arbeitsverhältnis abgeschoben." Ein Damoklesschwert, wie es auch über der kleinen Malia und ihrem Vater schwebt.

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Christl Schemm
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Veröffentlicht am:
14. 06. 2019
18:54 Uhr

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Autor

Christl Schemm

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Veröffentlicht am:
14. 06. 2019
18:54 Uhr



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