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Fichtelgebirge

Drei Viertel des Lohns behält der Staat

Heimkinder kriegen nur 25 Prozent ihres Verdienstes. Der Wunsiedler Einrichtungsleiter Joachim Lehmann findet das Gesetz "ungerecht", er fordert eine rasche Änderung.



Wie viel Geld muss ein Auszubildender abgeben, für den der Staat den gesamten Lebensbedarf finanziert? Darüber diskutieren Politiker seit Langem. Doch die geplante Senkung auf 50 Prozent des Nettogehaltes ist immer noch nicht gesetzlich verankert.
Wie viel Geld muss ein Auszubildender abgeben, für den der Staat den gesamten Lebensbedarf finanziert? Darüber diskutieren Politiker seit Langem. Doch die geplante Senkung auf 50 Prozent des Nettogehaltes ist immer noch nicht gesetzlich verankert.   Foto: Andrea Warnecke, dpa

Wunsiedel - Viele Schüler bessern derzeit in Betrieben der Region ihre Kasse auf: Etliche Jugendliche nutzen einen Teil der Sommerferien, um Geld für den Urlaub, den Führerschein oder das erste Auto zu verdienen. Doch während Eltern ihrem Nachwuchs selten die ersten verdienten Euro abknöpfen, läuft das bei "Empfängern vollstationärer Jugendhilfemaßnahmen" - im Volksmund Heimkindern - anders.

Wunsiedler Jugendamt und Kreisrat Hermann Sirtl plädieren für Gesetzesänderung, warnen aber vor Polemik

"Ausdrücklich begrüßt" auch das Kreisjugendamt Wunsiedel im Interesse der Hilfeempfänger eine alsbaldige Gesetzesänderung. Die geplante Senkung der Abgaben von 75 auf 50 Prozent stelle für betroffene Lehrlinge "eine faire Regelung dar".

Da die Jugendhilfe-Aufwendungen in den vergangenen Jahren exorbitant gestiegen seien, warnt das Kreisjugendamt Wunsiedel jedoch vor polemischen Aussagen. Heimkinder würden keineswegs in "Unter-ein-Euro-Jobs" gezwungen, wie Bernhard Kuhn vom Verein Lebensarchitektur in einem BR-Interview behauptete. Kuhn hatte gesagt: "Bei den Kostenbeiträgen werden Kinder Opfer. In der heutigen Kinder- und Jugendhilfe haften Kinder für ihre Eltern. Ist das mit dem Recht vereinbar?"

Eine "vollstationäre Hilfegewährung" decke den gesamten Lebensbedarf des jungen Menschen außerhalb des Elternhauses, erläutert das Wunsiedler Jugendamt. In voller Höhe würden auch berufsbedingte Kosten für Bekleidung oder Fahrten übernommen. Junge Volljährige erhielten außerdem, wie vom Familienministerium festgelegt, monatlich 114,48 Euro Taschengeld.

Bei 1000 Euro Nettoeinkommen pro Monat blieben dem Azubi 250 Euro, dazu bekomme ein junger Volljähriger das Taschengeld: Also habe er 364,48 Euro zur persönlichen Verfügung, rechnet das Landratsamt vor.

Aus pädagogischer Sicht sei es wichtig, Jugendlichen zu vermitteln, dass jeder arbeite, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sagt CSU-Kreisrat Hermann Sirtl aus Wunsiedel. Auch Azubis sollten mit ihrem Gehalt zum häuslichen Einkommen beitragen. Hinsichtlich der Beitragshöhe gebe es bei "normalen" Lehrlingen sicher eine sehr breite Spreizung, räumt der Pädagoge ein, der jahrzehntelang die Realschule in Selb geleitet hat.

Der Plan, bei Hilfeempfängern von 75 auf 50 Prozent zu gehen, "erscheint mir einsichtig", sagt Sirtl: Er begrüßt den neuen Gesetzentwurf grundsätzlich. "Trotzdem sollte man nicht vergessen, dass dafür Steuergelder fließen müssen. Ich bin froh, in einem Staat zu leben, der diese Sozialausgaben zur Verfügung stellen kann und will." Betroffene sollten über die tatsächlichen Kosten ihrer Heim- oder Pflegefamilien-Unterbringung informiert sein, wenn der Staat als Kostenträger und Elternersatz fungiere

 

Weil der Staat für Unterkunft, Verpflegung, Bekleidung und Taschengeld sorge, seien die jungen Menschen verpflichtet, drei Viertel ihres Einkommens abzugeben, informiert das Wunsiedler Kreisjugendamt. Diese gesetzliche Regelung gelte für Auszubildende wie für Ferienjobber, die auch nur ein Viertel ihres Lohns behalten dürften. Betroffen seien derzeit im Kreis Wunsiedel elf Auszubildende, darunter drei Volljährige.

 

"Das ist absolut demotivierend und ungerecht", kritisiert Joachim Lehmann, Leiter des Kinder- und Jugendhilfezentrums Sankt Josef. 42 Minderjährige lebten derzeit in der Wunsiedler Einrichtung - sechs davon seien Auszubildende und von der 75-Prozent-Regel betroffen. Lust auf Ferienarbeit verspüre aufgrund der gesetzlichen Vorgaben kein einziger Bewohner in Sankt Josef; auch das Kreisjugendamt verzeichnet im betreuten Wohnen keinen einzigen Ferienjobber im Fichtelgebirge.

Doch ein erster Einblick in die Arbeitswelt außerhalb des betreuten Umfeldes sei für Jugendliche eine wichtige, prägende Erfahrung, sagt Lehmann. Sie fördere die Eigeninitiative, die Persönlichkeitsentwicklung und die Wertschätzung. "Wenn ich den ganzen Tag gearbeitet habe, statt alles in den Hintern geblasen zu bekommen, gehe ich mit meinen Mitteln anders um." Rund zwölf Bewohner in Sankt Josef hätten durchaus Interesse an einem Ferienjob, wenn sie mehr als ein Viertel ihres verdienten Geldes behalten dürften. "Dieser Abzug ist weder fair noch zeitgemäß", sagt der Fachmann.

Ziel des betreuten Wohnens sei ja, den Jugendlichen ein familienähnliches Umfeld zu geben. "Aber welche Eltern sagen schon zu ihren Kindern: Du musst den Großteil deines Ferien-Verdienstes abgeben?" Das Geld, das Schüler in den wenigen Ferientagen verdienten, sollten sie für persönliche Wünsche ausgeben dürfen, fordert der Einrichtungsleiter.

Anders sehe es bei der Ausbildungsvergütung aus: Hier nennt Lehmann es "angemessen", dass Lehrlinge etwas abgeben müssten. "Aber 75 Prozent sind viel zu viel", findet der Leiter des Jugendhilfezentrums. Azubis, die zu Hause wohnten, müssten in der Regel auch nur "symbolisch ein bisschen Kostgeld" zahlen.

"Sehr gut und längst überfällig" sei daher eine Änderung des Gesetzes zur Stärkung Jugendlicher, findet Lehmann. Vorgesehen ist, Jugendlichen nur noch die Hälfte ihres Lehrlings-Nettogehalts abzuziehen. "50 Prozent sind angemessen, wenn das Jugendamt den gesamten Lebensunterhalt des Auszubildenden bestreitet", urteilt der Fachmann.

Betreut wohnende Jugendliche dürften immerhin für große Investitionen wie den Führerschein oder die Erstausstattung bei Auszug Sonderzuschüsse beantragen, erklärt Lehmann. Wie viel Geld sie bekommen, hänge teilweise vom zuständigen Jugendamt ab. "Es gibt großzügige und geizige Verantwortliche." Weil die Sankt-Josef-Bewohner nicht nur aus dem Fichtelgebirge, sondern aus ganz Nordbayern kommen, müsse man die Mittel bei unterschiedlichen Landratsämtern beantragen.

"Eindeutig ein Witz": So kommentiert der Leiter von Sankt Josef die Höhe des Bekleidungs-Geldes - Jugendliche bekämen nur 30 Euro pro Monat. "Das ist viel zu wenig." Im Vergleich mit Gleichaltrigen passe auch hier die Relation ganz und gar nicht.

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Brigitte Gschwendtner
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Veröffentlicht am:
21. 08. 2019
16:14 Uhr

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Brigitte Gschwendtner

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Veröffentlicht am:
21. 08. 2019
16:14 Uhr



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